6. Tag

Um 6.20 Uhr waren wir schon an Deck, um die Sonne glutrot über den Palmen am Ostufer aufgehen zu sehen. Sie stieg allerdings sehr schnell höher und wurde gleißend hell, so dass wir bald zum Frühstück ins Restaurant hinunter gingen. Um 8.30 Uhr sollte der offizielle Ausflug zum Edfu-Tempel starten, als ich kurz vor acht ans Ufer trat, stand dort kein einziges Taxi jedoch Dutzende von Kutschen. Die Kaleschen-Fahrer, die offensichtlich eine gute Lobby haben, stürmten gleich auf mich ein. Es schien aber eine irgendwie geregelte Reihenfolge zu geben, denn ein vielleicht 18-jähriger Junge hielt resolut die Verdecke mehrerer Kutschen zu, als mich deren Fahrer baten einzusteigen. Schließlich setzte er sich durch und ich ging mit ihm. Erst als wir schon unterwegs waren, realisierte ich, dass sein Pferd, das sich nur mit der Peitsche zu Lostraben bewegen ließ, klapperdürr war. Der Junge nahm aber keinerlei Rücksicht und trieb es unerbittlich an, so dass das Tier nach wenigen hundert Metern an einer Kreuzung einfach zusammenbrach. Als es auf der Straße lag, konnte man deutlich sehen, dass Fell und Haut unter dem Geschirr restlos durchgescheuert waren, was erklärte warum sich das Pferd nur widerwillig in Bewegung gesetzt hatte. Die Passanten warfen nur einen kurzen Blick auf das scheinbar nicht ungewöhnliche Geschehen, und erst als der Junge das Tier ausspannte, stand es wackelig wieder auf. Er wollte dann allen Ernstes mit mir weiterfahren. Ich hielt es jedoch für das einzig Richtige die Kutsche zu wechseln, ließ ihn einfach stehen und stieg in die nächste Kalesche, die vorbeikam und mich bis zum Tempel mitnahm. Der Horus-Tempel ist der vollständigste seiner Art. Obwohl erst vom griechisch-römischen Herrscher Ptolemäus XII. (80-51 v.Chr.), dem Vater der Kleopatra, lange nach der Ära der Pharaonen vollendet, folgt er den Prinzipien altägyptischer Baukunst. Herzstück der Anlage ist das Horus-Heiligtum, ein 4 m hoher Schrein aus einem einzigen Granitblock, in dem die vergoldete Statue des Falkengottes stand. Bis Mitte des 19. Jh. war der Tempel fast bis zum Dach im Sand versunken, auf dem sich damals ein Teil des Dorfes Edfu befand. Wie später der Hatschepsut-Tempel wurde er um 1860 von Auguste Mariette ausgegraben, der im Jahr zuvor das spätere Ägyptische Museum in Kairo gegründet hatte.

Da ich zeitgleich mit den Besuchern von den zahlreichen anderen Schiffen zur Besichtigung angekommen war, herrschte in den beiden Säulenhallen dichtes Gedränge. Als ich schließlich wieder den Vorplatz erreichte, wo die Kutschen warteten, traute ich meinen Augen nicht, denn dort stand wieder der Junge und bestand darauf mich zurückzufahren. Sein Vater habe zwei Kaleschen mit zwei Pferden erklärte er, und tatsächlich sah das neue Zugtier wesentlich kräftiger aus, hatte keine Wunden und lief dann auch auf bloßen Zuruf los. So war ich gegen 10 Uhr wieder am Schiff und bezahlte die vorher vereinbarten 30 LE. Ganz unverfroren forderte der Junge dann weitere 10 LE für das erste Pferd, die ich aber verweigerte, weil sie ganz sicher nicht wie behauptet in Futter investiert worden wären.

Um 11 Uhr legte die MS Tu-Ya wieder ab. Wie die meisten anderen Passagiere, unter denen wir noch einen älteren Deutschen in Begleitung einer jungen, blonden Russin entdeckt hatten, verbrachten wir den Tag an Bord mit süßem Nichtstun auf dem Sonnendeck, unterbrochen nur vom Barbeque um 13 Uhr und dem 16-Uhr-Tee. Immer wieder drehte auch der Bordmasseur mit lässigen Schritten seine Runden. In der einen Hand hielt er gewichtig seinen Terminplan und die andere spielte mit einem Kugelschreiber, während er vorzugsweise versuchte die ohne männliche Begleitung reisenden älteren Damen von einer „Behandlung“ zu überzeugen. Gegen 16 Uhr legten wir dann in Kom Ombo an und besichtigten im warmen Licht der untergehenden Sonne den dortigen Doppeltempel für den falkenköpfigen Gott Haroeris und den Krokodilgott Sobek. Die Ruinen liegen nur wenige hundert Meter von der Schiffanlegestelle entfernt, einst befand sich dort die längst verschwundene Stadt Pa-Sebek, eine Kultstätte des Krokodilgotts. Auch die Panzerechsen gibt es in Kom Ombo längst nicht mehr, im örtlichen Museum befinden sich jedoch noch 40  mumifizierte, dem Gott Sobek geweihte Exemplare. Ihre lebenden Nachfahren breiten sich inzwischen aber wieder erfolgreich im Nasser-See aus.

Um 18 Uhr waren alle zurück an Bord und eine halbe Stunde später waren wir wieder unterwegs ins noch 45 km entfernte Assuan, dem ägyptischen Tor zu Afrika. Bei einem letzten Blick zurück ging gerade der Vollmond hinter dem angestrahlten Tempel auf. Das Abendessen um 20 Uhr war heute ein orientalisches Buffet als passende Einstimmung auf die scheinbar zu jeder Nilkreuzfahrt gehörende Galabia-Party, die um 21.30 Uhr beginnen sollte. Obwohl der Verkäufer der bordeigenen Modeboutique dafür schon am Vortrag kräftig die Werbetrommel gerührt und mit Sonderpreisen für die kaftan-ähnlichen Gewänder gelockt hatte, verzichteten wir auf eine Teilnahme.

Der Naos und der steinerne Untersatz für die heilige Barke im Horus-Tempel von Edfu.
Der Naos und der steinerne Untersatz für die heilige Barke im Horus-Tempel von Edfu.

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