12. Tag

Bei blauem Himmel und Sonnenschein fuhren wir noch einmal über die Route 16 bis zur Auto Road auf den Mount Washington, den mit 1.917 m höchsten Berg Neuenglands. Obwohl seine Spitze schon wieder oder noch immer von Wolken verhüllt war, wollten wir hinauf, aber die Straße war gesperrt, weil es in den vergangenen Tagen viel geschneit hatte und das Gipfelplateau deshalb vereist war. Die aktuelle Windgeschwindigkeit von 120 km/h wäre dagegen noch im Rahmen gewesen, eine Sperrung erfolgt erst ab 137 km/h bzw. 85 MPH, was immer noch weit entfernt ist von den 1937 registrierten 372 km/h, der höchsten jemals außerhalb eines Hurrikans gemessenen Windgeschwindigkeit.

Wir drehten also um und bogen auf die Route 112 ab, den Kancamagus Highway, der über den gleichnamigen, 870 m hohen Pass nach Westen führt. Die Höhe der Wasserscheide zwischen dem Pemigewasset River in New Hampshire und dem Saco River in Maine zeigte sich nicht nur durch vereinzelte Schneeflocken, sondern auch durch die veränderte Vegetation. Amerikanische Buche, Hemlocktanne, Zuckerahorn und Papier-Birke hatten  Eberesche, Amerikanische Rot-Fichte und Balsam-Tanne des borrealen Waldes abgelöst.

Vom Ferienort Lincoln machten wir dann einen Abstecher zum Franconia Notch-State Park nur wenige Meilen weiter nördlich. Dort beginnt im Visitor Center direkt hinter dem Kassenhäuschen ein schöner, 2 Meilen langer Rundweg. Die Hauptattraktion ist die Flume Gorge, eine 241 m lange, 21-27 m tiefe und 3,6 bis 6 m breite Schlucht, die 1808 am Fuß des Mount Liberty entdeckt wurde. Weitere Stationen sind die 1886 gebaute, älteste Covered Bridge von New Hampshire und die Sentinel Pine Bridge. Deren Basis bildet eine 53 m lange Pinie, die einer der höchsten Bäume des Bundesstaates war, bevor sie im September 1938 ein Hurrikan entwurzelte, so dass sie über den Pemigewasset River stürzte.

Wir überquerten dann die Grenze nach Vermont mit einsamen Landstraßen und weit verstreuten Farmen. Die erste nennenswerte Stadt, die wir erreichten, war Barre. Die Arbeiterstadt mit ihren Granitsteinbrüchen grenzt direkt an Montpelier, seit 1805 die kleinste Hauptstadt der USA. Der Regierungssitz am Winooski River machte jedoch abends einen recht düsteren Einsatz, was nicht nur an der spärlichen Straßenbeleuchtung lag, sondern auch an den angegrauten roten Backsteinhäusern der Innenstadt, wo das Theater Hamlet aufführte.

Eine unerwartete Begegnung war die mit einer älteren Dame, die in einer Pizzeria auf einen freien Tisch wartete. Zu den langen, grau melierten Haaren, der auffälligen roten Hornbrille, der Strickjacke und dem Bastkörbchen mit Wolle und Stricknadeln, wollte die große Gestalt mit flachem Dekolleté, kantigem Gesicht und den grobschlächtigen Händen einfach nicht recht passen. Aber spätestens als der Transvestit von einem halben Dutzend seiner ebenfalls etwas überkandidelt gekleideten „Geschlechtsgenossinnen“ stürmisch begrüßt wurde, die dann im Restaurant auch einen sehr gesegneten Appetit entwickelten, war die Sache klar.

Die Flume Gorge im Franconia Notch-State Park.
Die Flume Gorge im Franconia Notch-State Park.

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