2. Tag

Nach dem Frühstück, das nur auf dem Zimmer serviert wurde, fuhren wir zum Rasthrapati Bhavan, dem schloßähnlichen Amtssitz des Staatspräsidenten, und den benachbarten Sekretariatsgebäudekomplexen, die zwischen 1912 und 1931 beiderseits der 3 km langen Promenade „Rajpath“ errichtet worden waren. Dieser folgten wir bis zum „India Gate“ am anderen Ende. Rund um den 42 m hohen Triumphbogen, der offiziell „All India War Memorial“ heißt, herrschte am heutigen Sonntag Volksfeststimmung mit vielen Verkäufern, die von Schmuck, Seifenblasenspendern und Zuckerwatte bis hin zu einer reichen Streetfood-Auswahl alles Mögliche anboten. Die Essensstände böten oft eine bessere Qualität an, als viele Restaurants, hatte man uns erklärt. Denn die Straßenköche hätten sich auf nur ein einziges Gericht spezialisiert, von dem sie pro Tag meist mehrere hundert Portionen verkauften, während die Restaurantköche manche Gerichte der umfassenden Speisekarten oft tagelang überhaupt nicht zubereiteten.

Wir spazierten dann an einer großen Wiese mit zahlreichen Cricket-Spielern vorbei. Dieser Mannschaftssport ist in Indien noch beliebter als in seinem Mutterland Großbritannien. Anschließend ging es weiter zur Ruine der Khair ul Manazil-Moschee. Der Bau wurde im 16. Jahrhundert von Maham Anga, der Amme des Großmoguls Akbar in Auftrag gegeben. Dann besuchten wir direkt gegenüber das alte Fort Purana Qila, umgeben von 20 m hohen und 4 m dicken Mauern. Aufgrund der World Heritage Week vom 19. bis zum 25. November war der Eintritt von 200 INR heute kostenlos.

Am benachbarten Zoologischen Garten standen hunderte Besucher in langen Schlangen vor den Kassen und zeigten eindrücklich, dass man in Indien mit seinen gut 1,3 Milliarden Einwohnern eigentlich nirgendwo allein ist. Das wurde auch deutlich, als wir mit dem Tuk Tuk über eine vielbefahrene sechsspurige Brücke auf die andere Seite des Yamuna zum Swaminarayan Akshardham-Tempel fuhren. Gegen dieses Bauwerk waren die beiden Tempel am Vortag winzig und ihr Besuch ein Klacks gewesen. Der tempeleigene Parkplatz war riesig und hätte jedem Einkaufszentrum alle Ehre gemacht. Die Zufahrt mit den Kassen sah aus wie eine Mautstelle an der Autobahn und am Eingang des Tempels warteten Tausende Besucher. Man durfte weder Handys, noch Taschen, Kameras, Schirme oder elektronische Geräte mit hineinnehmen. An der Abgabestelle für all diese Dinge stand vor jedem der sieben Schalter eine etwa 50 m lange Schlange. Beim Anstehen konnte man schon mal in aller Ruhe ein Formular mit seinen Habseligkeiten ausfüllen. Alle warteten geduldig und nach etwa 40 Minuten waren wir dann an der Reihe. Als wir unsere Taschen und Kameras abgaben, wurde wie bei der Einreise am Flughafen mit einer Webcam ein Bild von uns und unseren Sachen gemacht. Zudem bekamen wir eine Blechmarke mit einer Nummer. Manche Leute gaben mehr als ein Dutzend Smartphones ab, ich behielt meines aber im Bauchgurt. Dann stellte ich mich an der Sicherheitskontrolle an. Dort wurden alle paar Minuten Gruppen von etwa 100 Leuten zu einer Reihe von Metalldetektoren vorgelassen. Dahinter wurde man so gründlich abgetastet, dass auch mein Bauchgurt nicht verborgen blieb. Ich musste sogar beide Fächer öffnen und wurde dann aufgrund des Smartphones zum „Cloak Room“ zurückgeschickt. Die Dame dort brachte sofort zielsicher meinen Rucksack und ich konnte mein Handy hineinpacken. Dann durfte ich direkt zur Personenkontrolle zurück, wurde erneut gründlich durchsucht, durfte aber dieses Mal passieren.

Der Tempel aus Sandstein und Marmor wurde 2005 eingeweiht. Sein Bau hatte 300 Millionen freiwillige Arbeitsstunden erfordert, dabei hatte man an alles gedacht. Durch ein großes Visitor Center gelangte man zunächst in den Garten. Dort gab es spirituelle Wasserspiele mit Lasershow und Schauspielern, die eine wichtige Geschichte aus den Upanishaden, einer philosophischen Schriftensammlung des Hinduismus, nacherzählten. Nachdem man seine Schuhe an einem von zwei großen Schaltern abgegeben hatte, durfte man dann über eine breite Treppe in den Tempel selbst hinein, der innen sehr aufwendig dekoriert und blitzsauber war. Auf dem Weg zurück zum Ausgang kamen wir nacheinander an einem Spielplatz, einem Souvenirshop und einem Foodcourt vorbei, der wieder an ein Einkaufszentrum erinnerte. Die Verköstigung der Besucher war perfekt organisiert. Auf großen Leuchttafeln waren wie bei McDonalds die verschiedenen Gerichte abgebildet, von nordindisch über südindisch bis hin zu vegetarischen Pizzen und Burgern. Man bezahlte dann an einer von zwei Kassen und erhielt dort mehrere Bons für die insgesamt zehn Schalter der Essensausgabe, wo jeweils andere Speisen frisch zubereitet wurden. An der Nachtisch-Theke mit einem Sortiment von indischen Süßspeisen über Eis bis hin zu Donauwelle und Schwarzwälder Kirschtorte konnte man dagegen spontan bar bezahlen.

Vom Tempel fuhren wir mit der Metro zurück zum Connaught Place, wo jetzt am Abend die bunten Reklamen der in aller Welt bekannten Modemarken leuchteten und in der Mitte eine riesige Indienfahne wehte. Wir kauften dann in der berühmten Edelbäckerei „Wenger’s“ den Proviant für unsere morgige Zugfahrt ein. Die älteste Bäckerei Neu-Dehlis war 1926 von einem Schweizer Paar eröffnet worden. Man bestellte dort zuerst an einer der Theken mit den umfangreichen Auslagen das gewünschte Gebäck, bekam dann eine per Nadeldrucker auf ein A4-Blatt gedruckte Rechnung und einen Buchungsabschnitt, ging damit zur Kasse, bezahlte und konnte endlich seinen Einkauf hübsch verpackt an der Abholtheke in Empfang nehmen.

Anschließend fuhren wir mit dem Tuk Tuk ins Hotel. Dort erklärte man uns, dass der geschminkte Mann in Frauenkleidern, den wir an einer Kreuzung gesehen hatten, ein drittes Geschlecht und einen direkten Draht zu Gott habe. Die meisten Inder glaubten das auch. Deshalb gingen diese Leute an den roten Ampeln von Auto zu Auto und wenn sie vom Fahrer 10 oder 20 INR erhielten, legten sie ihm ihre Hand auf die Stirn, um ihn so zu segnen.

Der Parkplatz des Swaminarayan Akshardham-Tempels hätte von den Ausmaßen her auch zu einem Einkaufszentrum gepasst.

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