19. Tag

Am heutigen christlichen Fest Allerheiligen wollten wir das „Festival de barriletes gigantes“ besuchen. Am Vortag waren in Antigua schon Flyer verteilt worden, die für 10 US$ eine Halbtagestour dorthin anboten, die von 9-15 Uhr dauern sollte. Wir fuhren stattdessen nach dem Frühstück mit unserem Kia selbst ins 20 km entfernte Santiago Sacatepéquez. Während Europäer ihrer Toten eher mit Trauer gedenken, steht in Mittelamerika das fröhliche gemeinsame Feiern der Lebenden zusammen mit den Verstorbenen im Vordergrund. Passend dazu ist in Mexiko zum Beispiel der „Dia de Muertos“, der Tag der Toten, ein richtiges Volksfest, das vom Vorabend von Allerheiligen bis Allerseelen am 2. November gefeiert wird. Das Brauchtum zählt seit 2003 zum immateriellen UNESCO-Weltkulturerbe und wurde im James Bond-Film „Spectre“ bildgewaltig als Umzug in Mexico-City in Szene gesetzt.

Als wir in Santiago Sacatepéquez ankamen, fühlte ich mich ein wenig an die heimische Cranger Kirmes erinnert, das größte Volksfest in NRW. An der Straße zum „Festplatz“, dem örtlichen Friedhof, hatten die Leute ihre Hinterhöfe geöffnet und vermieteten dort Parkplätze, genau wie in Herne. Wir zahlten also 20 Quetzales für den ganzen Tag und wurden über eine steile Zufahrt auf einen Stellplatz auf dem engen Hof dirigiert. Dabei musste man aufpassen nicht aufzusetzen. Weil jeder freie Meter zugeparkt wurde, mussten wir dem Hofinhaber anschließend vertrauensvoll unseren Autoschlüssel überlassen, damit dieser bei Bedarf rangieren konnte. Das letzte Wegstück vor dem Friedhof war dann eine einzige „Fressmeile“, über die sich die Besucher schoben, wie am Wochenende in Crange. Es wurden Tausende von Tortillas frisch gebacken, gefüllt und geröstet, Suppen gekocht und Unmengen Fleisch gebraten.

Auf dem Friedhof saßen und standen die Leute auf und neben den Gräbern. Dazwischen wuselten Eisverkäufer umher. An einer Seite war sogar eine große Bühne aufgebaut, wie bei einem Rockkonzert. Dort traten Entertainer und Musiker auf und sorgten für gute Stimmung. Die wirklichen „Stars“ waren jedoch die 10-12 Meter hohen Drachen aus Seidenpapier, die verschiedene Teams in 3-7 Monaten selbst gebaut hatten. Vor Ort lagen die Drachen erst mit der Rückseite nach oben auf dem Boden. Dann wurde mit Stricken und Klebeband ein „Skelett“ aus dicken Bambusstangen konstruiert und der Drachen mit vereinten Kräften und mit Hilfe von Flaschenzügen an einem großen Holzmast aufgerichtet und mit langen Seilen in die Senkrechte gebracht. Dabei gibt es eine sehr kritische, alles entscheidende Phase, wie wir bald sehen sollten. Denn der nächste Drachen stand beim Aufrichten nicht richtig im Wind und so hielt das Bambusgeflecht nicht lange. Nach etwa einer Minute begannen die Stangen zu brechen und der ganze Drachen fiel in sich zusammen. Die dazugehörigen „Barrileteros“, die mit ihren Macheten und energischen Kommandos gerade noch die Helden gewesen waren, waren nun im wahrsten Sinne des Wortes am Boden zerstört. Die Jüngeren konnten dabei ihre Tränen kaum verbergen.

Auf ihren T-Shirts war zu lesen, dass es den Brauch des Drachenbaus im Dorf bereits seit 119 Jahren gibt. Allerdings waren es zuerst die üblichen kleinen Flug-Drachen gewesen. Der Legende nach sollten sie aufsteigen, um den Seelen der Verstorbenen den Weg in den Himmel zu zeigen oder, nach einer anderen Variante, die Seelen zu ihren lebenden Verwandten leiten. Die Kunst des Papierdrachenbaus hatten in den 1850-er Jahren aus den USA eingewanderte Chinesen mitgebracht, die dort beim Eisenbahnbau geholfen hatten. Mit der Zeit waren die Drachen dann immer größer und immer kunstvoller geworden, so dass sie schließlich nicht mehr fliegen konnten und stattdessen auf dem Friedhof aufgestellt wurden. Allerdings gibt es auch heute noch Dutzende von kleineren und etwas größeren Exemplaren mit etwa 2 m Durchmesser, die über den Gräbern schweben.

Gegen 15 Uhr kehrten wir zum Parkplatz zurück, bekamen dort unseren Schlüssel wieder und fuhren nach Antigua zurück. Im Hotel sahen wir dann im Fernsehen die guatemaltekischen Nachrichten, die auch über die Drachenfestivals in Sumpango und in Santiago Sacatepéquez berichteten. Dabei war ich sogar einmal kurz im Hintergrund zu sehen. Anschließend spazierten wir zur Kirche La Merced, dem besterhaltenen Barockgebäude Antiguas in leuchtendem Gelb. Genauer gesagt handelt es sich beim Baustil um den spätbarocken Churriguerismus, benannt nach dem Baumeister José Benito de Churriguera. Da die Kirche das Erdbeben von 1773 unbeschadet überstand, ist sie noch heute mit wertvollen Kunstgegenständen, wie dem „Jesús Nazareno“, ausgestattet.

An den Ruinen von San Jerónimo und dem Convento la Recolección vorbei, gingen wir dann weiter zum städtischen Markt. Dort gab es neben Lebensmitteln zum Beispiel auch DVDs von Hollywoodfilmen, wie etwa dem aktuellen „Deadpool 2“, der auf dem Hinflug im Bordkino gelaufen war. Sie kosteten 10 Quetzales, also einen Euro. Zudem fiel uns ein T-Shirt mit dem Antlitz von US-Präsident Trump und der Aufschrift „Donald eres un pendejo“ auf, das mehrere Stände in vielen Farben anboten.

Später kamen wir noch am Postamt vorbei. In verschiedenen Orten hatten wir bereits in mehreren Geschäften, die zwar Postkarten aber keine Briefmarken anboten, gehört, dass es derzeit keine staatliche Post in Guatemala gäbe. Nun lasen wir es auch schwarz auf weiß an der verschlossenen Tür: „No stamps and no international service for the moment. Postal service is in transition from private to public.“ Abends gingen wir dann zum Essen ins „Wiener“ mit österreichischen Spezialitäten. Die Spätzle waren auch sehr gut, aber das Kalbsschnitzel enttäuschte mit zähem Fleisch und einer sehr fettigen, bröseligen Panade.

Zu Allerheiligen findet jedes Jahr auf dem Friedhof von Santiago Sacatepéquez das „Festival de barriletes gigantes“ statt.

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