15. Tag

Vor dem Hotel wartete nicht, wie verabredet, Babu mit seinem Tuk Tuk auf uns, sondern ein etwa 18-jähriger Junge, der uns im Laufe des Tages viele Geschichten erzählen sollte, die alle irgendwie nicht wirklich zueinander passten. Beispielsweise, dass Babu sein Cousin sei, aber dann kurz darauf, dass seine Schwester Babu vor zwei Monaten geheiratet hätte.

Zuerst fuhr er uns zum 11 km vor der Stadt liegenden Palast von Amber, einer imposanten Festung auf den Hängen der Aravalli-Berge. Vom Parkplatz ziehen vormittags fast im Minutentakt bunt bemalte Elefanten mit einem Korb auf dem Rücken und zwei Touristen darin hinauf zum Suraj Pol, dem Tor zum ersten der vier treppenförmig ansteigenden Höfe.

Dort sprach uns Manish an, der seit 20 Jahren als Guide arbeitete, uns seinen offiziellen Ausweis zeigte und uns durch umfangreiches Wissen und sehr gutes Englisch voll und ganz überzeugte. Er führte uns durch das Gebäude-Ensemble, das islamische Architektur mit ihren typischen Gewölben und hinduistische Architektur mit ihren waagerechten Türstürzen harmonisch vereinte. Manish erzählte von den natürlichen Mineralfarben, mit denen die Ornamente bemalt waren. Für das Blau sei früher Lapislazuli aus Afghanistan verwendet worden, aufgrund der instabilen Lage dort komme der Stein für heutige Restaurierungen aber aus Chile.

Im Hof des privaten Bereichs stand eine kleine Audienzhalle mit prachtvoll dekorierten Wänden mit vielen kleinen Spiegeln. Die Räume darüber sind inzwischen für Besucher gesperrt, weil die vielen tausend Füße jeden Tag solche Erschütterungen verursacht haben, dass die Spiegel und andere Elemente der Einlegearbeiten immer wieder herausgefallen sind. Unser Führer erklärte uns auch, dass früher luftige Vorhänge vor den Fenstern im Sommer permanent von oben mit Wasser aus einer Leitung benetzt wurden, um so per adiabatischer Kühlung durch die Verdunstungskälte für angenehme Raumtemperaturen zu sorgen. Zudem zeigte er uns eine der Zisternen, die sich bei den seltenen Regenfällen durch ein ausgeklügeltes Drainagesystem auf den Dächern und den Höfen mit Trinkwasser füllten.

Zum Abschluss nahm uns Manish noch auf seinem Motorrad mit ins historische Örtchen Amber, gleich unterhalb der Festung. Dort zeigte er uns den wenig besuchten Jagat Shiromani Tempel und den Panna Meena Ka Kund, einen für Rajasthan typischen Stufenbrunnen.

Auf der Rückfahrt mit dem Tuk Tuk, das auf uns gewartet hatte, stoppten wir kurz am Lustschloss Jal Mahal im Ma Sagar-See, der ausnahmsweise sogar mit Wasser gefüllt war, und fuhren dann weiter nach Gaitor. In dieser Begräbnisstätte ruhen Generationen der Maharadjas von Jaipur in prunkvollen Kenotaphen. Dort erzählte uns ein Führer, dass einer der Herrscher 250 kg gewogen hätte und trotz neun Frauen und 900 Gespielinnen keine Nachkommen gehabt habe, weil keine der Damen aufgrund der „erdrückenden“ Liebe ihres Verehrers eine Nacht mit ihm überlebt habe.

Zurück in Jaipur stiegen wir noch eine 2 km lange Straße zur Festung Nahargarh hinauf. Vom Tigerfort hatte man einen tollen Blick auf Jaipur und konnte auch ein Stück auf der gut erhaltenen, viele Kilometer langen Stadtmauer entlang laufen. Auf die Besichtigung des Forts selbst verzichteten wir aufgrund der fortgeschrittenen Stunde jedoch. Wieder unten angekommen, steckten wir dann mit dem Tuk Tuk im dichten Verkehr fest und unser Fahrer bat uns zum Abschluss des Tages um den Gefallen das Textilgeschäft seines Onkels zu besuchen, denn dort bekomme er drei Prozent Provision. Wir willigten ein und erfuhren von einem Verkäufer, dass man uns auch in zwei Stunden ein maßgeschneidertes Hemd fertigen und kostenlos ins Hotel liefern könne, so dass wir nicht zu warten bräuchten. Dann zeigte er uns einige Patchwork-Decken, an denen eine Näherin sechs Monate arbeiten würde, die uns aber trotzdem nicht gefielen. Von Designerware für Kenzo und Co. war hier keine Rede, doch Manisch hatte uns für dieses Phänomen eine plausibel klingende Erklärung gegeben. Die anderen Geschäfte würden wohl wirklich an die Luxuslabels liefern, diese würden ihnen B-Ware mit kleinen Fehlern aber nicht abkaufen. Diese würde Touristen dann als vermeintliche Schnäppchen angeboten. Weil die Textilhändler die geschützten Designs der Luxuslabels natürlich nicht auf eigene Rechnung nutzen dürften, handele es sich in der Regel aber um Einzelstücke. Das erklärte auch, warum man uns immer gesagt hatte, man habe nur noch ein Exemplar auf Lager.

Hoch über Amber, der ehemaligen Hauptstadt der Kachchwaha-Dynastie, steht das gleichnamige Fort gut geschützt auf einem Kamm des Aravalli-Gebirges.

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