1. Tag

Zur Einstimmung auf die englische Countryside fuhren wir ins nur 3,5 km entfernte Dörfchen Dedham im Tal des Stour, das zu den AONBs (Area of Outstanding Natural Beauty) zählt. Vom Parkplatz im Ort, der in der Blütezeit der Tuchindustrie zu Wohlstand gelangt war, führte ein Weg an einem kleinen Herrenhaus vorbei zum Fluss. Der Stour wand sich durch eine Wiesenlandschaft mit Bauminseln und Kühen. Der Weg am Ufer entlang führte zum Dorf Flatford mit dem strohgedeckten Bridge Cottage aus dem 16. Jh., einer alten Schleuse und der Flatford Mill aus dem Jahr 1733, mit einem Café und einem Bootsverleih. Das Gebäude-Ensemble und das gesamte Dedham Vale ermöglichen es, in die Bilderwelt des Malers John Constable einzutauchen. Dieser beschrieb das Tal des Stour 1829 in seinem Buch „Englische Landschaften“ wie folgt: Die Schönheit der Umgebung, die üppigen Wiesen, bevölkert mit Viehherden, die Wäldchen und Flüsse, die zahlreichen verstreuten Dörfer und Kirchen… all das verleiht diesem besonderen Ort eine Anmut und Eleganz, die man nur schwerlich irgendwo anders findet.

Die Flatford Mill gehörte von 1764 bis 1816 dem Vater des Malers, Golding Constable. Dieser war aber mit seiner Familie und sechs Kindern schon ein Jahr vor Johns Geburt im Juni 1776 in ein neu gebautes Haus im benachbarten East Bergholt gezogen. Als sein Bruder Abraham die Firma des Vaters mit mehreren Wassermühlen, einer Windmühle und etwas Farmland 1798 übernommen hatte, konnte John an der Royal Academy in London ein Studium beginnen. Er blieb den Rest seines Lebens bis 1837 in der Hauptstadt, „aber die Szenerie von Flatford und dem Dedham Vale haben mich zum Maler gemacht.“ Diese Inspiration hat er nie vergessen. Ein Motiv, das der Künstler oft gemalt hat, war die Gibbonsgate Farm, auf der William Lott sein ganzes Leben von 88 Jahren verbrachte. Diese Bilder signierte Constable deshalb mit „Willy Lott’s Cottage“. Das Cottage steht heute noch, aber den Rekord-Verkaufspreis von 22,4 Millionen Pfund erzielte 2015 ein anderes Bild von Constable: „The Lock“ zeigt die Schleuse an der Mühle.

Unsere nächste Station war dann das Dorf Stoke-by-Nyland auf einem nahegelegenen Hügel. Sehenswert ist dort neben den alten Fachwerkhäusern der Guildhall und der Mälzerei die kleine Kirche „St. Mary“ im Perpendicular-Stil. Das beeindruckendste Beispiel für diesen Baustil, der ab 1330 bis ins 16. Jh. hinein populär war, ist die King’s College Chapel in Cambridge. St. Mary war zudem ein weiteres beliebtes Motiv des Malers John Constable, der 1830 über die Kirche schrieb: Der Turm, der mit seiner bestimmenden Höhe das umliegende Land durch seine eigene heilige Würde beeindruckt, ist ihr großartigstes Merkmal.

Wir stoppten noch kurz im nur wenige Kilometer entfernten Nachbarort Nyland im Tal. Das Altarbild der dortigen Kirche „St. James“ malte Constable 1809. Dann fuhren wir am frühen Nachmittag weiter in den etwa 320 km entfernten Peak District-Nationalpark nach Buxton. Die Strecke führte durch grüne Hügel, vorbei an kleinen Dörfern, von denen vor allem die Kirchturmspitze zu sehen war. Wir durchquerten auch die Grafschaft Leicestershire, das ländliche Herz Englands, wie auf einem Straßenschild zu lesen war. Gegen 18.30 Uhr erreichten wir dann den kleinen Kurort Buxton, wo schon die Römer und Maria Stuart die heilenden Kräfte der heißen Quellen nutzten. Sein heutiges Gesicht bekam der 20.000 Einwohner-Ort durch den 5. Herzog von Devonshire, der ihn Ende des 18. Jh. verschönern und modernisieren ließ. Dabei orientierte er sich an der südenglischen Bäderstadt Bath.

Im malerischen Tal des Stour steht beim Dorf Flatford eine alte Mühle mit Schleuse und Brücke.

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