33. Tag

Am Morgen fuhren Stefan und ich mit der Fähre nach Manly. Kurz vor dem Anlegen fing es an zu regnen und so warteten wir erst mal am Anleger den Schauer ab. Stefan fuhr dann mit der nächsten Fähre zurück und ich machte mich auf den Weg zum North Head, einer der Landspitzen des Sydney Harbour Nationalparks. Von den Klippen dort hatte man einen schönen Blick auf die Jackson Bay mit ihren vielen Buchten und sah in der Ferne auch die Hochhäuser der Innenstadt. An Sydneys Pazifikküste sah man den Stadtteil Bondi, als am Horizont die ‚Spirit of Tasmania’, eine große Autofähre, auftauchte.

Später gesellten sich Gerald, ein älterer Herr, und Kayoko Tozawa, eine jüngere Asiatin, zu mir und baten mich mit ihrer Kamera ein Bild von ihnen zu machen. So kamen wir ins Gespräch und Gerald berichtete, dass im Krieg die Bucht durch ein großes Netz vor U-Booten geschützt war und auch wochenlang ein großes japanisches Boot davor auf der Lauer lag. Da der Fährverkehr aber weiter aufrecht erhalten wurde, musste das Netz zum Passieren der Schiffe immer wieder kurz geöffnet werden. Dabei setzte das U-Boot einmal drei kleine 2-Mann-Boote aus, die sich, unter einen einfahrenden Boot versteckt, in die Bucht schmuggelten und dort mit Torpedos das Feuer eröffneten. Ein angepeiltes amerikanisches Kriegsschiff wurde zwar verfehlt, aber dafür ein als Wohnboot umgebautes australisches Schiff versenkt. Der Angriff forderte 90 Menschenleben. Die Bordkanone des großen U-Bootes richtete dagegen kaum Schaden an.

Die beiden erzählten mir, dass Kayoko eine Künstlerin aus Melbourne war, die in der FirstDraft Gallery in Surry Hills, einem Stadtteil im Zentrum von Sydney, mit zwei anderen Künstlern eine 2-wöchige Ausstellung machte, die aber heute zu Ende ging. Sie hatte ihre Gemälde unter den Titel Record & Remembrance gestellt und wohnte bei Gerald, einem alten Freund ihrer Familie. Die beiden nahmen mich dann in Geralds altem Mercedes mit zum Fähranleger zurück.

Wieder in der City angekommen spazierte ich durch das angrenzende Viertel ‚The Rocks’. Neben Geschäften und Restaurants in den renovierten Lagerhäusern gab es auch eine Art täglichen Flohmarkt. Über eine Treppe gelangte ich hinauf zur Harbour Bridge. Nachdem ich sie einmal überquert hatte, folgte ich der Straße zum Hafenkomplex Darling Harbour. In der Marina lagen Sportboote und Ausflugsschiffe, es gab edle Restaurants und Hotels, ein IMAX-Kino, das National Maritime Museum, wo man auch ein U-Boot besichtigen konnte, und das weltbekannte Sydney Aquarium, dem ich einen abendlichen Besuch abstattete. Direkt hinter dem Eingang befand sich ein großes Becken, in dem gleich vier Schnabeltiere quirlig und ziemlich ruhelos herum paddelten. Auch ein riesiges, bunt bevölkertes Becken mit Pflanzen und Tieren des Great Barrier Reefs gab es natürlich. Neben vielen anderen Arten fand man dort auch die, Disney sei Dank, berühmten, symbiotischen Clownfische und ihre Wirtsanemonen.

Und dann kam die Attraktion, das Ozeanium. Das Treiben im großen Becken konnte durch zwei Tunnel von unten betrachtet werden. Als ich den ersten betrat und nach oben blickte, sah ich im bläulichen Licht gleich neun Haie, die sich auf dem Tunneldach zum Schlafen niedergelassen hatten und zum Teil übereinander liegend direkt über meinem Kopf friedlich schlummerten. Die leise erklingende, sphärische Musik, die mit ein wenig Phantasie wie ein Chor von Meerjungfrauen klang, machte die Situation noch ein wenig unwirklicher. Neben je zwei riesigen Ammenhaien, Mantarochen und Meeresschildkröten bewohnten auch mehrere Dutzend verschiedene, kleinere Haie und Rochen das Wasser.

Der anschließende Versuch gegen 21 Uhr am Sonntagabend in der Innenstadt noch etwas zu essen zu bekommen, endete bei McDonalds. Denn alles andere hatte geschlossen und als ich in einem Pub nachfragte, erfuhr ich, dass dort die Küche sonntags gar nicht erst öffnete. Als ich mich beim Verzehr meines McValue Meals so umschaute, hatte ich den Eindruck als hätten viele der anderen Gäste im FastFood Lokal so eine Art Zuflucht gefunden. Draussen regnete es, es war dunkel und auch nicht mehr gerade warm. An einem Tisch saßen zwei junge gepiercte und tätowierte Pärchen, die sich begeistert mit den Plastikspielzeugen aus der Junior Tüte vergnügten. Daneben hielt ein Pärchen Händchen und warf sich über die Kaffeebecher verliebte Blicke zu und an meinem Nebentisch saß ein einsamer, etwas abgerissen aussehender Mann, der mit regelrechter Hingabe in seinem BigMäc biss, an dem er sich mit beiden Händen fast festzuhalten schien. Während er kaute, ließ er seinen etwas weltentrückt wirkenden Blick durch den Raum schweifen, wobei er es aber strikt vermied die anderen Leute anzusehen.

Auf der Fährfahrt nach Manly hat man einen schönen Blick auf die Jackson Bay und die Hochhäuser der Innenstadt von Sydney.

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