1. Tag

Um 7.45 Uhr klingelte der Wecker. Die Rezeption bestellte dann telefonisch unser Frühstück, welches eine Viertelstunde später im Zimmer serviert wurde. Es gab zwei Scheiben Toast, hauchdünn eingeschlagen in ein pikantes Omelett, und eine kleine Tasse Masala Chai, den typisch indischen Schwarztee mit Milch und Gewürzen. Wir fuhren dann mit der modernen Metro zur New Dehli Railway Station. Am Ticketschalter sprach uns dort ein Mann an und erklärte, dass Touristen nur Tickets an einem speziellen Schalter bekommen würden, der aber gerade geschlossen sei, daher müssten wir zum Indian Tourist Office ganz in der Nähe. Es könne auch nicht einer von uns mit dem Gepäck am Bahnhof bleiben, weil alle ihr Ticket unterschreiben müssten. Da hätten bei uns eigentlich schon die Alarmglocken läuten müssen, aber er hatte Glück, dass wir noch nicht richtig wach waren. Auf meinen Einwand, dass man Tickets für die Holzklasse immer an normalen Schalter bekommen könnte, meinte er, dass die Wagen mit 400-500 Leuten aber völlig überfüllt wären, womit er nicht zwingend unrecht haben musste. Er zeigte uns dann auf Google Maps das offizielle Touristenbüro, zu dem uns ein Tuk Tuk für 50 INR in fünf Minuten bringen sollte. Nach fünf Minuten kamen wir tatsächlich in einem Büro an und im Fenster stand tatsächlich etwas von „Offical Tourist Office“. Der große Raum war auch angenehm klimatisiert und hinter den großen Schreibtischen saßen seriös aussehende Herren mit Hemd und Krawatte.

Ein Herr meinte dann zu uns, dass der Zug nach Agra in den höheren Klassen ausgebucht sei. Das stimmte, aber das hatten wir schon Wochen vorher zu Hause selbst im Internet auf www.trainenquiry.com gesehen. Er bot uns dann einen Zug am späten Nachmittag an und begann uns über unsere Reisepläne auszufragen. Als wir uns nach einem Taxi nach Agra erkundigten, fing er an zu rechnen: Entfernung, Maut, Steuern, Personen und Gepäck, das ergab angeblich nach dem „offiziellen Tarif“ einen Preis von 4.100 INR pro Person. Als Gesamtpreis für uns drei hätten wir das sofort akzeptiert, aber die 12.300 INR, die der Mann stattdessen verlangte, waren einfach so unverschämt überzogen, dass wir das Gespräch sofort abbrachen und gingen. Vor den anderen Schreibtischen saßen aber noch drei Touristen und lauschten weiter den anderen Herren. Wir konnten uns ungefähr vorstellen, was dort für günstige Angebote offeriert wurden. Plötzlich sollte unsere Fahrt dann nur noch 8.000 INR kosten. Und vor der Tür bot uns ein Fahrer, der im Büro mitgehört hatte, den Transfer für 7.000 INR an. Wir lehnten ebenfalls ab und wollten mit einem Tuk Tuk zurück zum Bahnhof. Wir hielten aber schon einen Block weiter vor einem Auto wieder an und willigten schließlich etwas vorschnell ein für die 235 km lange Fahrt bis Agra 6.000 INR zu bezahlen.

Im Internet findet man unter den Suchbegriffen „Official Tourist Office Scam in Dehli“ jede Menge Geschichten über Abzock-Maschen, wie wir sie jetzt in einer möglichen Variante erlebt hatten. Die Adresse des einzigen tatsächlich staatlichen Infobüros, des „The Government of India Tourist Office“ lautet übrigens 88 Janpath, Connaught Place, New Delhi 110 001. Sie ist tatsächlich auch auf Google Maps zu sehen und man hatte sie uns auch gezeigt, uns aber einfach woanders hingefahren.

Wir fuhren dann endlich mit unserem Taxi über den Greater Noida und Yamuna Expressway, die mit Retour 700 INR Maut kosteten. Am Straßenrand sahen wir plötzlich eine Reihe riesiger Werbetafeln mit der Aufschrift „Uber Intercity Dehli Agra from 2.499 INR“. Auf dem Expressway war nicht viel Verkehr. Unser Fahrer Niru erklärte die staatlichen Highways seien dagegen dauernd verstopft. Der Expressway zog sich zuerst schnurgerade durch eine Ebene mit vielen Feldern, hinter denen immer wieder etwa 10 m hohe Schornsteine in den Himmel ragten. Insgesamt sahen wir bestimmt 100 Stück davon, die zu rustikalen Brennöfen für Lehmziegel gehörten. Einige kleine Lehmgruben mit vorgeformten Ziegeln sahen wir auch und Schilder mit der Aufschrift „Nilgai Prone Area“, die vor Wildwechseln der Nilgauantilope warnten. Die auch „blue bulls“ genannten auf dem indischen Subkontinent endemischen Tiere sind die größten asiatischen Antilopen und können durchaus schwere Unfälle verursachen. Neben Ziegen und Kühen sahen wir tatsächlich auch einige der Antilopen in der Landschaft stehen.

Niru erzählte dann, er finde Agra nicht schön und ein Tag reiche dort vollkommen aus, denn nur das Taj Mahal lohne einen Besuch. Nach einem kurzen Stopp in einem Straßenrestaurant erreichten wir um 14.15 das noble Clarks Shiraz Hotel in Agra. Dort bekamen wir einen kleinen Welcome Drink, einen Gutschein für eine fünfminütige Schnuppermassage und ein kostenloses Zimmer-Upgrade. Der Herr im hauseigenen Booking Office, der uns für die Weiterreise Zugtickets buchen sollte, war aber gerade zum Lunch und auf die Frage nach unser Flugumbuchung bei IndiGo hieß es nur, sonntags sei dort bestimmt niemand zu erreichen, aber ich könne im Business Center gern einen Computer nutzen und es online versuchen. Der Link, den ich von der Billigfluggesellschaft für die Umbuchungsseite „Plan B“ bekommen hatte, funktionierte aber genauso wenig wie zuvor in Bochum.

Als ich anschließend noch mal ins Booking Office ging, erklärte mir der inzwischen gesättigte Mitarbeiter dort ganz unumwunden, dass er für jedes Ticket 250 INR Bearbeitungsgebühr berechnet und der von ihm beauftragte Agent weitere 250 INR. Daher riet er uns, es doch einfach morgen direkt am Bahnhof zu versuchen. Man könne manchmal Glück haben und 1-2 Stunden vor der Abfahrt noch Resttickets der höheren Klassen bekommen und das Schalter-Personal in Agra spreche auch ganz passabel englisch. Ein sinnvoller Tipp bei Tickets, die mit 450 INR weniger als die zusätzlichen Gebühren kosteten.

Wir gingen dann zum Pool im Garten, wo es zwar auch 42 °C warm war, man es auf den Liegen im Schatten aber ganz gut aushalten konnte. Abends zeigte sich später beim Blick von der Sunset Lounge in der obersten Etage des Hotels, dass von jedem möglichen Foto-Standpunkt aus ein großer Mast vor dem in der Ferne zu sehenden Taj Mahal in die Höhe ragt. Vom benachbarten Mughal Room-Restaurant hatte man zwar freie Sicht, aber nur durch die Scheibe. Als wir um 20.30 Uhr noch einmal schauten, weil am Vortag Vollmond gewesen war, sahen wir zwar den runden Mond, aber vom unbeleuchteten Taj Mahal war absolut nichts zu erkennen. Dabei wurden bei Vollmond und an den beiden Abenden davor und danach extra 30-minütige Full Moon-Touren für 750 INR p.P zum Taj Mahal als ganz besonderes Erlebnis angepriesen. Dieses ist aber vermutlich eher enttäuschend, was auch erklären würde, dass die Google-Bildersuche bei „Taj Mahal + Full moon“ nur ein paar Treffer liefert und diese obendrein eher nach Composings als nach Nachtaufnahmen aussehen.

Vom Flughafen gelangt man mit der modernen Metro für 60 INR in 24 Minuten in die Innenstadt von Dehli.

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