5. Tag

Um 7 Uhr färbte die aufgehende Sonne den Himmel für wenige Minuten leuchtend rot. Bei einem kurzen Erkundungsgang entdeckte ich noch zwei Pinguine, die etwas unschlüssig vor der Hecke standen und dann wieder darin verschwanden. Derek erklärte nach dem Frühstück, wenn sie Junge hätten, bleibe ein Elternteil oft den ganzen Tag dort. Als wir uns verabschiedeten, erfuhren wir, dass unser Gastgeber in Simon’s Town geboren wurde und als Seemann für die örtliche Marinebasis gearbeitet hatte. Seine beiden Töchter lebten in Neuseeland und Dubai, wobei bereits der Umzug aus dem Wüstenemirat nach Melbourne in Planung war. Annie zeigte uns dann noch ihre kleine Werkstatt und schenkte uns einen kleinen, selbst getöpferten Pinguin. Dieses kleine Präsent bekämen nur Leute, die ihr sympathisch wären, erklärte sie und wünschte sich per E-Mail ein Bild, welches das neue Zuhause ihres Pinguins zeigte.

Rudyard Kipling (1865-1936), der englische Journalist und Autor des Dschungelbuchs, war aufgrund seines Interesses an Armee, See und dem Empire ein häufiger Gast in Simon’s Town gewesen und schrieb zahlreiche Geschichten über seine Bewohner. Wir stoppten aber nur kurz beim Post Office an der Hauptstraße mit ihren historischen Gebäuden, um unsere Postkarten mit Briefmarken einzuwerfen, die keinen Nennwert, sondern nur den inflationsunabhängigen Aufdruck „Airmail Postcard“ trugen. Dann folgten wir bei vom Meer heraufziehendem, dichter werdendem Nebel der Küstenstraße entlang der False Bay nach Nordosten. Als wir gegen Mittag bei Pringle Bay nach Süden abbogen, war der Himmel aber wieder blau und die Sicht gut. Im Ort suchten wir das so gerühmte Fischlokal „Hook, Line and Sinker“. Als wir das unscheinbare Gebäude betraten, waren zwar nicht alle rustikal mit Zeitungspapier eingeschlagenen Tische im niedrigen Gastraum belegt, die ältere Wirtin mit leicht bräunlichen Zähnen und dunklen Rändern unter den Fingernägeln, die hinter dem großen Herd im rückwärtigen Bereich hervorkam, erklärte aber gleich, dass man bei ihr ausschließlich mit Vorreservierung speisen dürfe. Also fuhren wir weiter zur Stony Point Penguin Colony auf dem Gelände einer ehemaligen Walfangstation. Die felsige Küste mit starker Brandung wirkte deutlich spektakulärer als Boulders Beach und die Pinguine teilten sich das Gebiet mit einer Komoran-Kolonie und einigen Klippschliefern.

Als wir gegen 16 Uhr in Hermanus ankamen, machten wir uns gleich auf den Weg zum direkt über die Klippen führenden Uferpfad mit mehreren Beobachtungspunkten. Die Küste mit Felsen, Fynbos und Blumen sah hübsch aus, aber weder der weitweit einzige Wal-Ausrufer, noch die Wale selbst ließen sich blicken. Diese Figur erfand Jim Wepener in den 1990-er Jahren nach dem Vorbild der britischen Stadtausrufer. In der Wal-Saison von Juni bis November dreht der Ausrufer von 10-16 Uhr seine Runden und bläst sein Kelp-Horn, um jedermann zu informieren, wo er Wale gesichtet hat. Für die einzelnen Stellen an der Küste hat er dabei verschiedene Signal-Codes, nachzulesen auf einer großen Tafel, die er um den Hals trägt. Die Wale legen jedes Jahr die 3.000 km von ihren Jagdgründen in der Antarktis in acht Wochen mit gemächlichen 4-5 km/h zurück und erreichen die südafrikanische Küste im Juni. Im August und September gebären die Weibchen dann dort ihre Jungen. Nachdem die Südlichen Glattwale, auch Südkaper genannt, durch intensive Bejagung bis 1935 von 25.000 auf 50 Tiere dezimiert worden waren, konnte sich ihre Population mit einer Wachstumsrate von 6,7% alle zehn Jahre verdoppeln, so dass heute wieder etwa 2.200 Wale die Küstengewässer aufsuchen.

Die zerklüftete Küste mit den Häusern von Hermanus.
Die zerklüftete Küste mit den Häusern von Hermanus.

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