2. Tag:

Die erste Station auf der heutigen Rundfahrt durch den Exmoor-Nationalpark war Selworthy. Dort sahen wir uns das halbe Dutzend vanillegelber, reetgedeckter Häuser im Regen an. Sie waren im 18 Jh. die hübschen Wohnungen der Arbeiter des Holnicote Estates gewesen. An der Tür der geschlossenen Teestube informierte ein Schild darüber, dass sich der Manager neuen Herausforderungen widme, man aber hoffe bis zum Sommer einen Nachfolger gefunden zu haben. Der Wanderweg zur Eisenzeit-Siedlung Bury Castle führte dann durch einen wahren Urwald mit dicht bemoosten Bäumen, die ein untrügliches Indiz für die hohen jährlichen Niederschlagsmengen in der Gegend waren. Von der nächsten Station, dem verwinkelten Dorf Porlock, ging es dann noch ein paar km weiter zum dazugehörigen Hafen. Dieser machte einen recht verlassenen Eindruck, aber es gab dort neben dem obligatorischen Pub auch einen Schuppen für die Seenotrettung und einen Laden für Ladies Fashion. Die Panorama-Route über die Hochebene legten wir anschließend im Nebel mit stellenweise nur 30 m Sichtweite zurück. Als die Wolken aufrissen, sahen wir jedoch eine Heidelandschaft mit gelb blühenden Stechginster-Büschen und einigen der berühmten Exmoor-Ponys, die am Foreland Point nur wenige Meter neben der Straße grasten. Diese führte anschließend in vielen Kurven hinunter nach Lynmouth. Dort fuhren wir mit einer wasserbetriebenen Seilbahn den Hang wieder hinauf nach Lynton. Die beiden Kabinen der Bahn hatten dazu Ballasttanks, die oben am Berg befüllt wurden, so dass die schwere Kabine, die dadurch nach unten fuhr, die andere Kabine, deren Tank unten entleert worden war, nach oben zog. Die 1890 eröffnete Bahn gab der wachsenden Tourismus-Industrie im Ort damals die Möglichkeit die Gäste schnell die hohen Klippen hinauf und hinunter zu transportieren. Vorher hatten die Pferde der im Pendelverkehr eingesetzten Kutschen immer nur ein relativ kurzes Arbeitsleben gehabt.

Aufgrund der Abgeschiedenheit war in den Zwillingsorten nicht nur die wasserbetriebene Seilbahn erfunden worden, sondern auch schon im März 1890 das erste Wasserkraftwerk am East Lyn River in Betrieb gegangen, lange bevor elektrisches Licht in ganz Großbritannien eingeführt wurde. Als der Strombedarf wuchs, installierte man zusätzlich eine ganze Reihe von Generatoren. Die große Flutkatastrophe 1952 zerstörte dann aber auch das Kraftwerk, so dass Lynton and Lynmouth recht früh an das Überlandnetz angeschlossen wurden. Für Notfälle und Störungen gab es dabei zusätzlich noch eine Generatorstation mit einem umgebauten Flugzeugmotor. Anknüpfend an die alten Traditionen wurde 1985 mit dem Bau eines neuen Wasserkraftwerks in der Glen Lyn Gorge begonnen. Mit 0,6 m3 Wasser pro Sekunde, das durch ein 77 m langes Rohr mit 50 cm Durchmesser zu einer Turbine im Flussbett strömt, werden jährlich 1.600.000 Kilowattstunden erzeugt. Genug, um 300 Haushalte zu versorgen.

Die Weiterfahrt durch das Innere des Nationalparks führte über kleine Straßen durch kleine Weiler und schließlich auf den mit Heidekraut bewachsenen Dunkery Beacon, mit 530 m der höchste Punkt des Parks. Auf der Rückfahrt nach Minehead stoppten wir dann noch in Dunster. Der kleine Ort hat sich ein besonders mittelalterliches Flair bewahrt, denn er war bis 1950 im Privatbesitz der seit 1376 in Dunster Castle ansässigen Familie Luttrell. Die Burg hatte Cromwell einst schleifen lassen, sie wurde im 19. Jh. aber wieder aufgebaut. Der Yarnmarket, ein großer vieleckiger Pavillon an der High Street, erinnert noch heute an den früheren Reichtum des Ortes als Zentrum der Tuchindustrie. Da der Burgberg schon um 17 Uhr geschlossen war, sahen wir uns nur die Kirche mit dem hübsch wieder hergerichteten Pfarrgarten mit einem kleinen Brunnen an.

Exmoor-Pony vor Ginsterbusch im Nebel
Exmoor-Pony vor Ginsterbusch im Nebel

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