8. Tag

Für Seahouses und die anderen Fischergemeinden an der Ostküste war es für mehr als ein Jahrhundert das Großereignis schlechthin, wenn im Sommer von August bis September riesige Heringsschwärme, die ersehnten „silver darlings“, durch die Nordsee zogen. Ertragsoptimierte Fangmethoden und die steigende Nachfrage ließen die Fischbestände in den 1930-er Jahren aber stark sinken. Bis heute haben sich jedoch die „Oak Smoked Kippers” als lokale Spezialität erhalten. Die kalt geräucherten, vorgesalzenen Heringe mit oder ohne Kopf, die vom Rücken her aufgeschnitten sind und nur noch an den Bauchseiten zusammen hängen, wurden auf Vorbestellung auch in unserem B&B mit geschmolzener Butter, Zitrone und braunem Toast zum Frühstück serviert. Der Kipper war durchaus schmackhaft, aber allzu viel war nicht dran. Das war jedoch nicht weiter schlimm, denn um 9.30 Uhr startete schon die All Day-Tour zu den Vogelinseln der Farne Islands, speziell für Ornithologen und Naturfotografen, an der ich teilnehmen wollte. Ich war ziemlich überrascht, dass den Hafen dann zwei Boote mit je 65 Passagieren verließen.

Auf der Fahrt zum Anleger von Staple Island stoppten wir erst an der Kolonie von 3.000-4.000 Kegelrobben, bevor wir die Insel selbst erkundeten. Diese präsentierte sich als großer Felsen, den in der Brutsaison von Mai bis Juli unter anderem bis zu 70.000 Papageitaucher bevölkern. Die auch „Tommy Noddy“ genannten Vögel treffen um Ostern herum ein. Bei Sonnenschein und angenehm warmen Temperaturen konnte ich beobachten, wie die Papageitaucher mit kleinen Sandaalen im Schnabel vom Meer zurückkehrten und auf der Wiese vor ihren Bruthöhlen landeten. Dort lauerten oft schon Möwen und versuchten ihnen den Fang noch streitig zu machen.

Bei der Weiterfahrt nach Inner Farne, der größten Insel, hatte sich der Himmel dann bewölkt und es wurde Zeit die Winterjacke anzuziehen. Auf der Insel brüteten Tausende von Küstenseeschwalben (artic terns) und schützten offensiv ihre Gelege, die sich oft nur Zentimeter neben dem Bohlenweg durch das Schutzgebiet befanden. Dazu hatten sie sich wie Wächter auf den kleinen Holzpfosten am Wegesrand postiert, stießen erst eine schnelle Folge von schrillen Warnrufen aus und erhoben sich dann in die Luft. Dabei konnten sie wie ein Hubschrauber auf der Stelle stehen und attackierten die Eindringlinge, indem sie deutlich spürbar auf die Köpfe pickten und sich bei Bedarf anschließend noch zielsicher erleichterten. Der National Trust, der die Inseln verwaltet, empfahl daher Mützen oder Kapuzen zu tragen, jedoch keine starren Helme, die die Schnäbel der Vögel verletzten könnten. Das wäre auch übertrieben gewesen, denn so schmerzhaft waren die Angriffe nicht.

Viele Eiderenten hatten ihre Nester ebenfalls direkt neben dem Weg platziert, sie setzten jedoch ganz auf Tarnung. Daher blieben sie einfach reglos sitzen und drehten höchstens langsam den Kopf, um zu sehen wer sich da eigentlich näherte. Ein langjähriger Bewohner der Insel war auch St. Cuthbert, der dort von 676-685 als Eremit lebte, ein wenig Gerste anbaute und sich ansonsten von der Jagd und einem Frischwasserbrunnen ernährte. 686 kam er nach Inner Farne zurück und starb dort am 20. März 687. Weil ihn vorher immer mehr Pilger auf der Insel besucht hatten, hatte er für sie Regeln zum Umgang mit den nistenden Seevögeln aufgestellt und so das weltweit erste Naturschutzgesetz entwickelt. Die Eiderente wird deshalb ihm zu Ehren auch St. Cuthbert-Ente bzw. „Cuddy-Duck“ genannt.

Auf Inner Farne, der größten der Farne Inseln, brüten Tausende von Küstenseeschwalben.

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