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Die Fahrt nach Calais verlief problemlos. Auf dem Weg zum Hafen kamen wir dort erst am „Dschungel“, dem teilweise geräumten Flüchtlingslager, vorbei und fuhren dann über eine Straße, die an beiden Seiten mit einem 3 und 4 m hohen, doppelten Stacheldrahtzaun gesäumt war, zur Fähre. Diese erreichten wir just-in-time 30 Min. vor der Abfahrt. Auf der 90-minütigen Überfahrt war der Himmel grau und die See recht ruhig. In Dover kamen wir, wie es sich für England gehört, im strömenden Regen an. Nach einer halben Stunde Fahrt hatten wir dann unser Hotel in Canterbury erreicht. Wir machten erst eine kleine Ruhepause, anschließend spazierten wir zur nur 1 km entfernten Kathedrale, wo die Andacht gerade zu Ende war. Die Geschichte des Gotteshauses begann im Jahr 597 als der Mönch Augustine von Papst Gregor aus Rom nach England geschickt wurde, um dort das Christentum zu erneuern. Von der christlichen Königin Bertha und König Ethelbert willkommen geheißen, erhielt der Mönch ein Stück Land, um eine Kirche zu bauen, wahrscheinlich schon an der Stelle der heutigen Kathedrale. Mit ihr sind mehr Heilige verbunden, als mit jedem anderen Platz in England. St. Dunstan, St. Alphege und St. Anselm, alle drei Erzbischöfe im frühen Mittelalter, wurden zum Beispiel darin begraben. Auf der Südseite der Dreifaltigkeitskapelle liegt auch der legendäre Schwarze Prinz in voller Rüstung, einer der letzten Ritter Europas, der 1376 im Hundertjährigen Krieg fiel. Der heilig gesprochene Erzbischof Thomas Becket wurde am 29. Dezember 1170 sogar in der Kathedrale feige von hinten erdolcht, von Höflingen seines ehemaligen Freundes König Heinrich II, auf den deshalb ein Kirchenbann fiel. Der Mord ist in einem der kostbaren Buntglasfenster verewigt. Die einzigen in der Kathedrale beigesetzen Monarchen sind König Heinrich IV (1367-1413) und seine Gemahlin Joan von Navarra. Neben ihrem prunkvollen Grab stand in der Trinity Chapel auch der mit Juwelen verzierte Schrein von Becket, bis ihn Heinrich VIII 1538 zerstören ließ. Bis zu dieser Tat war Canterbury eines der wichtigsten Pilgerziele Nordeuropas.
In das Westportal der Kathedrale sind zahlreiche Nischen integriert, in denen Statuen stehen. Die meisten davon wurden schon in den 1460-er Jahren geschaffen, sind aber im 19. Jh. stark beschädigt worden oder sogar vollständig erodiert. 1863 fiel deshalb der Beschluss die Nischen wieder zu füllen und dafür auch neue Figuren in Auftrag zu geben. 2015 kamen die bis dato jüngsten beiden dazu, die anlässlich des diamantenen also 60. Thronjubiläums von Elisabeth II. im Jahr 2012 in Auftrag gegeben worden waren. Bildhauerin Nina Bilbey schuf sie aus Lepine, einem Kalkstein aus der Gegend östlich des französischen Portier. Die Statuen wurden von den 1927 gegründeten „The Friends of Canterbury Cathedral“ gestiftet, deren Ehrenmitglied die Queen selbst ist.
Zur Enthüllung des ersten Statuen-Paares des könglichen Paares seit der Thronbesteigung 1952 war am 26. März 2015 die Königin mit ihrem Gemahl persönlich angereist. Seit dem 9. September 2015 regiert Elisabeth II sogar länger als ihre Ur-Ur-Großmutter Königin Victoria, die mit ihrem Gatten Prinz Albert auf der anderen Seite der Tür zu sehen ist.
Die Kathedrale ist auch die „Mutter Kirche“ der anglikanischen Glaubensgemeinschaft. Die Kompass-Rose auf dem Boden des Mittelschiffs symbolisiert die weltweite Verbreitung der Anglikaner mit derzeit 85 Mio. Mitgliedern. Die Krypta wurde in zwei Phasen errichtet. Der westliche Bereich zwischen 1093 und 1130 im normannischen oder römischen Stil mit verzierten Säulen, Rundbögen und kleinen Fenstern mit wenig Licht. 1179 – 1184 ließ William the Englishman den östlichen Teil als Untergeschoß der Trinity Chapel in leichterer Bauweise ergänzen, die den Wandel vom normannischen zum gotischen Stil vollzieht.
2016, zum 400. Todestag von William Shakespeare, wird aus der wertvollen Bibliothek der Kathedrale eine Zweitausfertigung mit seinen Stücken aus dem Jahr 1632 in der Krypta ausgestellt. Das Buch kostete damals 1 ‎£, dafür musste ein Handwerker über zwei Wochen arbeiten. Neben Shakespeare mit seiner genialen Vorstellungskraft hat sich im späten 16. Jh. und frühen 17. Jh. mit William Tyndale ein zweiter Mann um die englische Sprache verdient gemacht. Er übersetzte die Bibel ins Englische, und auch davon besitzt die Kathedrale eine historische Kopie. Shakespeares Formulierungen finden sich bis heute im englischen Wortschatz, z.B. wenn man sich selbst „in a pickle“ (in der Bredouille) wiederfindet, oder wenn jemand das Herz auf der Zunge trägt („to wear one’s heart on one’s sleeve“).
Ein Rundgang über das Kirchengelände mit dem Kreuzgang, der privaten King’s School, die auch die Chorknaben stellt, und anderen Gebäude-Ensemblen rundete unseren Besuch ab. Bei einem kleinen Stadtrundgang zeigte sich dann sogar noch die Sonne und wir gingen relativ früh ins Bett.

Deckenansicht der Kathedrale von Canterbury
Deckenansicht der Kathedrale von Canterbury

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