22. Tag

Aurora fragte mich, ob ich sie zur sonntäglichen Messe begleiten wolle. Wir gingen aber nicht in eine evangelische Kirche, sondern zu einer Glaubensgemeinschaft, die sich „Camino de vida“ nennt. Das Gotteshaus war ein großer Saal in einem Wohngebäude, mit einem Podium und zahlreichen Stuhlreihen für die Zuhörer. Auf der Bühne sah es wie in einem Wohnzimmer aus, dort standen zwei große weiße Ledersessel und ein Beistelltisch mit zwei Gläsern Wasser. Davor befand sich ein Stehpult mit einem Mikrofon. Der Pastor hatte einen Priester aus den USA zu Gast, der über beachtliche Entertainer-Qualitäten verfügte. Er predigte stimmgewaltig und sehr theatralisch auf Englisch, die spanische Übersetzung durch den Hausherrn folgte umgehend. Immer wieder sprach er die Zuhörer direkt an und fragte z.B. wer sein Leben in den Dienst des Herrn stellen wolle, oder wer schon einmal von Jesus geheilt worden sei. Jeder sollte dazu ein Handzeichen geben. Aurora und viele andere Besucher hatten Notizbücher, in die sie fleißig Stichpunkte schrieben, und eine Bibel dabei, um konkrete Verse, auf die sich der Prediger immer wieder bezog, nachzuschlagen und mitzulesen. Zum Abschluss kamen alle nach vorne und die beiden Priester legten jedem Gläubigen die Hände auf, dabei sprachen sie ein paar Sätze. Eine kleine Band mit Schlagzeug, E-Gitarre und Sängerin sorgte für die passende getragene Musikuntermalung. Die Reaktionen der Leute waren erstaunlich, viele brachen in Tränen aus und einige kippten sogar einfach um, sobald der Priester seine Hände wegnahm. Ein bereit stehender Hintermann fing die Fallenden dann auf und ließ sie langsam zu Boden gleiten. Alle blieben aber bei Bewusstsein und standen noch ein paar Minuten selbst wieder auf.

Den Nachmittag verbrachte ich damit eine Reiseagentur für eine Tour nach Choquequirao zu finden. Viele hatten gar nicht geöffnet, aber an der Plaza de Armas fand ich mit Puma’s Trek Peru schließlich einen Tourvermittler. Aurora meinte zwar später alle Büros an der Plaza würden nur zweitklassige Angebote im Programm haben und sollte damit nicht völlig unrecht haben, aber da ich bis zum Rückflug nur noch fünf Tage Zeit hatte, konnte ich nicht allzu wählerisch sein.

Die vielen kleinen Ladenlokale rund um die Plaza de Armas.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

Autor *:

Webseite: