3. Tag

Auf dem Weg zur Nilfähre hatten wir gerade die halbe Strecke zurückgelegt, als uns Jamal ansprach, ein kräftiger Mitfünfziger, der seinen Minibus in der Westbank stehen hatte, und uns seine Dienste anbot. Für die Fahrt zum Tal der Könige handelten wir 40 statt 60 LE aus, und einen Stop am Howard Carter Museum. Dieses befindet sich im Original-Haus, in dem der Entdecker des Tutanchamun-Grabes früher lebte. Es zeigt die historisch eingerichteten Räume, wie Arbeitszimmer und Dunkelkammer, sowie eine Fotoausstellung über die Arbeiten im Tal der Könige. Alles begann damit, dass der britische Finanzier Lord Carnavon den arbeitslosen Howard Carter 1908/1909 kennenlernte, als dieser 34 Jahre alt und bereits seit 17 Jahren in Ägypten tätig war. Zuerst als Zeichner für den Ägyptologen Flinders Petrie und dann als Inspektor der Altertümerverwaltung in Luxor. Im Januar 1909 bot ihm Carnavon einen Job an und baute 1910 die Villa für Carter, der dort auch zur Zeit seiner großen Entdeckung von 1922-1925 wohnte. Die Arbeiten der letzten Grabungssaison begannen am 1. November 1922. Schon am 4. November 1922 stießen die Arbeiter im Grabungsareal am Grab Ramses VI. auf eine mit Schutt verfüllte Treppe und eine zugemauerte Türöffnung mit unbeschädigten Siegeln der Nekropole. Howard Carter telegrafierte an Lord Carnarvon: „Habe endlich wunderbare Entdeckung im Tal gemacht. Prächtiges Grab mit intakten Siegeln. Bis zu Ihrer Ankunft wieder zugeschüttet. Gratulation.“ Die Arbeiten am 62. im Tal der Könige entdeckten Grab (KV 62) sollten insgesamt 10 Jahre dauern und waren erst 1932 abgeschlossen. In vier kleinen Räumen hatten 5.398 Gegenstände, teilweise die einzigen Stücke ihrer Art, die je gefunden wurden, fast 3.000 Jahre unbeschadet überstanden. Das bekannteste Fundstück ist die goldene Totenmaske des Tutanchamun, die sich wie der Großteil der Funde heute im Ägyptischen Museum befindet. Nur der Sarkophag, der äußere der drei Särge und die Mumie verblieben im Tal der Könige. Howard Carter selbst schrieb am Ende desillusioniert, dass er nach der jahrelangen Katalogisierung der Funde genauso wenig über Tutanchamum wisse, wie zu Beginn der Grabung. Heute weiß man, dass der Pharao im Januar oder Februar starb und die Vorbereitungen für die Beerdigung etwa 70 Tage dauerten. Schon bald darauf drangen Räuber in die Grabkammer ein, aber die Wächter der Nekropole verhinderten, dass etwas gestohlen wurde und versiegelten den Eingang neu. Tutanchamuns kurze Regierungszeit, das Entfernen seines Namens aus den offiziellen Aufzeichnungen aufgrund seiner Verbindung zum Revolutionär Echnaton und die Inbesitznahme seiner Monumente durch seine Nachfolger trugen dann dazu bei, dass er schnell in Vergessenheit geriet.

Die Entdeckung des nahezu unberaubten Grabes hatte Howard Carter schnell berühmt gemacht und löste weltweit eine regelrechte „Ägyptomanie“ aus. Die nachfolgende Berichterstattung über die Bergungsarbeiten war der erste Medienhype ihrer Zeit.

Die offizielle Öffnung des Grabes war am 29. November, und am 16. Februar 1923 folgte die offizielle Öffnung der Grabkammer. Als Lord Carnavon am 8. März 1923 aus dem Grab kam, stach ihn ein Moskito in die Wange. Als er sich später mit dem Messer rasierte, entzündete sich der Stich und es kam zu einer Blutvergiftung. Auf Anraten des Arztes reiste der geschwächte Lord Carnarvon daraufhin nach Kairo, wo sich sein Zustand aufgrund einer Lungenentzündung schnell dramatisch verschlechterte. Als er am 5. April 1923 um 2 Uhr morgens starb, sei genau zu diesem Zeitpunkt in ganz Kairo der Strom ausgefallen und im fernen England habe der Lieblingshund des Lords aufgeheult und sei tot umgefallen. Die mysteriösen Umstände des Ablebens von Lord Carnarvon und weitere plötzliche Todesfälle heizten den Presserummel um das Grab noch weiter an, nun war vom „Fluch des Pharao“ die Rede, gestützt auf Aussagen von Sir Arthur Conan Doyle und der Okkultistin Marie Corelli. Die Suche nach rationalen Erklärungen begann erst Jahrzehnte später, dabei stellte sich heraus, dass die meisten Personen, die Tutanchamuns Grab kurz nach der Öffnung besucht hatten, durch ihr hohes Alter oder Krankheiten bereits geschwächt waren. Ursache für die Todesfälle war nicht etwa der Fluch des Pharao, sondern ein kleiner Schimmelpilz, Aspergillus Flavus, der die Jahrtausende fast ohne Sauerstoff in der Grabkammer überdauert und sich dabei von den organischen Überresten des Pharaos und den Grabbeigaben ernährt hatte. Bei der Graböffnung aufgewirbelt, gelangte der Pilz dann in die Lungen und löste teilweise heftige allergische Reaktionen aus. Während geschwächte oder ältere Menschen daran sterben konnten, merkten gesunde Grabbesucher nicht einmal etwas davon. Später stellten sich zudem viele der unerklärlichen Ereignisse als unbewiesene Zeitungsenten oder maßlose Übertreibungen heraus. Beispielsweise fiel zum Todeszeitpunkt von Lord Carnarvon nicht in ganz Kairo, sondern nur in der Klinik der Strom aus.

Um Howard Carter selbst wurde es schnell still, er dokumentierte unter Ausschluss der Öffentlichkeit alle Funde, bis er mit 58 Jahren seine Lebensaufgabe als erfüllt ansah. Er starb am 2. März 1939 einsam in London, wo er auf dem Friedhof Putney Vale begraben liegt.

Auf der Weiterfahrt zum Tal der Könige erzählte uns Jamal, dass er zwei Frauen und neun Kinder habe, und drei Jahre in Deutschland ein Mitarbeiter des Archäologen Dr. Detlef Hopp gewesen sei, den er in Ägypten kennengelernt hatte. Schließlich überzeugte er uns sein Angebot von 120 LE für den ganzen Tag anzunehmen, wir fuhren dann zuerst zum Grab (WV23) des Eje (1323-1319 v. Chr.). Der Erzieher von Tutanchamun besetzte nach dessen frühem Tod den Pharaonen-Thron, die Dekoration seines Grabes ähnelt der im Grab des jungen Königs. Der Eingang liegt abseits am Ende des ca. 2 km langen Tals der Affen. Der kurze Gang, der in die Grabkammer führte, war wohl temperiert und die Luft sehr trocken. Der Wächter, den wir zusammen mit dem Schlüssel unterwegs eingesammelt hatten, berichtete, dass oft eine ganze Woche lang kein einziger Besucher komme und erklärte, der Name des Tals gehe auf die Malereien in der Grabkammer zurück, die 12 Paviane als Tiere der Nacht und 12 Enten als Tiere des Tages zeigten.

Im Tal der Könige besuchten wir zuerst das Grab (KV 8) des Merenptah (1213-1204 v.Chr.), eines Sohnes von Ramses II.. Einen Großteil der prächtigen Malereien haben Sturzfluten und eindringendes Geröll zerstört, in der Grabkammer mit acht Säulen steht aber noch der Granitsarkophag, auf dem der verstorbene König in Osirishaltung mit gekreuzten Armen dargestellt ist. Einer der Wächter animierte ein älteres amerikanisches Ehepaar dazu, über das Geländer hinab zum Sarkophag zu klettern, um darunter zu kriechen und von innen hineinzusehen. Die Frau traute sich zwar nicht, war aber ganz ergriffen, als ihr beleibter Gatte wieder hervorkam und sich dann mit beiden Händen auf den Sarkophag abstützte, um sein ganzes Gewicht zurück auf den umlaufenden Holzsteg für die Besucher zu stemmen. Als der Wächter mit 10 LE Bakschisch nicht zufrieden war, erhielt er kurzerhand noch drei Dollar dazu. Die ganze Aktion war natürlich ein Geheimnis, wie der Wächter den beiden verschwörerisch mit an die Lippen gelegtem Zeigefinger signalisierte. Da gerade keine anderen Touristen anwesend waren, gab es auch nur mich als „Zeugen“.

Danach besichtigten wir das Grab (KV 34) von Thutmosis III. (1479-1425 v.Chr.), der als erster im Tal bestattet worden war. Der Eingang liegt am Ende eines kleinen Wadis und ist über eine 30 m hohe Treppe erreichbar. Die mit Plexiglas verkleideten Wände des Vorraums schmücken Listen mit insgesamt 741 Gottheiten und Dämonen, die stark an einfarbige Strichzeichnungen erinnern. In der Grabkammer wird in Schwarz und Rot auf grauem Grund die 12-stündige Fahrt des Sonnengottes Re durch die Unterwelt erzählt. In den Räumen war es sehr warm und ein leichter Schweißgeruch lag in der Luft, einzige Gegenmaßnahme waren zwei kleine Ventilatoren auf dem Boden. Der noch jugendliche Wächter beklagte sich über das Desinteresse einer lärmenden Schulklasse, die gerade durch das Grab tobte.

Als wir wieder am Fuß der Treppe ankamen, stand dort eine ältere Archäologin aus der Schweiz mit zwei Begleitern vor einem Grab, das demnächst zugänglich gemacht werden sollte. In der dem mit Geröll verschütteten Eingang gegenüberliegenden Felswand befand sich eine Nische, die nach ihrer Schilderung mit Malereien ausgeschmückt gewesen war. Die Besucher hätten aber so viele Steine hineingeworfen, dass sie die Nische im vergangenen Jahr komplett wieder freiräumen musste und das Dekor nun fast vollständig zerstört sei. Inzwischen lagen zudem schon wieder neue Steine dort.

Als drittes Grab (KV 47) wählten wir das des Siptah (1198-1193 v.Chr.), der als jüngster Sohn von Sethos II. ursprünglich Ramses hieß und später den Namen wechselte. Die Decke der Rampe ist u.a. mit mehreren fliegenden Geiern verziert und in den Seitenwänden sind noch die achteckigen Aussparungen erhalten, in denen einst Balken verankert waren, an denen der tonnenschwere Sarkophag abgeseilt wurde. Wir waren die einzigen Besucher und als wir das Grab verließen, ging der Wächter zu seinem Kollegen am Nachbargrab und ließ den Eingang so unbeaufsichtigt, wie wir ihn vorgefunden hatten.

Obwohl für 100 LE das berühmte Grab (KV 62) des Tutanchamun wieder zugänglich war, kaufte ich lieber ein Zusatzticket für 50 LE, um zum Abschluss das Grab von Ramses V. (1150-1145 v.Chr.) und Ramses VI. (1145-1137 v.Chr.) zu besuchen. Die Doppelbelegung könnte wirtschaftliche Gründe gehabt haben, denn das Pharaonenreich war in den Jahren 1147-1136 v.Chr. stark geschwächt und fast pleite. Obwohl es bereits seit der Antike offen ist, haben sich die zahlreichen aufwendigen Wandmalereien bis heute sehr gut erhalten. Ein Motiv ist auch hier die nächtliche Reise des Sonnengottes und sein siegreiches Auftauchen am nächsten Morgen. Seine Wiedergeburt findet dann in der Grabkammer selbst statt, wo sich in der Mitte der Ostwand Nut, „die Herrin des Firmaments und der Sterne, Mutter der Sonne“ mit überlangem Arm der Sonnenscheibe entgegenreckt. Diese Göttin streckt sich auch über die gesamte Decke, um die Sonne zu verschlingen, die dann durch ihren überlangen Körper reist, der Wiedergeburt entgegen. Nut ist in doppelter Ausführung zu sehen und trennt so in der Deckenmitte die Szenen aus den heiligen Texten. Nach kurzer Zeit war ich auch dort ganz allein in der Grabkammer, selbst die Wächter waren gegangen und hatten es sich am Eingang auf dem Boden gemütlich gemacht, um sich zu unterhalten. Als ich nach einer guten halben Stunde, in der ich in völliger Ruhe ganz andächtig die Malereien hatte bestaunen können, das Grab nach insgesamt über einer Stunde wieder verließ, rüffelten mich die Wächter, die mich augenscheinlich einfach vergessen hatten. Die Besuchszeit dürfe maximal 20 Min. betragen, aber gleich darauf meinten sie, es sei auch nicht weiter schlimm, dass ich länger geblieben sei.

Als wir uns auf die Suche nach dem Weg über die 300 m hohe Hügelkette zum genau gegenüber liegenden Tempel der Hatschepsut machten, winkte uns sofort ein junger Mann zu, der auf dem Hang stand. Unaufgefordert stieg er mit uns in etwa 15 Min. über das von zahllosen Trampelpfaden durchzogene Geröll bis zur Kuppe hinauf und verlangte dann 100 Euro pro Person für seine Dienste. Wir ignorierten ihn komplett und bald war der Preis auf insgesamt 30 Euro gefallen. Kurze Zeit später bot er großzügig an, dass wir auch in LE zahlen könnten, zückte sein Handy mit Taschenrechnerfunktion und wollten von uns wissen, wieviel LE denn eigentlich 30 Euro seien. Wir zuckten die Schultern. Als ich dann den Blick über Theben-West mit dem Nil und Luxor im Hintergrund fotografieren wollte, beharrte er darauf, dass das verboten sei. Er wurde fast handgreiflich, hielt das Objektiv zu und hob sogar einen faustgroßen Stein auf. Dann griff er erneut nach seinem Handy und gab vor die Polizei anzurufen, tippte aber nur ein paar Ziffern und steckte es wieder weg. Nachdem wir ihm trotz allem noch ein fürstliches Bakschisch gegeben hatten, kletterte er schimpfend über die Felsen direkt nach unten und verschwand. Da wir unter uns schon den Tempel sahen, war es kein Problem allein den Weg zu finden. Kurz bevor der Abstieg begann passierten wir eine Polizeistation, wo man uns sagte, dass wir selbstverständlich Fotos machen dürften.

Wir hatten uns für 15.30 Uhr mit Jamal am Parkplatz verabredet und trafen dort um 15.33 Uhr ein. Da der Tempel im direkten Gegenlicht lag, verschoben wir die Besichtigung und machten lieber eine „Stadtrundfahrt“ durch Neu-Qurna. Unser Fahrer zeigte uns die neuen, billig errichteten Häuser für die zwangsumgesiedelten Bewohner des Dorfes Qurna, das über den Gräbern der Noblen lag und von der Regierung abgerissen wurde. Die alten, aus Lehm-Stroh-Ziegeln gebauten Häuser seien in der Sommerhitze schön kühl geblieben, die neuen Häuser würden sich dagegen schnell aufheizen, obwohl die Bewohner davor schon schattenspendende Hecken gepflanzt hätten. Außerdem sei der Großteil der 45.000 Euro, die die Unesco für jedes neue Haus gezahlt hätte, in den Taschen der Regierung verschwunden.

Anschließend fuhren wir zu Jamals Bruder Mohammed, dem eine Alabaster-Manufaktur gehörte. Er führte uns durch seinen großen Verkaufsraum mit handgefertigten Vasen, Kerzenleuchtern und anderem aus weißem, gemasertem und grünem Alabaster. Dieser weiche Kristall sieht aus wie Stein, lässt sich aber wie Holz schnitzen, erinnert optisch an Marmor und ist in den Hügeln der Westbank zu finden. Für eine Vase wird der Alabaster erst grob behauen und dann mit einem Handbohrer von innen ausgehölt, bis die Wände ganz dünn sind und durchschimmern, wenn man eine Lampe hineinhält. Von außen glattgeschmirgelt, bekommt die Vase dann eine matte Oberfläche. Mohammed zeigte uns eine gut einen halben Meter hohe Katze aus Alabaster, die in 25 Tagen gefertigt worden sei.

Er hatte aber auch ein Regal mit maschinell hergestellten Stücken, die deutlich dickere Wände hatten und auf Hochglanz poliert waren. Besuchern aus den Emiraten gefalle diese Ware viel besser als die handgefertigte, darum kaufe er sie in Kairo zu. Für russische Touristen gab es ein weiteres Regal mit kitschig wirkenden Statuen, Büsten und anderem, das in China billig aus schwarzem Kunststoff gefertigt und mit Goldfarbe verziert worden sei.

Jamal, der eine deutsche Frau und sieben Kinder hat, klagte über die Inflation und die hohe Doppelbesteuerung, die er einmal monatlich und einmal jährlich zahlen müsse. Vor der Weiterfahrt kaufte ich zwei kleine Kerzenleuchter für zusammen 30 Euro und bekam noch einen Skarabäus dazu. Auf dem Weg zur Fähre hielten wir kurz an den Memnon-Kolossen und vor einer Papyrus-Werkstatt. Der Besitzer zeigte uns stolz ein Foto vom Besuch des Ex-US-Präsidenten Jimmy Carter in seinem Geschäft und führte uns vor, wie man Papyrus herstellt. Dazu schnitt er das Mark der Papyrushalme, die einen dreieckigen, pyramidenähnlichen Querschnitt haben, zuerst in schmale Streifen. Diese ließen sich noch leicht zerreißen, deshalb drückte er mit einem Rollholz das Wasser heraus, was die Stabilität deutlich erhöhte. Um einen Bogen Papyrus herzustellen, legte er nun zwei Lagen Streifen kreuzweise aufeinander und drückte beide fest zusammen, damit der austretende Klebsaft beide Lagen verbindet. Heute kommt dazu eine mechanische Presse zum Einsatz, die alten Ägypter verwendeten schwere Steinblöcke. Nach vier Tagen ist ein heller Bogen fertig, wird er dagegen 14 Tage lang gepresst verfärbt er sich dunkel. Bögen aus echtem Papyrus lassen sich rollen und knicken ohne zu reißen, billige Varianten aus Bananenfasern sind deutlich weniger robust.

Zurück in Luxor probierten wir zum Abendessen Kamelfleisch aus dem Tontopf, das sehr zart war und nur einen ganz milden Eigengeschmack hatte.

Das Howard Carter Museum in Theben-West.
Das Howard Carter Museum in Theben-West.

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