24. Tag

Pünktlich zu Beginn der Öffnungszeit um 9 Uhr schloß ich mich der ersten Führung durch die Casa Real de la Moneda an. In dem festungsartigen Bau wurden bis zur Unabhängigkeit Boliviens im Jahr 1825 Silbermünzen für Spanien gefertigt. Die ersten, noch mit Stempel und Hammer von Hand geprägten Münzen verfügten noch nicht über einen einheitlichen Rand. Mit dem Resultat, dass clevere Leute immer wieder kleine Stückchen von den Münzen abkniffen, das Silber einschmolzen und dann zu höherwertigem Schmuck verarbeiteten, den sie mit Gewinn verkaufen konnten. In der Folge wurden die im Umlauf befindlichen Münzen mit der Zeit immer kleiner. Um das Problem zu lösen, entwickelte man schon bald neue Geldstücke mit einem fest definierten, runden Rand. Als die Fördermengen in den Minen des Cerro Rico sanken, wurde der Silbergehalt der Münzen von 95 auf 50 % reduziert. Ironie der Geschichte: Heute werden die bolivianischen Geldstücke in Spanien geprägt, die 5-Bolivianios-Münze kommt aus Kanada und die Scheine stellt Frankreich her.

Die Ausstellung erzählte auch die Geschichte der spanischen Galeone „Nuestra Señora de Atocha“. Das Kapitänsschiff war mit Silber aus Mexico, Gold aus Ecuador, Peru und Kolumbien, Edelsteinen aus Kolumbien sowie Perlen aus Venezuela beladen gewesen. Ein großer Teil der Schätze bestand aber auch aus Silbermünzen und -barren aus Potosi. Auf der Fahrt von Havanna nach Spanien geriet die aus 28 Schiffen bestehende Flotte am 6. September 1622 bei den Marquesas, 65 km westlich von Key West (Florida), in einen Hurrikan. In dem Sturm sanken acht Schiffe. Das Wrack der Galeone wurde 1985 vom amerikanischen Tauchpionier Mel Fisher nach 16-jähriger Suche wieder entdeckt. Der Wert der gehobenen Funde wird auf bis zu 400 Mio. US$ geschätzt. Während im Museum der Mel Fisher Maritime Heritage Society in Key West über 85.000 Ausstellungsstücke von den beiden Galeonen „Nuestra Señora de Atocha“ und „Santa Margarita“ zu bewundern sind, fanden nur zwei Silbermünzen den Weg zurück nach Potosi.

Das wertvollste Bild der Gemäldesammlung der Moneda ist die „La Virgen Cerro“, die Jungfrau des Berges. Das Werk eines unbekannten Künstlers aus dem 18. Jh. vereint christliche und indianische Motive. Es zeigt neben der Krönung der Jungfrau Maria auch den Inkaherrscher Huayna Capac, der 1462 den Berg erkunden ließ, sowie die Legende der Entdeckung des ersten Silbers am Cerro Rico. Demnach ließ der Indio Diego Huallpa seine Lamas 1544 dort grasen, wo sich heute die Stadt Potosi befindet. Eines Tages liefen einige Tiere auf den Berg und gingen dort verloren. Weil die Suche nach ihnen länger dauerte, musste Huallpa die Nacht auf dem Berg verbringen. Zum Schutz gegen die Kälte entzündete er ein Feuer aus Keñua-Büschen und Gras, am nächsten Morgen entdeckte er dann zu seiner Überraschung einige Silberadern im Boden, die aufgrund der Hitze geschmolzen waren.

Gegen Mittag machten wir uns auf den 550 km langen Rückweg nach La Paz. Kurz vor der Stadt überholten wir einen mit fast 100 km/h dahin rasenden 35-Tonner. Ein paar Kilometer weiter wollten wir dann nach links in eine Tankstelle abbiegen und blinkten entsprechend. Dicht hinter uns fuhr noch immer der Truck. Dieser bremste aber nicht, sondern setzte statt dessen zum Überholen an. Wir sahen gerade noch im Rückspiegel wie der Lastwagen auf der linken Spur beschleunigte und lenkten reflexartig zurück nach rechts. Gleichzeitig sahen wir wie der LKW-Fahrer instinktiv nach links auszuweichen versuchte und in die Tankstelleneinfahrt steuerte. Sekunden später kippte die Zugmaschine dann samt Hänger wie in Zeitlupe ein paar Meter vor den Zapfsäulen um. Wir bremsten und fuhren über die Ausfahrt von hinten auf das Tankstellengelände. Der Hänger war vollkommen eingedrückt und der Kühlergrill sowie die Windschutzscheibe der Fahrerkabine lagen in der Gegend herum. Während der Beifahrer in Socken und mit kleinen Schnittwunden an den Händen und im Gesicht benommen im Gras saß, hatte sich der Fahrer durch das scheibenlose Cockpitfenster gebeugt und wühlte im Durcheinander des Führerhauses herum. Schließlich fand er die Stiefel seines Beifahrers, die dieser auch gleich anzog. Von dem halben Dutzend Schaulustigen, die inzwischen die Szenerie beobachteten, rührte niemand einen Finger, alle guckten nur. Auch der Tankwart hatte alles reglos beobachtet und machte sich erst nach unserer Aufforderung daran einen Krankenwagen anzurufen. Drei Minuten später kam ein Polizeifahrzeug, drei Beamte stiegen aus, nahmen aber keine Notiz von uns, sondern luden nur den Verletzten ein und fuhren dann sofort wieder ab. Der LKW-Fahrer tippte die ganze Zeit mit leicht zitternden Fingern auf seinem Handy herum, dann nahm er uns zur Seite und meinte, dass alles seine Schuld gewesen sei.

In El Alto angekommen gerieten wir auf die Stadtautobahn, die unten mitten im Stadtzentrum endete. Wir fuhren weiter geradeaus, bis wir die noblen Villenviertel Obrajes und Calacoto im tiefer gelegenen Talkessel durchquert hatten, und in den Vorort Malassa gelangten. Dort steuerten wir das Hotel Oberland an, das dem Schweizer Walter Schmid gehört. Im Restaurant des Hauses, mit gemütlichem Kaminfeuer in der Ecke sowie Kuhglocken und alten Bügeleisen an den Wänden, servierte der gelernte Koch Spezialitäten aus Bolivien und der Schweiz, z.B. Lamapfeffersteak mit Spätzle. Später erzählte uns Schmid, dass er vor Jahren mit einem Freund auf Motorrädern in den Yungas unterwegs gewesen sei und sich dort auch ein LKW auf die Seite gelegt habe. Der Fahrer hätte dann sofort versucht den beiden Schweizern die Schuld in die Schuhe zu schieben. Einem anderen Bekannten, der als unbeteiligter Ausländer bei einem Verkehrsunfall anhielt, um zu helfen, hätte am Ende ein Gericht sogar eine 20%-ige Teilschuld zugesprochen.

Der Gemäldesaal in der Casa Real de la Moneda in Potosi.

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