8. Tag

Da am morgigen Montag die Jagdsaison beginnen sollte, nutzte ich die letzte Gelegenheit ungestört Elche zu sehen. Treffpunkt für die organisierte Beobachtungstour war um kurz vor 6 Uhr bei eisigen Temperaturen der Laden von Northwoods Outfitters. Unser Guide Steve, der eigentlich nur der Fahrer war, steuerte den Van mit sieben Touristen erst wie wir am Vortag über die Lily Bay Road, bog dann aber hinter bei Kokadjo nach rechts auf eine Nebenstrecke ab, denn den Wald durchzog ein ganzes Netz von Schotterpisten, die zu Wohnhäusern im Hinterland führten, oder von Holzfirmen angelegt worden waren, um die für die Papierherstellung gefällten Bäume abzutransportieren. Insgesamt fuhren wir gut drei Stunden umher und machten auch einen kurzen Spaziergang zu einem Teich, an dem Kanus deponiert waren, nutzen diese aber nicht, weil die Bullen aufgrund der Brunftzeit nicht mehr beim Fressen im Wasser anzutreffen waren, sondern auf der Suche nach einer Partnerin umher zogen. Insgesamt hatte ich am Ende nur einen 30-sekündigen Blick auf eine Elchkuh am Straßenrand werfen können, und zwar ziemlich genau an der Stelle, wo ich am Vortag auch schon allein fündig geworden war. Letztendlich war diese Tour ein gutes Beispiel für das, was in einschlägigen Business-Ratgebern zu lesen ist: Während der Deutsche erst einen Plan macht, dabei möglichst alle Eventualitäten berücksichtigt und dann zur Tat schreitet, sagt der Amerikaner sofort „Yes, I can.“ und probiert dann einfach aus, ob er irgendeine Lösung findet und ist dabei sehr flexibel. Konkret hatte ein Ehepaar die Elch-Tour vor zwei Monaten nur gebucht, weil der Veranstalter am Telefon versicherte, dass darin ein Kanuausflug enthalten sei. Steve erklärte dagegen die Boote seien nur im Juni/Juli sinnvoll, wenn die Elche nahezu jeden Morgen Wasserpflanzen abweiden würden, lud jedoch trotzdem Schwimmwesten und Paddel ein, „so we have more options.“ Die Ausrüstung kam aber letztendlich genauso wenig zum Einsatz wie mein Stativ. Ich hatte vorher extra gefragt, ob es sinnvoll sei eines mitzunehmen. Natürlich, hatte es geheißen, dabei war überhaupt nicht vorgesehen das Auto zu verlassen, dessen Fenster sich nicht einmal öffnen ließen.

Um 10.30 Uhr war ich zurück am Motel und wir fuhren zu dritt noch einmal los, am anderen Seeufer entlang in Richtung Rockwood. Elche sahen wir dabei zwar keine, aber an einem Fluss einige Fliegenfischer mit und andere ohne Boot. Am frühen Nachmittag fuhren wir erneut die Strecke vom Vortag ab und ein Stück darüber hinaus. Als wir nur wenige Meter neben der Straße eine Elchkuh im bunten Herbstwald entdeckten, hielt in Gegenrichtung ein schwarzer Geländewagen mit dem zweiten Guide vom Morgen und einem Touristenpärchen. Der Mann stürzte sofort, mit Blitz einfach drauflos knipsend, auf das Tier los, welches trotz schlechten Sehvermögens natürlich umgehend verschwand. Abends im Motel lautete das Fazit meiner Elchbeobachtungen: 170 Meilen auf eigene Faust herumgefahren, eine vierstündige Elchsafari gebucht und drei Mal für wenige Augenblicke einen Elch gesehen. Außerdem hatte unser Guide erzählt, dass die 2.000-3.000 Jagdlizenzen, 50 davon für die Region Moosehead Lake, die jährlich für ganz Maine per Lotterie vergeben werden, jeweils 150 US$ kosten. Auf der Website der Jagd- und Fischereibehörde von Maine war dagegen von 15 US$ für die Teilnahme an der Verlosung und weiteren 52 US$ für Einheimische oder 585 US$ für Ausländer bei Ausstellung des Permits die Rede. Ein Maurer aus Connecticut, den wir vor einem Geschäft trafen und der seit 30 Jahren nach Greenville kam, erzählte, er beteilige sich seit Jahren an der Lotterie, habe jedoch noch nie gewonnen und würde deshalb lediglich zu Hause auf die Hirschjagd gehen. Erfolgreiche Elchjäger bräuchten aber auf jeden Fall eine große Gefriertruhe für 600-700 kg Fleisch, denn es sei verboten Wildbret zu verkaufen, damit kein Schwarzmarkt für Wilderer entsteht. Deshalb finde man auch in keinem Restaurant Elchgerichte, und ein illegal geschossener Elch würde fast härter bestraft als ein Mord. Einer der Fliegenfischer hatte uns zudem den Tipp gegeben, wir sollten am Montag um 11 Uhr zur Wiegestelle in Greenville gehen, wo die Jäger ihre Beute registrieren lassen müssten, da könnten wir dann garantiert Elche sehen.

Herbstliche Wälder am Moosehead Lake.
Herbstliche Wälder am Moosehead Lake.

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