9. Tag

Auf der Fahrt nach Lindisfarne gab es mehrere Regenschauer und der Himmel blieb den ganzen Tag über grau, aber wenigstens blieb es dann trocken. Vom Festland gelangten wir bei Ebbe über den nur einige hundert Meter langen Lindisfarne Causeway durch die kleine Bucht auf die heilige Insel. Dort begann die Christianisierung Englands, als König Oswald im Jahr 635 irische Mönche nach Northumberland entsandte. Bischof Aidan kam mit zwölf Brüdern und wählte Lindisfarne als Standort für sein Kloster mit kleinen Holzhäusern und einigen Nutztieren, aber ohne jeglichen weiteren Besitz. Aidan hatte schnell Erfolg in den umliegenden Dörfern, denn der König selbst half den Mönchen dabei Englisch zu lernen. Im Gegenzug gründeten diese eine Jungenschule und unterrichten dort Latein, damit die Schüler später das Evangelium verkünden konnten.

Es war das goldene Zeitalter der Christianisierung, doch schließlich starb Aidan 651 in Bamburgh auf dem Festland gegenüber und wurde auf Lindisfarne bestattet. In der Nacht seines Todes hatte Cuthbert als 17-jähriger Junge die Vision, dass Aidans Seele von Engeln in den Himmel begleitet wurde. Daher ging er ins Kloster nach Melrose, beeindruckte dort seine Lehrer und wurde so bald Prior bzw. Klostervorsteher, erst in Melrose und dann in Lindisfarne. Als Mönche Cuthberts Sarg elf Jahre nach seinen Tod 698 öffneten, um ihn in die Kirche umzubetten, sah sein Leichnam angeblich aus als würde er nur schlafen und auch die Leichenstarre hatte nicht eingesetzt. 793 erfolgte dann der erste Angriff der Wikinger auf die britischen Inseln ausgerechnet in Lindisfarne. Aufgrund wiederholter Attacken verließen die Mönche schließlich 875 die Insel und nahmen Cuthberts Leichnam und andere Reliquien mit. Sie reisten sieben Jahren quer durchs Land und blieben schließlich in Chester-le-Street. 995 wurde Cuthbert nach Durham überführt. Gut 100 Jahre später kehrten Benediktiner aus Durham nach Lindisfarne zurück, gründeten dort ein neues Kloster und führten den Namen „Heilige Insel“ ein.

Der von den Wikingern mitgebrachte Honigwein wird auf der Insel bis heute als „Lindisfarne Mead“ hergestellt. Erste Spuren eines fermentierten Getränks mit Honig finden sich schon in chinesischer Keramik aus der Zeit von 7.000-6.000 v.Chr.. In England trank König Artus regelmäßig Met, der auch das Lieblingsgetränk des angelsächsischen Helden Beowulf war. Königin Elisabeth I., die Tochter von Heinrich VIII., hatte Mitte des 16. Jh. sogar ihr eigenes Rezept. Der Lindisfarne Mead ist jedoch eine Mischung aus Honig und Traubensaft für den Fermentationsprozeß, die sich an das römische Mulsum anlehnt. Auch in der englischen Sprache ist der Met mit dem Word „Honeymoon“ bis heute präsent, denn bei den Wikingern war es Tradition, dass ein frisch vermähltes Paar sich beim ersten Vollmond den Freuden des Honigweins hingab.

Von Lindisfarne aus ist auf dem Festland über den Dünen schon die Silhouette von Bamburgh Castle zu sehen. Die Burg ist seit 547 Stammsitz der Könige von Northumbria und war in den Rosenkriegen des 15. Jh. eine strategisch wichtige Festung. Zu dieser Zeit wurde sie während einer neunmonatigen Belagerung als erste englische Burg mit Artillerie verteidigt. Seit dem 17. Jh. verfiel die Anlage jedoch, bis sie der Industrielle William George Armstrong im 19. Jh. kaufte. Der Geschäftsmann besaß Stahlwerke und Werften und war im Waffengeschäft tätig. Im Alter von 80 Jahren ließ er die Burg restaurieren, die bis heute seiner Familie gehört. Nach der nachmittäglichen Besichtigung von Bamburgh Castle kehrten wir ins nur 5 km entfernte Seahouses zurück.

Vom Festland gelangt man nur bei Ebbe über den Lindisfarne Causeway durch die kleine Bucht auf die heilige Insel Lindisfarne.

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