3. Tag

Wir fuhren zum kleinen Bahnhof „Dehli Sarai Rohilla“. Auf Nachfrage im Büro des Bahnhofsvorstehers erfuhren wir, dass unser Zug schon auf Gleis 3 bereitstand. Indische Züge sind bis zu 24 Wagons lang und so fanden wir unseren Wagen „B1“ ganz weit vorne. An der Tür hingen lange auf Endlospapier ausgedruckte Listen mit den Namen und Platznummern aller Reisenden. Wir standen mit den Plätzen 51 und 56 auch darauf. Im Internet hatten wir gelesen, dass es sinnvoll sei gleich im richtigen Wagen einzusteigen, denn die Zügen seien oft so voll, dass es kaum möglich ist durch die Wagen zum eigenen Platz zu gelangen. Am Ende der Reise sollten wir das auch noch selbst erleben, dieser Zug blieb jedoch ziemlich leer.

Wir hatten in einer besseren der insgesamt acht Wagenklassen, der „Three Tier Air Conditioned Class“, gebucht. Dort gab es 6-er Abteile mit zwei Bänken und je zwei Schlafliegen darüber sowie zwei weiteren Schlafliegen parallel zum Gang auf der anderen Wagenseite. Waren im Abteil die beiden mittleren Liegen hochgeklappt, so konnte man auf den unteren beiden bequem darunter sitzen. Die beiden fest installierten oberen Liegen auf Höhe der Gepäckablage in deutschen Zügen störten dabei nicht. In Papierbögen verpacktes Bettzeug lag auch für alle bereit.

Mit etwa 15 Minuten Verspätung startete der Zug dann um 8.55 Uhr zur fast achtstündigen Fahrt ins 475 km entfernte Bikaner. Die Stadt liegt am Rande der über 200.000 km² großen Wüste Thar. Mit 120 Einwohnern pro Quadratkilometer (das entspricht der Bevölkerungsdichte Portugals oder Sachsen-Anhalts) ist die Thar die am stärksten besiedelte Wüste der Welt, mit entsprechend ausgeprägter, menschengemachter Desertifikation.

Die Reisegeschwindigkeit betrug auf den ersten Kilometern bis zum Stadtrand von Dehli kaum mehr als Schritttempo und später maximal etwa 80 km/h. Der Bahndamm war dabei nicht nur der Untergrund für die Gleise, sondern auch Lebensraum für die Menschen. An vielen Stellen türmte sich der Müll, meist bevölkert von Schweinen und Kühen. Oft standen auch einfache zeltähnliche Behausungen dort. Dazwischen liefen die Leute völlig unbekümmert auf den Gleisen herum und benutzten diese auch als Toilette. Dazu hockten sie sich mit einer Flasche Wasser einfach auf eine der Schienen und schenkten dem in wenigen Metern Entfernung vorbei fahrenden Zug keinerlei Beachtung.

Auf der Fahrt lagen wir gemütlich auf unseren Pritschen, während der Zug leicht hin und her ruckelte. Draußen verschwand allmählich der Smog der Hauptstadt und der Himmel wurde blau. Vor den kleinen Fenstern zog die Landschaft mit endlosen sandig-braunen Feldern vorbei und wir wurden langsam etwas schläfrig.

In unserem Abteil saß eine Frau mit ihren beiden Kindern. Ihr Mann arbeitete bei SAP, war schon in Frankfurt gewesen und hatte seine Gattin, die aus Bikaner stammte, zum Zug gebracht. Eigentlich lebte die ganze Familie in Texas in den USA, war aber gerade auf Heimatbesuch. Der Schaffner kam dann mit einer dicken Liste, auf der er alle Fahrgäste abhakte. Anschließend kam der Bordservice und fragte, ob wir ein Mittagessen für 150 INR haben wollten. Um 12.30 wurde uns daraufhin ein Plastiktablett mit Deckel serviert, gefüllt mit Reis, Gemüse, Chapatis und dicken Saucen. An den Bahnhöfen kamen auch fliegende Händler durch die Wagen und boten Chai, den Indischen Tee, aufgekocht mit Milch und Gewürzen, sowie verschiedene Speisen an.

Mit immer noch 15 Minuten Verspätung errichten wir schließlich um 16.50 Uhr Bikaner. Dort holte uns der Sohn des „Camelman“ Vijaj Singh Ratore, der seit 1983 Kameltouren organisierte, am Bahnhof ab. Auf der Fahrt ins familieneigene Guesthouse erzählte er, dass sein Großvater Colonel Jai Singh das legendäre Kamel-Corps des indischen Militärs wieder aufgebaut habe, das bis heute in der Stadt stationiert ist und im Gebiet bis zur 200 km entfernten pakistanischen Grenze patrouilliert. Am Abend tauchten einige Mücken in unserem Zimmer auf und es wurde deutlich kühler als in Neu Dehli.

Indien unterhält mit fast 64.000 km das größte Eisenbahnnetz der Welt. Hier der Bahnhof von Bikaner.

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