6. Tag

In der Nähe des Swan Lake stand wieder eine Besuchergruppe mit Spektiven und beobachtete eine Grizzlybärin mit vier kleinen Jungen. Die Tiere waren aber so weit entfernt, dass man sie mit bloßem Auge kaum erkennen konnte. Unser nächster Haltepunkt war der Roaring Mountain. Der Berg, aus dem heiße Dämpfe und schwefelhaltige Gase entweichen, ist die Heimat von Sulfolobus acidocaldarius, einem thermophilen Mikroorganismus, der das Gestein langsam zersetzt. Das umliegende Gebiet zeigt aber die Regenerationsfähigkeit der Natur besonders gut. Nach den großen Bränden von 1988, bei denen 36% bzw. 3.200 km2 der Parkfläche in Flammen aufgingen, haben die durch die Hitze geöffneten Zapfen der Drehkiefer nicht nur dort ihre Samen ausgebracht, aus denen inzwischen zehntausende Bäume bis zu 5 m hoch gewachsen sind. Die Kiefern bilden oft die Vorstufe für Wälder von Engelmannsfichten und Felsengebirgstannen.

Am Twin Lake gab es einen weiteren Massenauflauf. Eine Rangerin versuchte das Park-Chaos an der Straße zu ordnen, und im Morast am See standen viele Fotografen. Auf einer Landzunge sahen wir gerade noch einen Wolf im Gebüsch verschwinden. Ein Fotograf erzählte, die Wölfe hätten vor einigen Stunden einen Elch gerissen und das Weibchen habe eben noch etwas gefressen und sich nun für einen Verdauungsschlaf hingelegt. Sie werde sicher wieder auftauchen, aber das könne Stunden dauern. Wir beschlossen daher unsere Fahrt zum Norris Geyser Basin fortzusetzen. Dort führen zwei Rundwege durch eine Urzeitlandschaft mit heißen Quellen, Fumarolen und Geysiren. Wie bei den Hot Springs ändern sich auch in diesem Gebiet ständig die Bedingungen. Charakteristisch für diesen Wandel ist z.B. der Porkchop Geysir. 1961 war er noch eine stille, heiße Quelle, die aufgrund ihrer Beckenform „Dr. Morey’s Porkchop“ genannt wurde. 1971 gab es dann eine überraschende Eruption und während der folgenden 14 Jahre schoß gelegentlich immer wieder eine Wasserfontäne aus der winzigen Öffnung im Gestein. 1985 gab es eine weitere Eruption, die nicht mehr aufhörte, bis der Geysir 4 Jahre später am 5. September 1989 explodierte und Felsstücke mehr als 60 m weit in die Umgebung schleuderte. Acht Parkbesucher wurden Zeugen des Ereignisses, blieben aber unverletzt. Seitdem gibt es manchmal jahrelang keine Ausbrüche des Geysirs, von dem niemand weiß, ob er noch weitere Überraschungen bereithält.

Sehr zuverlässig ist dagegen der Steamboat Geysir, der permanent Dampfwolken und in Abständen von nur wenigen Minuten auch 3-4 m hohe Wasserfontänen ausstößt. Nachdem wir eine Weile zugesehen hatten, fuhren wir weiter in das Hayden Valley. Am Alum Creek machte sich gerade ein Grizzly über die Reste eines Elchkadavers her, den Wölfe am Vortag gerissen hatten. Von einer ganzen Schar Raben bedrängt, trollte sich der Bär aber nach einer Weile und verschwand gemächlich in den Büschen am Ufer.

Vom Yellowstone Village machten wir uns schließlich, nach einem kurzen Blick auf den noch zugefrorenen Yellowstone Lake, auf den Weg zurück durch das Hayden Valley zum Grand Canyon des Yellowstone Rivers. Neben mehreren Lookouts besuchte ich dort auch Uncle Tom’s Trail, der steil in den Canyon hinabführt und nach 328 eisernen Stufen auf einer kleinen Plattform mit einem tollen Blick auf die Lower Falls endet. Bereits kurz nach 1900 hatte „Uncle“ Tom Richardson über 528 Stufen und Strickleitern Besucher an diese Stelle geführt. Eigentlich war der Weg noch gesperrt gewesen, erwies sich jedoch als begehbar, obwohl er etwa zur Hälfte mit 30 cm hohem Schnee bedeckt war und von einigen umgestürzten Bäumen blockiert wurde. Der Ausblick lohnte aber die Mühe.

Um kurz nach 19 Uhr waren wir dann auf dem Rückweg nach Gardiner, als auf der Straße nach Norris nur wenige Meter vor uns ein schwarzer Wolf die Fahrbahn überquerte. Eines von ca. 150 Tieren, die in zehn Rudeln den Park durchstreifen. Auf der Wiese kurz vor dem Waldrand blickte er sich noch einmal um, bevor er in den Bäumen verschwand. Einige Kilometer weiter beobachteten einige Besucher einen Schwarzbären auf einem mit lichtem Kiefernwald bewachsenen Hang.

Norris Geyser Basin im Yellowstone-Nationalpark.

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