1. Tag

Um 6:50 Uhr Ortszeit (MEZ+3) landete die bis auf den letzten Platz gefüllte Maschine nach knapp 7 Stunden Flug kurz vor Sonnenaufgang in dem kleinen Emirat am Persischen Golf. Die Sicherheitskontrolle im Flughafen war völlig überlastet, aber auf meinen Hinweis, dass ich meinen in 70 Minuten startenden Anschlussflug wohl nicht rechtzeitig erreichen würde, meinte ein Mitarbeiter nur ohne aufzuschauen „You have time“. Eine halbe Stunde später sprach ich einen seiner Kollegen energischer an und durfte endlich vor. Ich beeilte mich dann zum Gate zu kommen, denn der Herr am Infoschalter hatte noch gesagt „You have to hurry a bit“. Beim Check-in erfuhr ich jedoch, dass ich nicht das Visum für Indien, sondern nur die Visa Application Form ausgedruckt hatte. Damit würde ich in Dehli sofort zurückgeschickt, hieß es. Dabei hatte ich schon in Düsseldorf mein „Visum“ vorlegen müssen. Als ich dort den Antrags-Ausdruck gezückt hatte, war er zwar minutenlang begutachtet, aber dann für „echt“ befunden worden.

Nachdem ich nun in Abu Dhabi ein paar Minuten ratlos und hilfesuchend beim Airline-Mitarbeiter stehen geblieben war, regelte dieser alles ganz schnell. Er ging im Internet auf die Seite für das Indian e-Visa, gab dort die mir zugewiesene ID ein und mailte mir anschließend das pdf mit dem Visum. Da zeigte sich, dass so ein Smartphone auf Reisen schon eine tolle Sache ist, denn ich loggte mich über das Flughafen-WLAN in mein Postfach ein und hatte das gültige Visum nur Sekunden später auf meinem Telefon gespeichert.

Nun konnte ich um 8:20 Uhr die Maschine nach Dehli besteigen und kam dort nach 3 Stunden und 20 Minuten Flugzeit um 13:10 Uhr Ortszeit (MEZ+4:30) nach insgesamt knapp 12 Stunden Reisezeit am Indira Gandhi Airport an. Beim Landeanflug war die Wolkendecke nahtlos in die Smogglocke übergegangen, die schon seit Tagen die Hauptstadt einhüllte. Zwei Tage vor dem Abflug hatte noch das Handelsblatt berichtet, dass die Feinstaubwerte in Dehli die unbedenkliche Höchstgrenze derzeit um mehr als das 45-fache übersteigen und den lokalen Regierungschef Arvind Kejriwal damit zitiert, dass die Stadt zu einer Gaskammer geworden sei. Ursachen des jährlich wiederkehrenden Smogs sind der wachsende Verkehr und die Kohlekraftwerke der Hauptstadt, aber auch das Abbrennen der Felder in der Umgebung, gegen das die Regierung bisher nicht wirklich etwas unternommen hat. Und so spürten auch wir bei angenehmen 24 °C einen leichten Rauchgeruch in der Luft.

Am Einreiseschalter gab es mit dem digitalen Visum dann keinerlei Probleme, wobei der Beamte die Ruhe weg hatte. Ich zog noch 10.000 Indische Rupien (INR) aus dem ATM und dann fuhren wir mit der modernen und blitzsauberen Metro für 60 INR in 24 Minuten staufrei vom Flughafen in die Innenstadt. Das Bezahlsystem war dabei einfach und effizient. Man bekommt für die gewählte Tarifzone einen Chip, den man vor einen Sensor hält, der die Sperre zum Bahnsteig öffnet. An der Endhaltestelle wirft man den Chip dann in einen Schlitz der Zugangskontrolle ein, die sich nur öffnet, wenn man nicht zu weit gefahren ist.

Von der New Dehli Railway Station ging es mit dem Tuk Tuk, der Autorikscha, für 100 INR zum etwa 2 km entfernten Hotel. Auf den Straßen herrschte scheinbar die pure Anarchie. Jeder fährt ohne Zögern in jede noch so kleine Lücke, aber irgendwie einigt man sich letztendlich nonverbal, und der Verkehr rollt weiter. Dabei wird die Hupe natürlich viel lieber gebraucht als die Bremse. Mir fiel auf, dass nahezu jedes Auto irgendwelche Schrammen oder kleine Beulen hatte und viele Tuk Tuks mit robusten Rammschutz-Bügeln über den Kotflügeln ausgestattet waren. Schon bei unserer ersten Fahrt hörten wir auch das Schleifen von Metall auf Metall, aber danach tauschten die Beteiligten nur ein paar kurze Worte miteinander aus und fuhren dann einfach weiter.

Nachdem wir uns im Hotel an der Rezeption in dem fast tischgroßen Zimmerbuch eingetragen und das Gepäck verstaut hatten, fuhren wir mit der nächsten Autorikscha zum Gurudwara Bangla Sahib, dem größten Sikh-Tempel der Stadt. Ursprünglich 1664 als Bungalow errichtet und 1783 durch einen kleinen Schrein ersetzt, ist der heutige Gebäudekomplex größtenteils erst nach 1947 entstanden. Vor der Treppe, die hinauf zum Tempel führt, konnte man in einer Garderobe im „Untergeschoß“ seine Schuhe abgeben und sich aus zwei bereitstehenden Körben leihweise ein Tuch aussuchen, das hilfsbereite Ordner den Besuchern sogleich fachgerecht um den Kopf banden. Nachdem man sich noch die Hände gewaschen hatte und durch ein Fußbad gewatet war, ging es endlich barfuß in das Heiligtum hinein. Wie in den meisten Tempeln des Landes herrschte dort Fotografierverbot, an das sich aber nicht alle hielten und es sagte auch niemand etwas.

Im großen Innenraum saßen drei Mönche, die musizierten und dabei von früh morgens bis abends um 21 Uhr, wie in allen Sikh-Tempeln üblich, Verse aus dem heiligen Buch „Adi Granth“ rezitierten. Die Besucher drehten eine Runde um sie oder setzen sich einfach irgendwo auf den Boden, um zu lauschen oder zu meditieren. Im Hof führte ein Weg aus Marmorplatten um den „Sarovar“ herum, ein großes quadratisches Wasserbecken mit Goldfischen darin. Eine kostenlose Speisung der Gläubigen gab es auch. Dazu gaben je zwei Männer in zwei kleinen runden Häuschen allen Anstehenden einen walnußgroßen Klecks süßen Brei in die wie zur Kommunion übereinander gelegten Handflächen.

Wir gingen dann über die Kali Bari Road weiter zum „Laxmi Narayan“. Den Hindutempel aus rotem und weißem Sandstein ließ 1938 ein Industrieller im Zuckerbäckerstil errichten. In der einsetzenden Dämmerung fuhren wir zum Abschluss mit einem Tuk Tuk durch den dichten Feierabendverkehr zum Roten Fort. Die Festung wurde von 1639 bis 1648 für den Mogulherrscher Shah Jahan errichtet und zählt seit 2007 zum UNESCO-Weltkulturerbe. Sie liegt am Rand von Old Dehli am Ufer des Yamuna, einem Nebenfluss des Ganges.

Auf der ziemlich verstopften Hauptstraße, der „Chandni Chowk“, schlenderten wir dann durch das bunte Marktviertel. In den engen Gassen verkehrten Lastenfahrräder, Mofas und Tuk Tuks in beiden Richtungen. Es gab allein mehrere Straßenzüge mit Schneidern für Saris, eine Gasse nur für Lampen, eine für Juweliere und viele andere mehr. Nachdem wir in einem Imbiss zu Abend gegessen hatten, mit dem Fladenbrot „Paratha“, Reis und herzhaften dicken Saucen, fuhren wir zurück zum Hotel.

Das Rote Fort in Dehli wurde zwischen 1639 und 1648 für den Mogulkaiser Shah Jahan gebaut, der auch das Taj Mahal errichten ließ.

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