6. Tag

Die Fahrt von der US-1 zum „Ernest F. Coe Visitor Center“ des Everglades Nationalparks führte gut 10 Meilen durch Felder und Anbauflächen soweit das Auge reicht, die von Kanälen mit Fluttoren durchzogen sind. Früher war dort ebenfalls der „Fluss aus Gras“ verlaufen. Obwohl der Nationalpark auf Initiative von Marjory Stoneman Douglas bereits 1947 eingerichtet wurde, hat z.B. die Zahl der im Schutzgebiet nistenden Vögel seit den 1930-er Jahren um 93% von 265.000 auf 18.500 abgenommen. Gleichzeitig wächst Floridas Bevölkerung täglich um 800 Menschen, die darauf angewiesen sind, dass der Süßwasserspeicher im Untergrund immer gut mit Regenwasser gefüllt ist, damit von außen kein salziges Meerwasser eindringen kann. Die Probleme seien aber erkannt, daher soll in den nächsten 30 Jahren das weltgrößte Renaturierungsprogramm für 12 Mrd. US$ die natürlichen Wasserkreisläufe in Südflorida soweit wie möglich wieder herstellen. Mit dieser einleitenden Erklärung begrüßte uns Biologin Karen, die vor fünf Jahren mit ihrem Mann aus Herne nach Florida gezogen war und nun als ehrenamtlicher Volunteer deutschsprachige Führungen über den Anhinga Trail machte. Die ersten Tiere, die wir sahen, war die „Geier-Gang“, die aus Langeweile auch gern mal an den Autos auf dem Parkplatz knabberte. Es folgten dann mehrere Schlangenhalsvögel, die dem Trail seinen Namen gegeben hatten. Die Tiere bleiben ein Leben lang zusammen und treffen sich jedes Jahr zur Paarungszeit am Nest wieder. Falls ein Partner zu spät kommt, kann die Brut aber ausfallen, oder die Jungen sind noch nicht flügge, wenn das Wasser wieder steigt und sich die Fische über größere Flächen verteilen können, so dass die Nahrung dann knapp wird. Im kristallklaren Wasser sahen wir auch einige Florida-Knochenhechte (engl. Gar), altertümliche Fische mit harten Knochenschuppen und einer primitiven Lunge, die sie zum regelmäßigen Luftholen zwingt. Am Ufer direkt neben dem Weg lag außerdem ein Alligator, der sich von uns nicht im Geringsten stören ließ.

Ungewöhnlicherweise ist Paradise Key, das Gebiet um das Visitor Center, das wegen der hohen Palmen auch als Royal Palm Hammock bekannt ist, größer und höher als die meisten „Hammocks“, wie die Bauminseln in den Everglades genannt werden. Die Florida Vereinigung von Frauenclubs hat das Gebiet deshalb schon 1916 als „Royal Palm State Park“ unter Schutz stellen lassen. Durch die großflächigen Drainagen des Feuchtgebiets zerstörten aber bald Buschfeuer die dortigen alten Bäume.

Nach einem Picknick in den Kieferwäldern des Long Pine Key Campgrounds fuhren wir weiter bis Flamingo an der Florida Bay. Der ursprüngliche Ort Flamingo wurde 1893 nach den über 1.000 Flamingos benannt, die zu dieser Zeit in der Gegend überwinterten. Die damalige Mode, die Frauenhüte mit üppigem Federschmuck vorsah, löschte aber bald viele Brutkolonien in Südflorida aus. Erst der Tod des Wächters Guy Bradley, der 1905 von einem Wilderer nahe Flamingo erschossen wurde, sorgte für die nötige öffentliche Aufmerksamkeit, um die Vögel unter Schutz zu stellen. In den frühen 1920-er Jahren kaufte Henry Flagler dann das Land um Flamingo und ließ Kanäle graben, um die Everglades trocken zu legen. Heute ist Flamingo eines von vier Besucherzentren des Nationalparks. Die Flamingos waren aber bereits 1902 durch die Jagd verschwunden und bis heute sieht man nur gelegentlich Gruppen von 1-50 Tieren, die vermutlich von den Bahamas, Cuba oder aus Yucatan in Mexiko kommen. Der zweite rosafarbene und bedrohte Vogel ist der Rosalöffler, aus dessen Flügelfedern in den frühen 1800-er Jahren Ventilatoren gemacht wurden, wie schon John Audubon berichtete. Außerdem zahlten Modeschöpfer für sie mit dem Dreifachen des Goldwertes. Heute ist die Art zwar geschützt, aber vom Wassermanagement der Region abhängig.

Der heutige Ort Flamingo macht nicht viel her, um die Marina herum gibt es aber mehrere Fischadler-Horste und im Hafenbecken war kurz vor unserem Eintreffen ein Manati mit seinem Kalb aufgetaucht. Auf der Rückfahrt spazierten wir dann über den kurzen Rundweg durch den „Mahogany Hammock“, ein dschungelähnliches Dickicht mit Mahagoni-Bäumen und Palmen. Außerdem stoppten wir am „Pa-hay-okee Overlook“, wo ein Holzweg auf Stelzen durch einen kleinen Sumpfzypressen-Wald führte und einen weiten Blick über die Sägegras-Prärie auf der anderen Seite bot. Bei Einbruch der Dämmerung kamen wir schließlich wieder am Parkeingang an.

Alligatoren am Rand des Everglades Nationalpark.
Alligatoren am Rand des Everglades Nationalpark.

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