9. Tag

Unsere Hotelchefin Frau Hanan, deren Mann aus Bochum stammt und die auch viele Freunde in Weinheim bzw. in Oberflockenbach hat, hatte uns am Vorabend erzählt, dass der billige Linienbus nach Abu Simbel nur bis zu einer Baustelle an einem Kanal fährt und nicht bis zu den beiden Tempeln. Da wir außerdem vor Ort nur noch ein DZ für 136 US$ im Nefertari-Hotel hätten bekommen können, das in den 60-er Jahren für die Ingenieure der UNESCO-Rettungsaktion gebaut worden war, hatten wir einen Tagesausflug mit dem Minibus gebucht, auch wenn die Besichtigungszeit dann nur zwei Stunden betrug. Dieser schloss sich dem täglichen Touristenkonvoi um 4 Uhr morgens an, so dass wir schon um 3 Uhr am Hotel abgeholt wurden, aber immerhin eine Breakfast-Box mit auf den Weg bekamen. Der Minibus war bald bis auf den letzten der 15 Plätze (inkl. Fahrer) gefüllt, und mit dem Tagesgepäck der Passagiere wurde es entsprechend eng auf der 275 km langen Fahrt. Doch zunächst endete diese am Sammelpunkt am unvollendeten Obelisken. Dort standen jede Menge Soldaten herum, die mit dicken Listen wedelten und akribisch jedes Kennzeichen mehrfach notierten. Nachdem wir dort ohne erkennbaren Grund eine knappe Stunde herumgestanden hatten, setzte sich der „Konvoi“ dann um 4.20 Uhr endlich in Bewegung, zerfiel aber bereits nach wenigen Minuten in eine kilometerlange, unzusammenhängende Fahrzeugschlange, Begleitfahrzeuge der Armee waren keine zu sehen. Den Sinn der ganzen Aktion hatte uns auch Frau Hanan nicht erklären können, allerdings verdiene zumindest das Militär gut daran.

Gegen 7.45 Uhr kamen wir, wie alle anderen, auf dem großen Parkplatz vor den Tempeln an. Diese liegen keineswegs mehr abgeschieden in der Einsamkeit der Wüste, wie vor ihrer Umsetzung, sondern befinden sich am Rand des gut 2.500 Einwohner zählenden Neu-Abu Simbel. Von der besonderen Atmosphäre des Ortes ist also nur wenig geblieben. Auf die Dienste des Guides, den jeder automatisch mit der Eintrittskarte kaufen musste, verzichteten wir, denn die Erklärungen, die wir im Vorbeigehen bei verschiedenen Besuchergruppen hörten, gingen kaum über das hinaus, was wir im Reiseführer selbst nachlesen konnten.

Die Fassade des großen Tempels schmücken vier 21 m hohe Kolossalstatuen von Ramses II., dem mächtigsten Pharao Ägyptens, der 1304 v.Chr. geboren wurde und trotz Arthritis, Zahnabszessen und schlechter Durchblutung 66 Jahre lang regierte, ehe er mit weit über 90 Jahren starb. Sein Mumie liegt heute im Ägyptischen Museum, sein Tempel aber, der einst die Reichsgrenze markierte und Reisenden aus dem Süden nach 35-jähriger Bauzeit die Macht des Pharao eindruckvoll vor Augen führte, steht seit 1968 etwa 200 m weiter landwärts und 65 m höher unter einer mit Felsen bedeckten, künstlichen Betonkuppel. Dazu wurde er in mehr als 2.000 je 20 t schwere Blöcke zersägt und wieder zusammengesetzt. Der heilige Ort, wo er einst in den Stein gemeißelt wurde, ist heute im Nasser-See versunken. Nördlich vom Haupttempel steht ein zweiter, deutlich kleinerer Tempel zu Ehren von Ramses Lieblingsfrau Nefertari, vier der sechs 10 m hohen Figuren an seiner Frontseite zeigen Ramses selbst, die beiden anderen stellen Nefertari dar.

Die meisten Besucher kommen am Morgen, da beide Tempel nur vormittags in der Sonne liegen. Weil aber alle nach zwei Stunden die Rückfahrt antreten mussten, leerte sich das Gelände schon nach einer guten Stunde wieder allmählich. Die letzten 20 Min. waren wir so fast alleine vor dem großen Tempel und ich konnte ungestört eine zweite Runde durch sein Inneres drehen. Pünktlich um 9.45 Uhr stiegen wir dann in den Minibus und fuhren um kurz nach 10 Uhr im ungeordneten Pulk wieder ab. Die Landschaft glich mehr einer Schutt- und Geröllwüste mit kleinen grau-schwarzen Hügeln, als einer goldgelben Sandfläche und unser Fahrer raste mit über 130 km/h an der parallel zur Straße verlaufenden Überlandleitung entlang. Gegen 14 Uhr erreichten wir die Stadtgrenze von Assuan, bogen dort aber zum Hochdamm ab. Es stellte sich heraus, dass in dem Minibus auch Passagiere saßen, die zusätzlich zu Abu Simbel noch die Besichtigung der Staumauer, der Insel Philae und des unvollendeten Obelisken gebucht hatten. Während sie kurz und bündig einmal über den Damm und zurück gefahren wurden, mussten alle anderen aussteigen und am Kassenhäuschen warten. In den 10 Min. unterhielt ich mich mit einem jungen Kanadier auf Weltreise, der von einem Hafen 20 km südlich von Assuan mit einer fast 24-stündigen Fährfahrt über den Nassersee am nächsten Tag in den Sudan und dann nach Äthiopien reisen wollte. Zur Erteilung des nötigen Visums für 100 US$ hatte die sudanesische Botschaft in Kairo ein Empfehlungsschreiben der kanadischen Botschaft verlangt. Da diese ihren Bürgern aber dringend von Reisen in das Bürgerkriegsland abrät, stellte sie keines aus, und bestätigte auch nicht schriftlich, dass sie das nicht macht. Die Beamten der sudanesischen Botschaft gaben sich dann aber auch mit einem Ausdruck der Reisewarnung von der Website der kanadischen Regierung zufrieden, die sie wahrscheinlich ohnehin nicht verstehen konnten.

Nachdem wir wieder in den Minibus eingestiegen waren, ging die Fahrt weiter zur Anlegestelle für die Überfahrt nach Philae, wo der Fahrer einem russischen Pärchen mit einige wenigen Brocken Englisch zu erklären versuchte, dass sie sich um alles weitere selbst kümmern müssten, und er sie in 90 Min. wieder abholen würde. Die beiden verstanden kaum ein Wort und trotteten schließlich davon. Fünf junge Chinesen hatten die zusätzlichen Besichtigungen ebenfalls gebucht, verzichteten aber freiwillig darauf, weil sie in Assuan noch rechtzeitig ihren Zug erreichen wollten. Als der Fahrer einen Umschlag mit der Aufschrift „Tip for the driver“ herumreichen ließ, kam dieser fast leer zu ihm zurück. Kein Wunder bei dem vollgestopften Minibus und dem temporären „Ausladen“ all der Leute, die einfach nur schnell zurück in ihr Hotel wollten. Da half es auch wenig, dass er den Umschlag noch ein zweites Mal durch die Reihen reichte. Also fügte er sich, brummelte etwas von „bad people“ und steckte den Umschlag zurück hinter die Sonnenblende. Um 15 Uhr waren wir endlich wieder im Hotel und fielen auf unsere Betten. Drei Stunden später zogen wir zum Abendessen noch mal los, ins „Assuan Moon“ direkt an der Corniche, mit einem auf dem Nil schwimmenden Ponton als Gaststube.

Das Gesicht einer der vier Kolossalstatuen von Ramses II. vor seinem Tempel in Abu Simbel.
Das Gesicht einer der vier Kolossalstatuen von Ramses II. vor seinem Tempel in Abu Simbel.

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