9. Tag

Zur Stadtbesichtigung hatten wir für einen halben Tag ein Tuk Tuk gemietet. Erste Station war der Umaid Bharvan-Palast in den Chittar Hills östlich der 1 Mio. Einwohner-Metropole Jodhpur. Den Palast, der mit 347 Zimmern und 14.000 m2 Grundfläche das größte private Gebäude der Welt sein soll, ließ sich Umaid Singh, der damalige Maharadja von Jodhpur, 1929-1944 von über 3.000 Arbeitern errichten, geplant von einem britischen Architekten. Ein Teil ist heute eines der besten Luxushotels Rajasthans, ein anderer beherbergt ein kleines Museum und im Rest lebt der derzeitige Maharadja Gaj Singh II.

Möbel und Inneneinrichtung waren ursprünglich von Maples of London im in den 1930-er Jahren angesagten Art Deco-Stil gestaltet worden. Die berühmte Möbelfirma hatte 1892 auch die Viceroy Lodge in Simla eingerichtet. Als das Material aber 1942 nach Bombay verschifft wurde, fiel es auf See einem deutschen Angriff zum Opfer und der Frachter sank. So bekam der polnische Hobby-Innenarchitekt Stephan Norblin, der vor dem Krieg nach Indien geflohen war, die Chance seines Lebens, denn er war sehr vertraut mit dem Art Deco-Stil von Meistern wie Emile Ruhlmann. Von Norblin stammen auch die großformatigen Wandmalereien im Palast.

Der nächste Stopp war der etwas herunter gekommene Umaid Garden, der nicht wirklich einen Besuch lohnt. Danach ging es weiter zu den Kenotaphen – Scheingräbern ohne sterbliche Überreste – von „Jaswant Thada“, der Begräbnisstätte der Herrscher von “Marwar“, dem „Land des Todes“, wie Rajasthan früher ebenfalls hieß. Zum Gelände gehört auch ein Tempel aus weißem Marmor, eingebettet in einen Garten und ein Naturschutzgebiet mit einem großen Teich.

Die letzte Station war dann das Mehrangarh Fort hoch über Jodhpur, dessen Grundstein 1479 von Rao Jodha gelegt wurde. Vorher hatte der Herrscher einen Eremiten von dem Felsrücken vertrieben, der dort mit vielen Vögeln gelebt und daraufhin die Festung verflucht hatte, auf dass sie ewig unter Wassermangel leide. Von den Mauern des Forts hatte man einen tollen Blick auf die „Blaue Stadt“. Man sah aber auch, dass es nur noch recht wenige in dieser Farbe gestrichene Häuser gibt. Nach der Besichtigung stiegen wir über eine kurze Treppe wieder hinunter in die Stadt. Dabei wurden wir angesprochen, ob wir ein wirklich gutes und hausgemachtes indisches Essen in einem der blauen Häuser genießen wollten. Wer dieser Einladung folgt, wird laut Reiseführer hinterher mit völlig überzogenen Preisforderungen konfrontiert. Eine andere Masche ist die Bitte zum Umtausch einiger Euro-Münzen zum Kauf von dringend benötigten Schulbüchern, zu einem utopisch schlechten Wechselkurs.

In der Altstadt trafen wir dann in einer Garküche, wo wir zwei Wasserflaschen kauften, auf den Bruder von Mukesh Jain. Der Textilhändler betreibt in der dritten Generation die „Maharani Art Exporters“ im Tambaku Bazar. Das Sortiment umfasst fast alles, was man sich vorstellen kann, zum Beispiel Decken aus Seide, Schaf-Wolle oder auch Yak-Wolle in allen Farben und unzähligen Designs. Die Stücke würden etwa 6.800 Familien aus den Dörfern der Umgebung herstellen, erklärte er. Aufgrund seiner hohen Qualität beliefert Mukesh nach eigener Aussage auch Luxuslabels, wie Kenzo, Armani oder Hermes. Während eine Seidendecke bei Kenzo in London aber 1.100 Euro koste, gebe es sie bei ihm für 95 Euro mit weiterem Verhandlungsspielraum beim Preis. Zu den prominenten Kunden zählten Sting, Richard Gere oder Prinz Charles, wie einige schon in die Jahre gekommenen Fotos belegen sollten. Auch ein Bericht aus einer Geo Saison-Ausgabe wurde uns vorgelegt, mit einem Bericht über Jodhpur und einem kleinen Infokasten über das Geschäft. Als wir dennoch nichts kaufen wollten, wurden wir sehr schnell hinaus komplimentiert, aber mich hatte ohnehin die Story mit den Luxuslabels mehr interessiert als die Ware selbst.

Im Mehrangarh Fort ist auch das prunkvolle „takhat vilas“ zu besichtigen, das persönliche Appartment von Maharadja Takhat Singh.

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