1. Tag

Nach einem Nachtflug über die Anden endete unsere Anreise nach gut 30 Stunden, als wir um kurz vor sechs in La Paz landeten. Dort erwartete uns bereits Nagumo Kentaro, der Besitzer des Ichiban Hotels. Der etwa 60-jährige Japaner hatte eine eingedrückt wirkende Stirnpartie, die von einem Jahre zurück liegenden Unfall stammte. Dabei war er beim Sport von einem Baseball am Kopf getroffen worden, wie uns Aldo Rezzonico, unser Autovermieter später erklären sollte.

Bei 9°C Außentemperatur registrierte ich leichte Schwindelgefühle, wobei unklar blieb, ob diese nur auf die Höhe von 4.082 m oder auch auf das entstandene Schlafdefizit zurückzuführen waren. Die Fahrt zum Hotel von El Alto in den Talkessel, der noch im Morgennebel verborgen lag, führte über steile Straßen stetig nach unten. Vorbei an Müllhaufen und vielen streunenden Hunden. Im Hotel wurde unser Gepäck vom Sohn des Hauses auf unser Zimmer getragen, wo uns zur Begrüßung eine Kanne heißer Koka-Tee und ein Teller mit Keksen erwarteten. Nach einem vorgezogenen Mittagsschlaf machten wir uns auf den Weg zum Paseo El Prado. Neben und auf der Hauptstraße herrschte reger Verkehr, Regeln schien es aber nicht zu geben, außer dem Glauben daran, dass keine Lücke zu klein sein kann, und im Zweifelsfall besser einmal zuviel als zu wenig gehupt werden sollte. Aus diesem Gründen fuhr Aldo, der vor 25 Jahren im Rahmen einer Weltreise nach 3 Jahren in Bolivien hängen blieben war, nie mit dem eigenen Auto ins Stadtzentrum. Entweder lief er zu Fuß oder nahm sich ein Taxi. Bei der Beschaffung der Landeswährung mussten wir feststellen, dass alle Geldautomaten der bolvianischen Banken ein dem ortsüblichen Preisniveau – in einer Garküche kostete ein Hamburger mit Pommes z.B. 4 Bolivianos, umgerechnet 40 Cent – angepasstes Limit von 800 Bolivianos pro Abhebevorgang hatten. Nagumo hatte uns extra eingeschärft beim Kartenschlitz genau hinzusehen, um sicher zu gehen, dass dieser nicht mit einem Aufsatz mit Fadenschlinge versehen sei, der verhindere, dass die eingeschobene Karte auch wieder herauskommt. Aber alles ging gut und mit Bolivianos im Portemonnaie schlenderten wir dann weiter. In der parallel zum Prado verlaufenden Calle Linares, der Zaubergasse, entdeckten wir in den Auslagen neben Steinfiguren und Wollwaren auch getrocknete Lamaföten und Kröten mit aufgesteckten Glitzeraugen. Durch weitere Marktgassen mit Obst- Gemüse- und Kräutergeschäften kamen wir schließlich zurück zum Hotel. Dort hatten wir vom Dachgarten aus einen guten Blick auf die Innenstadt mit ihren Hochhäusern. Sobald die Sonne untergegangen war, sanken die T-Shirt tauglichen Tagestemperaturen sehr schnell deutlich ab und es wurde spürbar kälter. Außerdem machte sich die Höhe von immer noch mehr als 3.000 m selbst bei leichten Steigungen oder nur wenigen Treppenstufen durch sofortige Kurzatmigkeit bemerkbar. Erschöpft von der langen Anreise lagen wir bereits um 21 Uhr im Bett.

Getrocknete Kröten und andere wunderliche Dinge in der Calle Linares, der „Zaubergasse“.

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