14. Tag:

Um 8 Uhr holte uns Dayne Braine zur „Little Five“-Tour ab und fuhr in die Dünen des erst 2010 gegründeten Dorob-N.P.. Vor zwei Tagen sei er dort auf einer Privatfahrt mit Nationalspieler Christoph Kramer unterwegs gewesen, erzählte er. Unser erster Halt war ein hundert Jahre altes Massengrab für Pferde, deren Knochen und Schädel der Wind teilweise wieder freigelegt hatte. Die Südafrikanische Union hatte im Kampf gegen die Deutsche Schutztruppe einst 30.000 Pferde über Land und zu Wasser herantransportiert. Als unter den Tieren dann eine Seuche ausbrach und der angeforderte Veterinär aus Kapstadt zwei Wochen zu spät eintraf, weil er unterwegs Schiffbruch erlitten hatte, waren die Pferde schon kurzerhand in der Wüste erschossen und samt Zaumzeug in den Dünen vergraben worden.

Wir erfuhren, dass die natürliche Grenze der Dünen im Landesinneren die Naukluft-Berge sind. Vom dahinterliegenden Plateau fließen mehrere Trockenflüsse ins Meer, die nur alle 2-5 Jahre Wasser führen. Während die ältesten, inzwischen versteinerten Dünen im Osten bis zu 60 Mio. Jahre alt seien, was auch an ihrer vom enthaltenen Eisenoxid verursachten orange-roten Farbe zu erkennen sei, wären die Dünen bei Swakopmund und Walvis Bay mit 2-4 Mio. Jahren die jüngsten. Die „schnellsten“ Sicheldünen gibt es dagegen bei Lüderitz, dem windigsten Ort Namibias. Sie bewegen sich pro Jahr bis zu 60 m. Entscheidend dafür ist der Hangwinkel, ist dieser steiler als 34° rutscht der Sand ab und die Düne beginnt zu wandern. Die Sterndünen von Sossusvlei verändern dagegen nur ihre Gestalt, da der Wind dort weniger stark ist und recht gleichmäßig von allen Seiten weht.

Für die Tour war der Vormittag ideal, weil dann die Spuren der Tiere, die in der Nacht unterwegs waren, noch gut im Sand zu erkennen sind. Zwar herrscht in Swakopmund an zwei von drei Tagen Morgennebel vor, dieser löst sich aber in der Regel gegen 10-11 Uhr auf. Für die Tiere der Wüste, in der es kaum regnet, ist der Nebel zudem lebenswichtig. Der Klopfkäfer, auch Tok-Tokkie genannt, stellt sich z.B. mit erhobenem Hinterteil auf den Dünenkamm und lässt sich die auf seinem Panzer kondensierenden Tautropfen so direkt ins Maul laufen. Er kann auf diese Weise bis zu 12% seines Eigengewichts an Wasser trinken und 40-60g davon in seinem Körper speichern. Das einzige Chamäleon der Wüste, das Namaqua-Chamäleon, stellt sich dagegen mit einer dunkel gefärbten Körperseite zur Sonne hin, um sich aufzuwärmen. Von Dayne ließ es sich mit Würmer füttern. Der Palmito-Gecko gräbt sich als Schutz jeden Tag eine neue Höhle in eine weiche, dem Wind abgewandte Dünenflanke, in der er bis zu drei Wochen lang ununterbrochen ausharren kann. Bei Gefahr wirft er einfach seinen Schwanz ab, der dann in etwa 8 Monaten nachwächst. Die Zwergpuffotter (Bitis peringueyi; englisch Sidewinder Snake) kann ebenfalls drei Wochen lang im Sand verborgen liegen, nur die oben auf ihrem Kopf angeordneten Augen schauen dann heraus. Kommt ein Gecko oder ein anderes Beutetier in die Nähe der in der Namibwüste endemischen, ca. 20 cm langen Schlange, steckt sie ihre Schwanzspitze aus dem Sand. Diese sieht aus wie eine Klopfkäfer-Larve und die Zwergpuffotter bewegt sie hin und her. Interessiert sich das Opfer dafür, schnappt die Schlange zu. Die Namibische Sand-Schlange (Psammophis leightoni namibiensis) ist dagegen lang, dünn und sehr schnell, weil sie die sehr flinken Geckos aktiv jagt. Außerdem zeigte uns Dayne noch eine Verwandte der Zwergpuffotter, die Gehörnte Puffotter (Bitis caudalis) und den Dollar-Bush. Dieser sei das Namib-Hotel für Tiere, denn er biete Futter, eine Schlafstelle und seine Blätter enthielten sehr viel Wasser, das allerdings sehr salzhaltig sei. Einen Bericht über die „Little Five“-Tour habe ich 2016 auch im WAZ-Reisejournal veröffentlicht.

Zusammen mit seinem Vater und seinem Bruder hat Dayne die eigene Firma „Batis Birding Safaris“ gegründet, die neben den Wüstentouren auch Fotosafaris anbietet, z.B. nach Madagaskar. Tommy Collard sei ein langjähriger Freund der Familie. Als Tipp für Erfahrungsberichte von jungen Profi-Naturfotografen empfahl Dayne die Blogs der beiden Südafrikaner Morkel Erasmus und Will Burrard-Lucas

Die Dancing White Lady bzw. Radspinne zeigen beide Touranbieter nicht mehr, weil man ihren Wohntunnel beim Ausgraben vollständig zerstört. Um den 1 m langen Unterschlupf, der mit Seide stabilisiert ist, neu zu graben, muss die kleine Spinne dann 10 l Sand bewegen, dafür braucht sie zwei Tage und ist in dieser Zeit völlig schutzlos.

Nach einer kurzen Pause auf dem Zimmer liefen wir an der schönen, mit Blumen bepflanzten Promenade entlang zur „Altstadt“. Am restaurierten Landungssteg sahen wir eine Hochzeitsgesellschaft, die am Strand Fotos machte und uns gleich einlud eine echte Ovambo-Feier mitzuerleben. Wir lehnten aber dankend ab. Nach einem Rundgang zum Haus Hohenzollern, dem alten Bahnhof der Otavi-Bahn nach Tsumeb und dem Woermann-Haus sprach uns dort ein gut gekleideter Schwarzer auf deutsch an. Er sei Lehrer an der deutschen Schule und sammele für eine Klassenfahrt nach Stuttgart und München. Er zählte auf, dass das Deutsche Museum in München, die alte Pinakothek und das Mercedes Museum sowie ein Fussballspiel im alten Olympia-Stadion auf dem Programm stünden. Dann zeigte er uns eine Spendenliste mit einem Dutzend Einträgen und Beträgen zwischen 200 und 300 N$ sowie einige dazugehörige Visitenkarten, unter anderem von einem Professor der Ruhruni Bochum. Wir gaben ihm 50 N$, weil wir uns unschlüssig waren, wie glaubwürdig die Geschichte war. Dann gingen wir noch mal ins Cafe Anton und hörten wie sich deutschstämmige Namibier am Nachbartisch unter anderem über die Deutsche Schule unterhielten. Darunter war eine Lehrerin der Schule, die erklärte der Mann sei ein stadtbekannter Betrüger, der schon mehrfach im Gefängnis gesessen habe, sich dadurch aber nicht von seiner erfolgreichen Masche abbringen lasse. Wir sollten zudem grundsätzlich bei allen Spendensammlern auf der Straße davon ausgehen, dass es sich um Gauner handele.

Abends speisten wir im Hansa Hotel, dem ersten Haus am Platze mit der Spezialität „Colonial Coffee“. Dieser besteht aus Kalua, Weinbrand und Eierlikör, die in einer Blechtasse erwärmt werden, bis sie brennen. Dann wird mit Kaffee abgelöscht und die Tasse mit Schlagsahne aufgefüllt und mit Eierlikör-Spritzern dekoriert. Die ganze Zubereitungszeremonie findet auf einem Rollwagen direkt am Tisch statt.

Namaqua-Chamäleon im Dorob-Nationalpark.
Namaqua-Chamäleon im Dorob-Nationalpark.

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