23. Tag

Mit einer der ältlichen Straßenbahnen fuhr ich in großem Bogen über die Market Street und den Embarcardero ein zweites Mal nach Fisherman’s Wharf, um an einer zweistündigen Führung teilzunehmen, die der gemeinnützige Veranstalter „City Guides“ (www.sfcityguides.com) in Kooperation mit der städtischen Bücherei anbietet. Treffpunkt mit der ehrenamtlichen Stadtführerin Kay Rabin, die ihr Geld mit einem Steuerbüro verdient, das sie mit ihrem Mann zusammen betreibt, waren die Bänke im Park am Fuß der Larkin Street, weit entfernt vom Touristen-Rummel rund um Pier 39. Zusammen mit 15 anderen Teilnehmern erfuhr ich zuerst, dass der Namensgeber des benachbarten Ghirardelli Squares dort 1852 in einer ehemaligen Wollweberei die heute zweitälteste Schokoladenfabrik der USA gründete. Der Italiener Domenico Ghirardelli war ursprünglich des Goldes wegen nach Kalifornien gekommen, machte sein Vermögen dann aber mit einem Verfahren zur Gewinnung von Kakaobutter aus Kakaobohnen, das einer seiner Angestellten 1865 entdeckte. Inzwischen produziert das Unternehmen jedoch in einem preisgünstigeren Industriegebiet in der East Bay und der Gebäudekomplex beherbergt ein exklusives Shopping-Center. Nur einen Block entfernt steht die ehemals weltgrößte Pfirsich-Konservenfabrik von Del Monte an der Bay Street, die, wie der Name schon sagt, früher direkt am Wasser lag. Seit nach dem großen Erdbeben von 1906 jedoch hunderttausende von Ziegeln zur Neulandgewinnung ins Wasser gekippt wurden, hat sich die Küstenlinie weiter in die Bucht vorgeschoben. Das alte Backsteingebäude aus dem Jahr 1907 teilen sich heute das luxuriöse Argonaut Hotel und das Visitor Center des San Francisco Maritime Museum. Nach einem kurzen Rundgang durch die Ausstellung, die sich mit der Geschichte der frühen Einwanderer befasst, verteilte Kay vor der in Leichtbauweise konstruierten Original Fresnel-Linse des Leuchtturms, der vor der Bucht auf der Insel Farallon steht, an alle zur Stärkung kleine Ghiradelli Schokoladen-Täfelchen. An der nächsten Station draußen am Hyde Street Pier lagen mehrere historische Schiffe vor Anker. Eines davon ist der 1886 gebaute Rahsegler „Balclutha“, das letzte erhaltene große Segelschiff, das um 1900 noch Kap Horn umrundete. Außerdem spielte es 1935 im Film „Meuterei auf der Bounty“ mit. Ganz in der Nähe befindet sich Jack’s Bar. Der Pub ist bekannt für seine enorme Bierauswahl mit stolzen 85 Sorten, doch kaum jemand weiß, dass die Holzvertäfelung der Räume aus dem elisabethanischen England des 16. Jh. stammt. Der 1863 in San Francisco geborene Zeitungsmilliardär William Randolph Hearst hatte die historischen Schnitzereien ursprünglich in Europa gekauft, um sie in seine riesige Villa bei San Simeon einzubauen, verkaufte sie aber später an den ersten Besitzer der Bar.

Auf der anderen Straßenseite steht die Halle des alteingesessenen Fischhändlers „Alioto-Lazio“. Dort machte uns Kay mit Angela Lazio bekannt, die hauptsächlich Kalifornische Taschenkrebse verkauft, die als lebende Frischware in großen, sprudelnden Wasserbecken herum krabbeln. Die Krustentiere leben in einem mehrjährigen-Zyklus, so dass es nur alle sieben Jahre eine gute „Ernte“ gibt. Nach dieser Zählweise ist 2009 gerade wieder das erste Jahr. Die Enkelin des Firmengründers machte allerdings kein Geheimnis daraus, dass ein Großteil ihrer Ware inzwischen vom Großhändler und nicht mehr von den örtlichen Fischern stammt. Weil diese aufgrund der stark geschrumpften Fischbestände, aber deutlich gestiegener Anlegegebühren mit ihrem Fang heute kaum noch Geld verdienen, fahren viele mit ihren Booten nach der morgendlichen Tour am Nachmittag ein zweites Mal mit Touristen hinaus zur Golden Gate Bridge oder zur Gefängnisinsel Alcatraz.

Ein Stückchen weiter erinnert direkt am Hafenbecken eine kleine Kapelle an die Männer und Frauen, die das Hafenviertel einst aufgebaut haben. Und weil das Fischen nach dem Holzfällen der zweitgefährlichste Beruf ist, wird dort noch heute jeden Sonntag eine Messe abgehalten.

Im Musée Méchanique am Pier 45 muss Kay den Besitzer Daniel Galland Zelinsky dann erst suchen, denn der drahtige Mann mit leicht ergrautem Haar und einem jungenhaften Grinsen saust den ganzen Tag auf Rollerskates durch seine Museumshalle, ein paar Schraubenzieher stets griffbereit in der Hemdtasche. „Irgendwo ist immer etwas zu reparieren. Also rolle ich einfach hier herum und habe eine gute Zeit“, erklärte er uns. Mit mehr als 200 Münzautomaten besitzt Daniel eine der weltweit größten Privatsammlungen, die er, genau wie sein verstorbener Vater Edward, selbst instand hält. Dieser legte den Grundstein für die Sammlung, als er als elfjähriger Junge Bingo spielte und dabei den 1.Preis gewann. Heute gehören unter anderem ein mechanisches Klavier von 1912, ein Arm Wrestling-Automat und andere Jahrmarktgeräte, sowie ein original Pac Man Videospiel aus den 1980-ern zum Bestand.

Die letzte Station war schließlich wieder die Boudin Bakery. Die Inhaberfamilie kam 1849 ein Jahr nach Beginn des Goldrauschs in Kalifornien in die Stadt, um die zahlreichen Glücksritter mit frischem französischem Brot zu versorgen. Die runde Form der Laibe erinnert noch immer daran, dass die Goldgräber ihr Brot früher selbst in einer runden Pfanne über dem Feuer gebacken haben. Für den einzigartigen Geschmack des boudinschen Sauerteigbrotes sind nicht zuletzt die wilden Hefen und Milchsäurebakterien in der Luft von San Francisco verantwortlich. Die Stämme dieser Mikroorganismen sind in Bäckerkreisen übrigens weltweit unter dem Namen „Lactobacillus sanfrancisco“ bekannt.

Nach der Tour folgte ich den surrenden Seilen einer der drei verbliebenen Cable Car-Linien den steilen Hügel hinauf zur Lombard Street und sah dort neben den zahlreichen Autos auch eine Segway-Tour zwischen den Blumenbeeten hinunterkurven. Dann ging ich den Hügel wieder hinunter und weiter an den Gleisen entlang, die nach einer 90°-Kurve am Cable Car-Museum vorbei nach Chinatown führten. Die verschiedenen in Nudel- oder Reismehlteig eingeschlagenen Häppchen mit Huhn, Fleisch, Meerestieren oder Gemüse in einem Dim Sum-Restaurant waren allerdings eher interessant als außergewöhnlich lecker.

Nach dem Abendessen machte ich mich mit dem Auto noch einmal zur Golden Gate-Bridge auf. Als ich das Presidio mit seinem großen Soldatenfriedhof durchquert hatte, parkte ich am Lincoln Blvd. östlich der Brücke und gelangte von dort über einen komfortablen Fußweg hinunter zum Strand. Anschließend überquerte ich die Brücke und fuhr durch die Marin Headlands über die Conzelman Road in Richtung Point Bonita Lighthouse. Oben auf dem Hügel mit einem guten Blick auf Brücke, Bucht und Stadt standen bereits ein paar Fotografen. Einer von ihnen hatte eine Mittelformat- und eine Spiegelreflexkamera aufgebaut, sein Auto trug die Aufschrift: www.landscapedrama.com – Fine art photography San Francisco. Für einen näheren Blick auf die Brücke besuchte ich zum Abschluß noch die Battery Spencer, bevor ich zum Hotel zurückkehrte, wo ich um 22 Uhr wieder eintraf.

Eine der drei verbliebenen Cable Car-Linien von San Francisco führt den steilen Hügel zur Lombard Street hinauf.

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