5. Tag

Nach dem Frühstück besichtigten wir den Jahangir Mahal-Palast, der einen morbiden Charme versprühte und im Vergleich zu seinen Pendants in Rajasthan ziemlich herunter gekommen wirkte. Dennoch beeindruckte er durch seine Größe und die vielen Flure, Höfe und Balkone auf drei Etagen, die alle frei zugänglich waren. Von den Decken- und Wandmalereien war jedoch nahezu nichts zu mehr zu sehen. Der Jahangir Mahal und andere prächtige Gebäude zeugen aber bis heute davon, dass Orchha Anfang des 17. Jahrhunderts für eine Generation zu einem bedeutenden Ort wurde. Denn der dort ansässige Raja Bir Siṃh war seinerzeit ein Günstling des Mogulkaisers Jahan Gir.

Direkt gegenüber vom Palast schauten wir uns dann noch im Raja Mahal um. Auch dieses mehrstöckige Gebäude umschließt einen großen Innenhof. Es war zwar schlichter gebaut, mit weniger Türmchen und Balkonen, dafür waren in einigen Hallen noch prächtige Decken- und Wandmalereien erhalten geblieben. Die Motive reichten von Szenen aus dem Leben von Rama und Krishna über verschiedene Menschwerdungen Vishnus bis hin zu Wrestling-Kämpfen, Jadgen und körperlichen Vergnügungen. Den Bau des zweiflügeligen Raja Mahals begann Raja Rudra Pratap 1531, vollendet wurde er 1539 von Raja Bharti Chandra.

Anschießend gingen wir noch zu den Cenotaphen, die ein Stück flussabwärts stehen. Dort führten Stufen vom Wasser hinauf zu den symbolischen Grabmalen der Rajas von Orchha. Im Inneren lagen Kuhfladen auf dem Boden und wir flanierten in der heißen Mittagssonne nur einmal kurz über den mit schmucklosen Betonplatten ausgelegten Platz davor. Laut Reiseführer sollte es hinter den Gebäuden schöne Gärten mit Pfauen und Affen geben, doch zu sehen war davon nichts. Wir suchten allerdings auch nicht ernsthaft, sondern mussten zurück ins Hotel.

Von dort fuhren wir dann mit dem Tuk Tuk für 300 INR zum Bahnhof ins 15 km entfernte Jhansi. Unterwegs stieg noch „Tiger“ mit seiner Enkelin zu, die sich beide zum Fahrer nach vorn setzten. Der 70 Jahre alte Herr mit Brille und Turban hatte fast nur noch Zahnstümpfe im Mund, sprach aber gut Englisch. Er sei Tourguide und arbeite gerade in Orchha, erklärte er, wohne allerdings in einem Dorf bei Khajuraho. Weil dieses keinen Bahnhof hatte, fuhr er allerdings mit dem Bus dorthin und nicht mit dem Zug. Er erkundigte sich aber genau nach unserer Route und erklärte zu dieser Jahreszeit würden wir Tiger sehen, das garantiere er. Als wir alle fünf Nationalparks aufgezählt hatten, die wir besuchen würden, fragte er allerdings erstaunt wie viele Tiger wir denn wohl sehen wollten. So viele wie möglich natürlich. Zum Abschied meinte er in Khajuraho kenne ihn jeder, wir sollten dort einfach Grüße von unserem Freund „Tiger“ bestellen, dann müssten wir keine Provision bezahlen.

Um 16 Uhr starteten wir schließlich mit dem Udaipur-Khajuraho-Express in den 175 km entfernten Ort mit weltberühmten Tempeln. Der Zug hatte eine halbe Stunde Verspätung und fuhr zuerst durch Orchha, wo er aber nicht hielt. Aufgrund der Nebenstrecke waren in den Abteilen noch jede Menge Plätze frei. Als wir um 20.10 Uhr im Dunkeln am Bahnhof Khajuraho ankamen, stürmten sofort viele Taxi- und Tuk Tuk-Fahrer auf uns zu. Wir gingen zunächst einfach weiter, auf der Treppe am Ausgang hielt uns aber ein Mann sein Smartphone entgegen und sagte nur „It’s Tiger!“ Der geschäftstüchtige alte Herr hatte scheinbar gleich seinen Neffen Ramu losgeschickt, um uns „abzufangen“. Dieser brachte uns dann zum luxuriösen und gepflegten Syna Heritage Hotel und gab uns seine Karte. „For all Taxi & Travel related services“ stand darauf. Wir bekamen beim Einchecken ein Begrüßungsgetränk mit Rosenwasser, aßen um 21.30 Uhr noch kurz etwas im Hotel-Restaurant und gingen dann zu Bett.

Der Jahangir Mahal-Palast zeugt davon, dass Orchha Anfang des 17. Jahrhunderts für eine Generation zu einem bedeutenden Ort wurde.

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