6. Tag

Inzwischen sei es mit 12 °C in der Nacht recht warm, hatte Elen gesagt, aber trotzdem angeboten Glut zum Anfachen des Holzofens in die Zimmer bringen zu lassen. Wärmflaschen gehörten ohnehin zur Standardausstattung. Wir verzichteten aber auf beides, eine zweite Decke reichte völlig aus. Um 5.30 Uhr morgens kam dann der Weckanruf. Wir frühstückten schnell und fuhren kurz darauf am Gedenkstein für die beiden Grzimeks vorbei zur Descent Road in den Ngorongoro-Krater. Als wir dort um 7 Uhr ankamen, stand vor uns nur ein Auto am Gate. Die nachfolgende Piste war in einem sehr schlechten Zustand und endete an einem Akaziengebüsch, vor dem bereits vier Safari-Fahrzeuge parkten. Kaum auf dem Kraterboden, sahen wir hinter den Autos schon die ersten Löwen, ein Männchen und ein halbes Dutzend Weibchen. Eines davon lag nur einen Meter neben der Piste. Durch das dichte Dornengestrüpp waren die Tiere aber kaum zu sehen.

Auf der Weiterfahrt sahen wir erst einige Schakale und dann eine Gruppe Hyänen, die alle Viere von sich gestreckt in der Sonne schlummerten. Ein paar Kilometer weiter standen 14 Fahrzeuge vor einem Löwenpärchen, die beide dösend direkt neben der Straße lagen. Löwen haben das ganze Jahr über Paarungszeit, und die beiden waren sehr aneinander interessiert. Daher stand das Männchen plötzlich auf und ging zum Weibchen, dieses stand dann auch auf, bot sich an und es kam sofort zum Paarungsakt, der nur wenige Sekunden dauerte. Dann passierte wieder eine gute halbe Stunde lang nichts mehr, bevor sich der Ablauf wiederholte.

Wir setzten schließlich unsere Rundfahrt zur Ngoitokitok-Picnicsite fort, wo bereits 20 Autos parkten. Am Ufer sahen wir viele Glanzstare und Webervögel, die auf Futter hofften, und zwei Milane, die über ihren Köpfen tollkühne Flugmanöver vollführten. Im Wasser tummelte sich ein Dutzend Hippos, von denen später eines im Papyrusdickicht des gegenüberliegenden Ufers an Land ging.

Am Nachmittag sahen wir noch ein Löwenpärchen, die beiden Raubkatzen schliefen etwa 100 m voneinander entfernt im Gras. Irgendwann stand das Männchen auf, lief zum Weibchen und ließ sich dort wieder fallen, anschließend passierte aber nichts mehr. Als wir nach gut einer Stunde noch einmal an der Stelle vorbei fuhren, lagen die beiden noch genauso so da, wie wir sie verlassen hatten. Ein Stückchen weiter war auf einem verbrannten Savannenbereich ein ganzer Schwarm Kronenkraniche gelandet und die Vögel wurden vom Wind ordentlich zerzaust. Wir sahen dann noch Springböcke, Warzenschweine, Büffel und Paviane, alle mit Nachwuchs, bevor wir abends zum Schluss durch den Lerai-Forest fuhren, wo sich aber keine Tiere aufhielten. So steuerten wir schließlich die am Wald beginnende Ascend Road an, die vollständig gepflastert war und so entsprechend leicht und schnell befahren werden konnte. Nach 30 Minuten waren wir oben angekommen, wo es weder einen Ranger noch eine Schranke gab. Zum Sonnenuntergang fuhren wir dann nochmal an unserer Lodge vorbei zum Viewpoint vom Vortag. Dort hatte ein Guide am Kraterboden mit bloßem Auge eine Nashornmutter mit Kind und eine kleine Gruppe Elefanten entdeckt. Wir dagegen konnten die Tiere erst zweifelsfrei erkennen, als wir sie mit langer Brennweite aufgenommen und das Bild dann im Kameradisplay herangezoomt hatten. Auf der Rückfahrt zur Rhino Lodge sah ich später plötzlich einen Schwanz im Gebüsch direkt neben der Straße, der für einen Pavian oder eine Meerkatze eindeutig zu groß war. Er gehörte zu einem einsamen Löwenmännchen, das aber sofort tiefer im Dickicht verschwand.

Beim Abendessen unterhielten wir uns noch einmal ausführlich mit Elen. Sie mag Tansania sehr, das Land und die Natur seien toll und die Menschen sehr freundlich. Trotzdem sah sie vieles auch sehr kritisch. So wären die Massaidörfer an der Straße zur Serengeti etwa der reine Nepp. Der Eintritt betrage 50 US$ pro Fahrzeug, dafür bekäme man nur fünf Minuten eine kurze Tanzdarbietung, Zugang zu einem vermeintlichen Wohnhaus und werde dann gleich in den Shop geführt, wo man in China gefertigten „Massai-Schmuck“ aus Plastikperlen für 300 US$ kaufen könne. Oft gebe es auch noch ein „Schule“, die noch nie einen Lehrer oder gar Schüler gesehen habe, aber mit einer Spendenbox für bessere Bildung ausgestattet sei. Die örtlichen Massai wollten nur das schnelle Geld machen und würden dabei nicht langfristig denken, schließlich würden sich solche Dinge schnell unter den Reisenden herumsprechen. Da sei es besser ein Dorf abseits der Touristenströme zu besuchen, das könne dann durchaus noch ein authentisches Erlebnis sein.

Auch die tansanische Regierung würde nicht langfristig denken und die einheimischen Touristikunternehmen überhaupt nicht unterstützen. Stattdessen wolle sie zum Beispiel die Gebühr für den Ngorongoro-Krater bald auf 500 US$ erhöhen. Auch habe Elen, als sie vor wenigen Wochen einen neuen Generator bekommen habe, für den Truck, der ihn anlieferte, die volle Eintrittsgebühr für Busse bezahlen müssen. Selbst die italienische Besitzerin müsse, wenn sie ihre eigene Lodge besuchen wolle, ein teures Touristenticket kaufen, denn sie sei ja Ausländerin. Das gebe es so in keinem anderen Land. Die Italienerin, die im Land noch ein Stahlwerk, eine kleine Fluggesellschaft und viele andere Unternehmen besitze, habe die Wohn- und Verwaltungsgebäude der heutigen Rhino Lodge vor acht Jahren gekauft und das Restaurant neu gebaut. Vorher sei der ganze Komplex die Rangerstation der NCA gewesen.

Ein weiteres Problem sei, dass das Essen und der Service von vielen Unterkünften in keinem Verhältnis zum Preis stünden, so koste etwa die exklusive Crater Lodge pro Übernachtung 1.700 US$, im Restaurant habe man aber im Grunde auch nur die Wahl zwischen beef or chicken. In Vietnam oder Südafrika bekämen die Gäste dagegen viel mehr für ihr Geld und die Lodges in Botswana seien zwar ähnlich teuer wie in Tansania, böten dafür aber auch europäischen 5 Sterne-Standard, den man in ganz Tansania vergeblich suche. Hinzu komme, dass die Ausbildung der Angestellten sehr simpel sei, viele Kellner könnten am Anfang Weißwein kaum von Rotwein unterscheiden. Weil das Personal nicht ausreichend qualifiziert sei, gebe es noch heute Zeltcamps in der Serengeti für 2.000-3.000 US$ pro Nacht, wo der gute Wein den ganzen Tag an der Bar einfach ungekühlt bei bis zu 50 °C in der Sonne stehe.

Auch die Massai in der NCA seien ein Problem. Als diese in den 1950-er Jahren eine Aufenthaltsgenehmigung für das Schutzgebiet bekamen, waren es 16.000 Menschen. Heute wären es 88.000, viel zu viele, und so gebe es zunehmend Probleme mit Wildtieren. Löwen würden zum Beispiel die Kühe der Hirten töten, weil diese viel weniger wehrhaft als Gnus oder Büffel seien. Die Regierung habe dafür zwar Entschädigungen versprochen, diese würden aber nicht ausgezahlt, so dass die Massai dann einfach den Löwen töten würden. Dass ohne Löwen auch keine Touristen mehr kämen, sei ihnen nicht bewusst. Stattdessen pflegten sie weiter die Tradition Mädchen möglichst früh zu verheiraten, damit sie viele Kinder bekämen und wären stolz darauf, wenn sie mehrere Ehefrauen hätten. Die Regierung wolle die Massai nun zwar umsiedeln, doch diese würden sich entschieden dagegen wehren.

Ein Büffel im Ngorongoro-Krater, in dem bis auf Giraffen die nahezu komplette Tierwelt Ostafrikas zu finden ist.

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