6. Tag

Der Hahn des Guesthouses krähte viel zu früh. Um 5.45 Uhr klingelte dann aber auch unser Handy und als wir noch zusammenpackten, rief draußen der Muezzin schon lautstark per Lautsprecher zum Gebet. Wir mussten dann die beiden Hausangestellten wecken, die noch auf der Terrasse vor dem Haus unter dicken Decken schliefen, damit sie uns das Tor aufschlossen. Mit dem Tuk Tuk fuhren wir anschließend zum kleinen Bahnhof Largarh Junction. Unterwegs sahen wir zahlreiche „Straßenbewohner“, die vor ihren Schlafstätten kleine Feuer entzündet hatten, um die sie fröstelnd herum saßen. Auch in der Bahnhofshalle hockten einige Leute in Umhänge gehüllt auf dem Boden, neben großen Bündeln von Gepäck. Für die 330 km lange Zugfahrt nach Jaisalmer konnten wir am Schalter nur Tickets für die Second Class, die „Holzklasse“, kaufen, für 105 INR pro Person plus 15 INR für die Platzreservierung. Im Wagen konnte man die vergitterten Fenster öffnen, so dass die frische kalte Morgenluft hereinströmte. Für die heißen Sommer hingen zudem etwa 25 Ventilatoren unter der Decke. Ab 9.30 Uhr wurde es dann schnell spürbar wärmer. Für unser Mittagsmahl, das wir verpackt aus dem Guesthouse mitgenommen hatten, schenkte uns ein fliegender Händler später zwei kleine Plastiklöffel.

Unterwegs wurde die Landschaft zunehmend sandiger. Wir sahen einige Gazellen vor dem Zug flüchten und auch einen Kuh-Kadaver, an dem sich einige große Geier und andere Greifvögel versammelt hatten. Auf den Feldern spielten sich teilweise archaische Szenen ab. So lockerte ein Mann mit einer einfachen Hacke mühsam den Boden auf und eine Frau stand mit einem Dreschflegel inmitten von großen Gebinden Getreide. Die Bahnübergänge an der Strecke wurden gerade durch Tunnels ersetzt und an vielen Stellen waren die Bauarbeiten in vollem Gange. Als wir uns unserem Ziel Jaisalmer im Grenzgebiet zu Pakistan näherten, sahen wir auch einige Militärkonvois auf den Straßen oder Armeezüge mit verladenen Panzern auf den benachbarten Gleisen.

Durch die offenen Fenster war inzwischen eine Menge Wüstensand hereingeweht und hatte sich als dünne Schicht auf die leeren Sitzbänke gelegt, als an einem Bahnhof zwei etwa zehnjährige Jungen mit ihrer ganzen Familie einstiegen und ihre alten Smartphones an den eigenes dafür unter den Fenstern installierten Steckdosen aufluden. Uns gegenüber saß ein Mann, der zur Hochzeit eines Freundes fuhr und gleich erklärte, dass die beiden völlig ungebildet seien und deshalb kein Englisch sprächen. Sie wollten dann ein Selfie mit uns, was sie auch bekamen. Als der Schaffner kam, stellte sich jedoch heraus, dass die ganze Sippe keine Fahrkarten hatte. Alle mussten daher am nächsten Bahnhof aussteigen, was sie widerspruchslos taten.

In Jaisalmer, der „Goldenen Stadt“, mit 62.000 Einwohnern in der Wüste Thar, machten wir zuerst eine Pause in einem Café an der Hauptstraße. Dort kamen wir mit dem Besitzer ins Gespräch, der mit mir anschließend zu einem fahrenden Schuster ging, der die Sohle meines Schuhs, die sich um die gesamte Spitze herum gelöst hatte, in fünf Minuten für 50 INR mit gekonnten Stichen wieder festnähte. Anschließend spazierten wir zum Stausee „Gadisar“ am Stadtrand. Der hübsch angelegte See mit Ruderbooten, kleinen Tempeln im Wasser und einer gepflasterten Promenade war von vielen großen Welsen bevölkert und ein beliebter Treffpunkt. Der Zugang zum Ufer erfolgt durch das Telia-Tor, das eine stadtbekannte königliche Kurtisane Anfang des 19. Jahrhunderts gestiftet hatte. Als es einige ehrbare Bürger aufgrund der halbseidenen Geldgeberin abreißen lassen wollten, ließ der Maharadja einfach einen kleinen Tempel oben drauf setzen. Am dem Heiligtum mochte sich dann niemand mehr vergreifen.

Anschließend sahen wir uns im Desert Cultural Center das allabendliche Marionettenspiel mit Live-Musik an. Gegründet wurde das Museum 1984 von N.K. Sharma, einem pensionierten Lehrer, der die traditionsreiche Kultur und insbesondere das Puppenspiel seiner Geburtsstadt Jaisalmer erhalten wollte. Er erklärte, dass die Stadt erst vom Berauben der vorbeiziehenden Karawanen und später vom Fernhandel mit Opium, Gewürzen, Getreide und Butterfett gelebt habe. Als die Macht der Moguln Anfang des 19. Jahrhunderts aber schwand, verarmte Jaisalmer, auch weil die modernen Handelswege nicht mehr durch die Wüste verliefen. Die Leute hätten gehungert und teilweise sogar Blätter von den Bäumen gegessen. Jetzt lebe die Stadt vor allem vom Tourismus und dazu trage auch sein kleines Museum bei. Da seine bescheidene Pension nicht zur Finanzierung ausreichte, hatte Sharma ein Buch über die Geschichte seiner Stadt geschrieben und war damit dann von Hotel zu Hotel gegangen, um es zu verkaufen. Inzwischen hätten Touristen das Werk in viele Sprachen, auch in Deutsch, übersetzt und es ist im Shop des Centers immer noch erhältlich.

Das 1984 vom ehemaligen Lehrer N.K. Sharma gegründete Desert Cultural Centre versucht das traditionelle Puppenspiel Rajasthans zu erhalten.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

Autor *:

Webseite:

* Die Checkbox für die Zustimmung zur Speicherung ist nach DSGVO zwingend.

Ich stimme zu.