13. Tag

Nach dem Frühstück machten wir uns auf den Weg zum York Minster, einem der bedeutendsten gotischen Bauwerke Europas. Dort kamen wir genau zu richtigen Zeit an, denn drei Minuten später begann eine kostenlose Führung. Unser ehrenamtlicher Guide war Geoff Green, ein pensionierter Lehrer, der sich besonders für mittelalterliche Bleiglasfenster interessiert, von dem es in der Kathedrale sehr viele gibt. Er erzählte zuerst, dass sich eine Kirche „Minster“ nennen darf, wenn sie Missionierungserfolge vorweisen kann. Eine Kathedrale sei dagegen die Kirche eines Bischofssitzes. Weil York und Canterbury die Sitze der beiden einzigen Erzbischöfe der anglikanischen Kirche sind, wären die Städe schon seit Jahrhunderten Rivalen. So habe man zum Beispiel in York 1220 mit dem Bau einer neuen gotischen Kathedrale über dem bisherigen normannischen Dom nur begonnen, weil in Canterbury auch gerade eine solche Kirche errichtet wurde.

Geoff berichtete zudem, dass sein ehemaliger Klassenraum nur einen Steinwurf von dem Parkplatz in Leicester entfernt gewesen ist, unter dem Archäologen 2012 die Gebeine von Richard III. ausgegraben hätten. Heute kenne den König deshalb in England jedes Kind, vorher sei er dagegen lediglich Historikern ein Begriff gewesen. Denn Richard III. von York saß nur zwei Jahre auf dem Thron, bevor er am 22. August 1485 bei der Schlacht von Bosworth als letzter englischer Herrscher im Kampf getötet wurde. Mit seinem Tod endeten dann die Rosenkriege zwischen den verfeindeten Häusern York und Lancaster. Entfernte Verwandte des Königs hatten mit Hilfe des High Courts erreichen wollen, dass er 2015 eine offizielle Beisetzung im York Minster bekam, weil die Stadt seine nördliche Machtbasis war. Nach dem Gesetz muss aber die nächstgelegene Kathedrale die letzte Ruhestätte von archäologischen Funden sein. Geoff findet das völlig in Ordnung. Zwar sei die Kathedrale von Leicester viel weniger prächtig als die von York, aber da die Stadt in den East Midlands generell wenig zu bieten habe, sei ihr ein König zu gönnen. Diesen Zugewinn würde Leicester marketingtechnisch auch bereits voll ausschlachten.

Dann kam Geoff zu seinem Lieblingsthema, den Fenstern. Die der Kathedrale seien von einem Meister seines Fachs gestaltet worden und wer schon einmal selbst versucht habe Glas zu bemalen, der wisse wie schwierig das sei. Die Motive der Fenster wären dagegen unglaublich detailliert und sogar in einer dreidimensionalen Perspektive dargestellt, wie er mit mehreren Detailfotos auf seinem Tablet demonstrierte. Für die braune Farbe sei damals ein Gemisch aus fein zerstoßenem Glas, Eisenoxid und einem Bindemittel angerührt worden. Das Bindemittel konnte teuer eingeführtes Gummi arabicum sein, oder einfach Urin, denn dieser verdunstet sehr schnell. Wurde das Fensterglas mit der aufgetragenen Malerei erhitzt, verschmolz diese damit. Stieg die Temperatur jedoch auf über 600 °C, schmolz auch das Fensterglas und die ganze Arbeit war dahin. Weil auch schon im Mittelalter von Nichtsnutzen Kirchenfenster eingeworfen oder anderweitig beschädigt wurden, gibt es auch in den Kathedralenfenstern viele reparierte Stellen, mit zusätzlichen Bleileisten entlang der Bruchkanten. Diese verschlechtern jedoch mit wachsender Zahl die Erkennbarkeit des eigentlichen Motivs und machen das Fenster zunehmend dunkler. Deshalb begannen moderne Restauratoren damit versuchsweise Klebstoff einzusetzen. Dessen Problem ist aber seine relative kurze Haltbarkeit von nur gut 100 Jahren bei ganz neuen Produkten. Ursache dafür ist das UV-Licht, das den Klebstoff mit der Zeit spröde macht. Deshalb gebe es nun ein Verfahren mit einem zusätzlichen Außenglas aus Deutschland, dem einzigen, das 100% UV-Licht absorbiert. Leider koste dieses Glas jedoch 300 Euro pro Quadratmeter, also etwa 25.000 Euro pro Fenster.

Nachdem Geoff immer wieder gefragt worden war, ob er denn Ken Follets „Säulen der Erde“ gelesen habe, das vom Bau einer mittelalterlichen Kathedrale handelt, habe er sich das Buch gekauft, aber nach nicht mal 200 Seiten wieder weggelegt. Er hätte die Stelle gefunden, die die Fensterherstellung beschreibt und dort sei der Urin als wichtigste Zutat garnicht erwähnt worden. Dabei wüssten Experten sogar, dass zum Beispiel der Urin von rothaarigen Jungen vor der Pubertät als der beste gegolten habe.

Im Chapterhaus der Kathedrale, das genau dieselbe achteckige Form und dieselben Maße, wie die Chapterhäuser in Canterbury und Salisbury hat, erklärte unser Führer dann die Einmaligkeit dieses Raums, der im Gegensatz zu den beiden anderen auf eine tragende Mittelsäule verzichten könne. Der Grund dafür sei eine geniale Holzkonstruktion über der abgehängten Decke, mit Eichenbalken, die teilweise schon 1.000 Jahre alt wären. Auch dort zeigte er uns die filigranen und detailreichen Ornamente der Wände, beispielsweise einen arabisch aussehenden Kopf, der auf York als internationalen Handelsplatz hindeutet, eine dreiköpfige Frau oder eine Katze. Versteckt in einem Gebüsch, beobachtet diese vier Vögel auf einer anderen Säule und übersieht dabei eine Maus direkt vor sich. Tom&Jerry seien also nicht in den USA erfunden worden, sondern schon Jahrhunderte vorher in York, erklärte Geoff mit einem Augenzwinkern seinen Gästen aus Amerika.

Nach der tollen und lehrreichen Führung besuchten wir die Unterkirche (Undercroft). In der Ausstellung zwischen den Fundamenten erfuhren wir, dass die Wiesen am Zusammenfluss von Ouse und Foss zur Stadt wurden, als dort 5.000 Soldaten der 9. Legion aus Lincoln im Jahr 71 n.Chr. ein großes Fort errichteten. Eboracum war fortan der wichtigste Militärstützpunkt in römisch Britannien. Von dort startete die Eroberung der nördlichen Landesteile. Zudem wurde Konstantin der Große am 30. Juli 306 n.Chr. im Fort von den Truppen seines toten Vaters zum römischen Kaiser ausgerufen. Konstantin beendete dann die Christenverfolgung und förderte diese Religion in seinem Reich. Eine dramatische Wende in der Weltgeschichte, eingeleitet in York. Archäologen fanden in den jüngeren Schichten über dem Fort später auch angelsächische Siedlungen, Spuren der Wikinger sowie frühe christliche Gräber und die Fundamente des normannischen Minsters. Da diese die Vierung des Hauptturms der neuen Kathedrale auf die Dauer nicht tragen konnten, mussten sie 1967 aufwändig verstärkt werden.

Beim anschließenden Bummeln durch York lasen wir auf einer Tafel am Guy Fawkes Inn, dass dort 1570 der an der Verschwörung des „Gunpowder Plots“ beteiligte Katholik und Sprengstoffexperte Fawkes geboren wurde. Dieser wurde am 31. Januar 1606 in London gehängt, ausgeweidet und gevierteilt. Zudem erfuhren wir, dass York die Hauptstadt der britischen Schokolade ist. Kitkat, Smarties und After Eight wurden dort erfunden. Heute gehören die beiden von puritanischen Quäkern im 19. Jh. gegründeten Schokoladenfabriken aber längst internationalen Konzernen, die die Arbeitsplätze verlagert haben.

Zum Abschluss des Tages ging ich noch ins National Railway Museum neben dem Bahnhof. Zur umfassenden Sammlung von Waggons und Lokomotiven gehören zum Beispiel ein Nachbau der „Rocket“ von George Stepenson von 1829 und die „Mallard“ (englisch für Stockente), die 1938 den noch heute geltenden Dampflokrekord von 203 km/h aufstellte, aber anschließend gleich in die Werkstatt musste. Interessant war auch die ausgestellte Post Office Railway, die als „Mail Rail“ von 1928 bis zum 31. Mai 2003 fahrerlos im Londoner Untergrund täglich 22 Stunden die Post beförderte. Mit der Schmalspur-Bahn ließen sich die Staus auf den Innenstadt-Straßen umgehen. Dazu führte eine 10,5 km lange Strecke mit ursprünglich neun Stationen von Paddington im Westen bis Whitechapel im Osten.

Schon im Domesday Book von William dem Eroberer ist „The Shambles“ erwähnt, die schmale Straße der Metzger von York.

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