8. Tag

Um 8.30 Uhr gingen wir an Bord einer Feluke, die Mohammed und zwei andere junge Männer, die alle nur arabisch sprachen, um die Nordspitze der Insel Elephantine herum zur Kitchener Insel segelten, die dem britischen Generalkonsul von Ägypten, Lord Horatio Kitchener, Ende des 19. Jh. geschenkt worden war. Dieser legte dort einen botanischen Garten an, den wir besichtigen wollten. Gleich hinter dem Kassenhäuschen begrüßte uns ein Mann, der kurz sein Jacket lupfte, um uns als eine Art „Dienstausweis“ seine darunter verborgene Maschinenpistole zu zeigen. Weil wir nicht schnell genug abwinkten, machte er dann einen bakschischpflichten Rundgang mit uns, wobei er begeistert überall großzügig Blätter und Blüten von Bäumen und Büschen abrupfte, damit wir daran schnuppern konnten. Von einem Sandelholzbaum schnitt er sogar ein Stück aus dem Stamm. Da kann man nur hoffen, dass sich die Zahl seiner Führungen in Grenzen hält.

Mit der Feluke steuerten wir dann Elephantine selbst an, die nach ihren elefantenähnlichen grauen Felsen benannt ist und einst die pharaonische Stadt Swenu beherbergte. In den nicht wirklich sehenswerten Ruinen wehrten wir dieses Mal alle Führer erfolgreich ab. Während die Besucherwege von Drahtzäunen begrenzt und teilweise mit „No entry“-Schildern komplett gesperrt waren, tobte eine Gruppe von Kindern aus dem benachbarten nubischen Dorf ohne Rücksicht auf Verluste durch bzw. über die Mauerreste, was die Wächter einfach übersahen. Gegen 12 Uhr waren wir zurück im Hotel, in der Lobby stand nun zum Heiligabend ein künstlicher Weihnachtsbaum in einer „Schale“, die aus einem umgekehrt aufgespannten Schirm bestand. An den Zweigen hingen bunt blinkende Lichterketten und aus der Spitze sprudelte eine Fontäne aus kleinen Styroporkügelchen als Schnee-Imitat.

Nach einer Pause auf dem Zimmer brachen wir um 14 Uhr in das nubische Dorf West-Senal auf und fuhren mit einer kleinen Motorbarkasse ein paar Kilometer nilaufwärts, vorbei an einer als Naturschutzgebiet ausgewiesenen Insel mit zahlreichen Reihern und anderen Vögeln am Ufer. Das Dorf, das erst nach dem Hochdammbau entstand, war erwartungsgemäß in erster Linie eine Kulisse mit nett anzuschauenden, bunt bemalten Häusern für eine lange Marktgasse. Der Verkäufer des Gewürzstandes an deren Ende war definitv der Ansicht, dass jeder Tourist einfach irgendetwas beim ihm kaufen musste. Er versuchte massiv mir Tee, Kardamon, Vanille und vieles andere aufzudrängen, bis hin zu einem Klappheft mit Ägyptenfotos. Zum Schluss beschwerte er sich bei Achmed, unseren 29-jährigen Reiseführer aus dem Hotel, schon fast ärgerlich darüber, dass noch nie ein deutscher Tourist nichts bei ihm gekauft hätte und das könne einfach nicht sein. Immerhin schaffte es sein Kollege uns doch noch einen Beutel Gewürze für 20 Euro anzudrehen.

Anschließend gingen wir zum Haus unseres Barkassenkapitäns, wo ein zweijähriges Jungkrokodil mit seinem jüngeren Geschwister ein trostloses Dasein in einem kleinen, gemauerten Verschlag fristete. Achmed „spielte“ mit den beiden, indem er sie mit einem Stock durch das Abdeckgitter hindurch immer wieder kräftig stupste, bis sie danach schnappten und ärgerlich fauchten. Dann wurden uns zum Essen Hähnchenschenkel mit Kartoffeln, Reis und Gemüse serviert. Während wir noch speisten, kam das deutsch-russische Pärchen vom Kreuzfahrtschiff mit ihrem Reiseführer herein, der ihnen diesen Ausflug an Bord für 35 Euro pro Person angedreht hatte. Uns hatte er auch weismachen wollen, dass es nur möglich wäre nach Abu Simbel zu fliegen oder für 80 Euro mit dem Touristenbus zu fahren.

Eine weitere Attraktion des Dorfes war ein kurzer Kamelritt durch den Wüstensand am Nilufer, worauf wir aber verzichteten. Stattdessen fuhren wir zurück zum Hotel, wo wir gegen 17 Uhr ankamen. Am Abend machten wir noch einen Bummel durch die nahegelegenen Geschäftstraßen, wo die Händler im Vergleich zu Luxor angenehm zurückhaltend waren. Bald entdeckten wir das Gewürzgeschäft von Hamido, der über seiner Auslage ein riesiges Schild aufgehängt hatte, das auf Deutsch die Vorzüge seines Schwarzkümmelöls anpries: Eine schon von den Pharaonen verwendete „medizinische Essenz gegen alle Krankheiten, außer Tod“. Ein Löffel täglich stärke das Immunsystem und lindere Magen-Darm-Beschwerden sowie Diabetes. Äußerlich angewendet helfe das Öl gegen Rheuma, Akne und Cellulitis. Ein wahres Wundermittel also und unten in der Ecke des Schildes prangte sogar die Qualitätsnorm DIN ISO 9001. Dem jungen Mitarbeiter, der gleich zu uns vor die Tür kam, sagten wir sofort, dass wir nichts kaufen und nur das gelungene Marketing bewundern wollten. Er lud uns aber trotzdem zum Tee in den Laden ein, um sich ein wenig zu unterhalten. An der Wand hingen Fotos von deutschen Freunden aus München und wir erfuhren wie man falschen Safran aus Ringelblumen vom echten Safran aus den orange-roten Stempelfäden von Krokussen unterscheidet, der aus dem Iran importiert war. Er gab dazu etwas Safran in ein Glas mit Wasser, das sich gleich gelblich verfärbte. Ein Gramm davon koste in Assuan nur 5 LE (ca. 0,70 Euro). Nachdem er uns stolz das ganze Sortiment mit Zimt, Sternanis, frischer Vanille, Bimssteinen, Alaunsteinen als antiseptische Blutstiller für die Nassrasur und vielem mehr gezeigt und erklärt hatte, verabschiedete er uns freundlich und sagte er würde sich freuen, wenn wir am nächsten Abend noch einmal vorbei kämen.

Bunt bemaltes Haus im nubischen Dorf West-Senal bei Assuan.
Bunt bemaltes Haus im nubischen Dorf West-Senal bei Assuan.

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