7. Tag

Auf dem Platz vor dem Haus fand am heutigen Samstag ein großer Markt zum offiziellen Jahr der Kartoffel statt, dem Logo der EU auf den Plakaten nach zu urteilen sogar mit Unterstützung aus Brüssel. Campesinos aus den umliegenden Dörfern hatten einen etwa 20 m langen Stand aufgebaut und präsentierten darauf Dutzende Kartoffelsorten zum Verkauf. Die ältesten bekannten Spuren von wilden Kartoffeln, man schätzt ihr Alter auf 13.000 Jahre, fand man auf der chilenischen Insel Chiloé. In ganz Peru, das lange als Ursprungsland der Kartoffel galt, soll es über 3.000 Sorten geben. Die meisten davon gedeihen nur beim Anbau in den Anden, weil sie im Vergleich zu in anderen Anbaugebieten kultivierten Sorten an andere Lichtverhältnisse (Tag- und Nachtzyklus) angepasst sind.

Aurora, die ich auf dem Markt traf, erklärte mir, dass die weißen Kartoffeln, die sogenannten chuños, getrocknet seien und vor dem Verzehr erst in Wasser eingeweicht werden müssten. Die Trocknung von Kartoffeln kannten schon die Inka als Methode zur Haltbarmachung.

Zum Begleitprogramm gehörten Tänze von verschiedenen Folkore-Gruppen und eine Garküche, die Alpaca oder Forelle mit „papas natural“ anbot. Die Kartoffeln des Standes stammten nämlich alle aus kontrolliertem Anbau.

An einer weiteren Besprechung im Hotel Rosal zur Urwald-Tour nahm dieses Mal auch Werner aus Dortmund mit seiner 14-jährigen Tochter Lara teil. Der geschiedene Medienwissenschaftler hatte bisher ohne feste Anstellung an der Uni gearbeitet und gerade eine Weiterbildung für den Lehrerberuf abgeschlossen. Er erzählte, dass seine ältere Tochter sechs Monate im dem Hotel angeschlossenem Waisenhaus für Mädchen als Volunteer gearbeitet habe. Deshalb hätte sie anschließend umsonst an der 7-Tage Urwaldtour teilnehmen dürfen und er würde auch nur die Hälfte bezahlen. Nach dem Gespräch bummelte ich durch das Künstlerviertel San Blas, wo es neben religiösen Figuren und Bildern alles gab, was das Touristenherz eventuell begehren könnte. Beispielsweise eine entspannende Inka-Massage oder die neueste Ausgabe der Touristennachrichten mit Berichten über Schamanismus in den Anden und die Wahrheit über Machu Picchu, die von einem etwas verlebt aussehenden Mann lautstark auf Englisch angepriesen wurde.

Im Coca-Shop, der allerlei Essbares mit Coca anbietet, führte ich ein längeres Gespräch mit Geschäftsführer Christo Denenmostier aus Lima. Der 37-jährige hatte ursprünglich als Volunteer im Coca-Shop angefangen und erzählte, dass der Laden zur Nonprofit-Organisation „K’uychiwasi“ gehört. Das „Haus des Regenbogens“ wurde 1999 gegründet, um die 50 verschiedenen ethnischen Gruppen in Peru zu unterstützen. Für diese Menschen zähle die Dorfgemeinschaft noch immer mehr als der Einzelne, an die schnelle Individualisierung durch die Globalisierung konnten sie sich deshalb noch nicht anpassen, berichtete Christo.

Initiatorin der Organisation ist die italienische Ärztin Dr. Emma Cocchi. Sie hatte sich bereits vorher zuerst in Kolumbien und dann in Bolivien mit der Coca-Pflanze beschäftigt. Als sie auf Betreiben der US-amerikanischen Drugs Inforcement Administration (DIA) aus dem Andenstaat ausgewiesen wurde, kam sie ins Nachbarland Peru, inzwischen lebt sie aber wieder in ihrer Heimat Italien.

Das Angebot des Coca-Shops umfasst Toffees, Kekse, Schokolade, Eiskrem und natürlich Tee. Eine benachbarte Pizzeria hat sogar Coca-Pizza auf der Speisekarte. Während die Rezepte für Toffees und Schokolade von Dr. Cocchi stammen, hat Christo die Muffins und die Brownies kreiert. Pro Monat verarbeitet er etwa zwei Säcke Coca-Blätter. Jeder Sack wiegt ein Arroba, diese alte spanische Gewichtseinheit entspricht 11,5 kg. Die Blätter werden in der hauseigenen Mühle zu Pulver vermahlen. Um die Stiele zu entfernen sind zwei Durchgänge erforderlich.

Der Coca-Shop von Cuzco ist bisher der Einzige seiner Art weltweit, Christo träumt aber von einem Franchise-System. Erste Interessenten aus Holland, Spanien und Chile gebe es bereits, das Problem der Beschaffung von Coca-Pulver sei aber noch ungelöst. Peru darf offiziell nämlich keine Coca-Blätter exportieren, der Verkauf ist nur in weiter verarbeiteter Form erlaubt, z.B. als Teebeutel. Der Staat hat außerdem das Monopol für den Handel mit den Coca-Blättern. Er zahlt den Bauern für 60 Soles pro Sack, der Weiterverkaufspreis beträgt dann bereits 166 Soles. Illegale Drogenhändler zahlen dagegen 50-60 US$ und holen die Säcke selbst beim Erzeuger ab, während die staatlichen Aufkäufer eine Anlieferung zur nächsten Sammelstelle erwarten. 90% des verkauften Cocas gingen in die USA, darüber spreche die peruanische Regierung allerdings nicht gern, so Christo.

Peru und Bolivien sind übrigens die einzigen Länder der Welt, die legal Coca anbauen dürfen, Denn nur diese beiden Staaten können die historische Nutzung der Pflanzen über Jahrhunderte nachweisen, die Blätter wurden bereits von den Inka gekaut.

Großer Markt zum offiziellen Jahr der Kartoffel auf der Plaza Tupac Amaru.

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