5. Tag

Unter zwei dicken Decken war es im Zelt in der kalten Nacht mit einstelligen Temperaturen angenehm warm gewesen. Nach dem Frühstück brachen wir mit einem Kamel weniger zum kurzen Rückweg auf. Ich fuhr daher auf dem Wagen mit und während uns andere Kamelwagen entgegen kamen, war auf einem Feld auch ein Traktor der Marke Mahindra unterwegs. Zudem sahen wir zwei Gazellen und einen Fuchs. Vom nächsten Dorf ging es dann mit dem Minibus zurück zum Guesthouse.

Der Chef einer örtlichen Reiseagentur holte uns dort um 12.30 Uhr mit seinem Wagen ab und brachte uns ins 30 km südlich gelegene Deshnoke. Dort steht ein der Gottheit Karni Mata geweihter Tempel. Karni lebte im 14. Jahrhundert als Inkarnation von Durga, der Göttin der mütterlichen Schöpfungsenergie. Sie wurde zur Schutzgottheit der Rajputen, einer kriegerischen Stammesgruppe im nach ihnen benannten Bundesstaat Rajasthan, der früher Rajputana hieß.

Der Legende nach soll ein Rajputen-Fürst mit seinem toten Sohn zu Karni gekommen sein, mit dem Wunsch ihn wiederzuerwecken, da die Dynastie sonst ohne Thronfolger blieb. Die Göttin nahm daher in Trance Kontakt zum Totengott Yama auf und bat ihn um die Seele des Herrschersohns. Yama gab die Seele jedoch nicht heraus, da der Junge schon wiedergeboren worden war. Daraufhin schwor Karni, dass alle Mitglieder des Hauses Kulderi als Ratten wiedergeboren werden, und das Totenreich nicht mehr betreten würden. Sterben die Ratten, werden die Seelen dann als Barden wiedergeboren, so dass der Bestand der fahrenden Sänger in Rajasthan für alle Zeiten gesichert ist.

Im vom Herrscherhaus prunkvoll ausgestatteten Tempel, mit detailreichen Figuren hinduistischer Götter und einer Karni Mata-Statue aus Jaisalmer-Sandstein unter einem goldenen Baldachin, leben daher bis heute Tausende von Ratten. Wenn man als Gläubiger seinen Wunsch der Statue vorgetragen und sein Opfer dargebracht hat, sollen die Ratten die Antwort der Göttin geben. Erscheint innerhalb von fünf Minuten eine weiße Ratte, so geht der Wunsch in Erfüllung, erklärte unser Guide. Andernfalls war es ein Wunsch, der nach Einschätzung von Karni nicht zum Bittsteller passt. Das ist aber nicht weiter schlimm, denn ein Hindu-Sprichwort sagt: Wenn Dein Wunsch in Erfüllung geht, ist es gut. Geschieht das nicht, ist es aber noch besser. Denn das was Dir dann stattdessen passiert, ist nicht Dein Wunsch, sondern der der Götter und die wollen nur das Beste für Dich. Da er auch Philosophie studiert hatte, erklärte der Guide zudem, dass es grundsätzlich viel weiser sei zuzuhören. Denn wenn man rede, gebe man nur das wieder, was man ohnehin schon wisse. Beim Zuhören lerne man dagegen immer dazu.

Vor dem Tempel herrschte ein wenig Jahrmarktatmosphäre mit vielen Verkaufsbuden, die auch ein breites Sortiment von Opfergaben, sprich Rattenfutter, anboten. Der Tempel selbst war eher klein und die Bittsteller stellten sich im von Absperrgittern gesäumten Mittelgang an. Dann durften sie einem Priester ihre Opfergaben überreichen und ins Allerheiligste gehen, wo eine große Schale mit Futter und Ratten, die darin saßen, auf dem Boden stand. Dort durften sie eine Glocke läuten und gingen danach wieder hinaus. Die Ratten waren überall, sie liefen über den Boden, der mit Futterresten übersät war, die den Besuchern bald unter den Füßen klebten. Sie rannten auch die Gitter an den Wänden hoch oder lugten aus kleinen Löchern im Gemäuer. Beliebte Sammelpunkte waren die Schalen mit Milch, die in allen Ecken standen. Die Ratten saßen Seite an Seite auf den Rändern ringsum und beugten sich zum Trinken in die Schale hinab. Bei Streitereien wurde ab und an auch ein Tier in die Milch gestoßen. Viele der Ratten hatten ein strähniges ungepflegtes Fell und es lagen auch einige tote Tiere herum. Zudem herrschte überall ein leichter Geruch nach Fäkalien. Eine weiße Ratte sahen wir übrigens nicht.

Draußen auf dem Hof standen noch weitere Schalen, wo sich die Ratten mit den „Ratten der Lüfte“, den Tauben, um das mehr als reichlich vorhandene Futter stritten. Zu den Wundern des Tempels gehöre, dass die Zahl der Ratten seit Jahrhunderten konstant bei 20.000 liege und dass noch nie eine Katze den Tempel betreten habe, obwohl es in der unmittelbaren Nachbarschaft viele Katzen gebe, erfuhren wir. Zudem sei von den Ratten noch nie eine Seuche ausgegangen, stattdessen wären schon Kranke im Tempel geheilt worden.

Auf der Rückfahrt nach Bikaner berichtete unser Guide, dass er aus einer Bauernfamilie stamme und in einem 150 km entfernten Dorf lebe. Da der Regen in den vergangenen Jahren aber rar gewesen sei, habe er begonnen sich als Fahrer und Führer etwas Geld dazu zu verdienen. In diesem Jahr seien aber viel weniger Touristen in Indien als in den Vorjahren und niemand wisse genau warum. Das sollten wir auf der Reise immer wieder hören.

Wenn er selbst verreise oder ausgehe, wolle er feiern wie ein König, erzählte unser Guide. Habe er dafür nicht das nötige Geld, bleibe er eben einfach zu Hause. Sein Sohn sei dabei noch konsequenter als er. Dieser habe unbedingt eine Hochzeitsreise machen wollen und dabei in Kaschmir in 12 Tagen stolze 50.000 INR bzw. 650 Euro ausgegeben. Abschließend fragte der Fahrer nach dem Preis für ein Paar Adidas-Schuhe in Deutschland. Wir erwiderten etwa 80 Euro oder 6.000 INR. Er erzählte, dass er schon drei Mal Adidas-Schuhe für den halben Preis bei Amazon gekauft habe, diese aber alle sehr schnell kaputt gegangen wären. Der Kundenservice von Adidas habe dazu nur gesagt, dass es wohl Fälschungen gewesen seien. Darum wollte er das nächste Mal lieber Originale direkt in Deutschland kaufen.

Zurück in Bikaner wurden wir am Junargarh-Fort abgesetzt. Die Festung aus dem 16. Jahrhundert betraten wir durch das Suraj Pol-Tor. Die beiden Elefanten am Tor sind eigentlich ein Zeichen dafür, dass man sich nie den Moguln ergeben musste, allerdings verhinderte ein frühes Bündnis des örtlichen Maharadjas mit ihnen auch jegliche Kämpfe. Als besonders prunkvoll erwies sich der Saal der Privataudienzen, dekoriert mit Spiegeln, Einlegearbeiten und Malereien aus Gold. Die riesige Durbar-Halle „Ganga Niwas“ für große Empfänge wurde erst im 20. Jahrhundert als letzte Erweiterung der Festung ergänzt. Darin steht heute unter anderem ein DH-9 De Haviland-Doppeldecker aus dem ersten Weltkrieg. Die britische Regierung hatte dem Maharadja von Bikaner als Dank für seine militärische Unterstützung viele Kriegsandenken geschenkt, unter anderem die abgeschossenen Wracks von zwei DH-9. Maharadja Dr. Karni Singh ließ aus deren Teilen 1985 von lokalen Handwerkern eine komplette Maschine zusammensetzen, die er dann als Trophäe ausstellte.

Im der Gottheit Karni Mata geweihten Tempel von Deshnoke leben etwa 20.000 Ratten.

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