15. Tag

Wir erreichten den Icefields Parkway bei Schneefall und Regen, so dass die imposanten Berge links und rechts der Straße nur zu erahnen waren. In der Hoffnung auf besseres Wetter fuhren wir ohne Zwischenstopps in Richtung Jasper, bis wir schließlich eine trockenere Region erreichten, wo auch nur noch die Gipfel der Berge von Wolken umhüllt waren. Dort sahen wir den ersten Schwarzbären des Tages, der jedoch umgehend gemächlichen Schrittes im Wald auf der anderen Straßenseite verschwand. Nur einige hundert Meter weiter entdeckten wir einen weiteren Schwarzbären, und dieses Männchen war anderes als die bisherigen Tiere, denn es ließ sich überhaupt nicht stören. Weder von den ständig neuen Autos, die auf oder neben der Straße stehen blieben, noch durch einen vorbeifahrenden Touristenbus, in dem sich die Reiseleiterin wild gestikulierend darüber aufregte, dass niemand die vergeschriebenen 100 m Sicherheitsabstand einhielt, und deshalb erbost auf die laute Hupe drückte. Diese Aktion verscheuchte aber weder den Bären, noch seine zahlreichen Beobachter. Das Tier rupfte statt dessen etwa 40 Min. lang das Gras von der Wiese und blickte nur hin und wieder gelassen zur Straße, um sich einen Überblick der Lage zu verschaffen. Schließlich überquerte es unmittelbar hinter zwei parkenden Autos die Fahrbahn, schnüffelte noch interessiert am Auspuff des zweiten Wagens und lief dann langsam in den Wald. Dieses Exemplar war ein schönes Beispiel dafür, dass jeder Bär seinen eigenen Charakter hat. Die meisten mögen es nicht beobachtet zu werden und suchen gleich das Weite, ihnen sollte man dann auch nicht zu folgen versuchen. Einige wenige aber sind sehr entspannt und haben nur einen sehr kleinen Komfortbereich um sich herum, in den man auf keinen Fall eindringen darf. Diesen Bären sollte man sich deutlich sichtbar zeigen und sie dann entscheiden lassen, ob sie sich nähern möchten, oder nicht.

An der Parkers Ridge stieg die Straße dann zum Columbia Icefield hin an und es wurde wieder nebelig. Am Icefield Centre stiegen vornehmlich asiatische Touristengruppen aus ihren Reisebussen aus und gleich wieder in einen anderen Bus ein, der sie zum Athabasca Gletscher hinauf brachte, wo sie ein weiteres Mal umstiegen, und zwar in Snowcoaches mit ca. 2 m hohen Reifen, die für 49 CAN$ pro Person einige hundert Meter aufs Eis hinaus fuhren. Zurück am Icefield Centre platzierte eine Fotografin mit portabler Blitzanlage die ca. 50-köpfigen Gruppen für das obligatorische Erinnerungsbild dann noch schnell auf drei nur zu diesem Zweck stufig hintereinander aufgestellte Sitzbänken.

Wir beschränkten uns darauf am Fuß des Gletschers entlangzulaufen, der seit 1849 schon 60% seiner Fläche verloren hat und in weiteren 100 Jahren möglicherweise ganz verschwunden ist. Dann fuhren wir weiter durch ein mit Nadelwald bewachsenes Tal, das zu beiden Seiten von einer Reihe schneebedeckter Gipfel eingerahmt wird, die wie die Zähne auf einer Messerschneide aussehen.

An den Athabasca Fällen, wo der gleichnamige, aus dem Columbia Icefield entspringende Fluß durch eine schmale Schlucht donnert, besuchten wir die verschiedenen Aussichtspunkte und erfuhren, dass es unterhalb der Fälle 14 Fischarten gibt und oberhalb nur eine, die Stierforelle. Bis heute ist aber ungeklärt wie diese Fischart die Fälle überwinden konnte, möglicherweise durch menschliche Hilfe. Über den alten Parkway fuhren wir dann weiter nach Jasper. Unterwegs sahen wir noch einen Schwarzbären auf einer Wiese und schließlich eine Schwarzbärin mit drei Jungen im lichten Wald neben der Straße. Die Tiere waren aber immer durch Bäume und Büsche verdeckt oder halb in einer von vielen kleinen Senken verschwunden. In unserem Zimmer in der Marmot Lodge lasen wir dann in der aktuellen Ausgabe der „The Fitzhugh“, der unabhängigen Lokalzeitung des 4.600 Einwohner-Ortes, einen Bericht von Anne Williams („The Jasper Naturalist“ auf facebook) über Bären. Aktuell sei die beste Zeit des Jahres für Bärenbeobachtungen, und zwar besonders im Tal an der Straße oder auf offenen Flächen. Dort finden die Tiere Kinnikinnik-Beeren (bearberries) und Wacholderbeeren vom Vorjahr, sowie frisches grünes Gras und Löwenzahn-Sprößlinge. Für Bären, die auf den Bahngleisen entlang wandern, kommen heimische Getreide, wie Hartweizen-Körner, hinzu. All das wirkt abführend, möglicherweise ein willkommener Effekt, wenn man die letzte Notdurft im vergangenen Herbst verrichtet hat. Seit die kanadische Bahn aber damit begonnen hat ihre Schienen abzusaugen, sind kaum noch Körner zu finden. Trotzdem folgen viele Bären weiterhin den Gleisen, auf der Suche nach vom Zug erfassten Tierkadavern. 2009 kamen dabei sechs Bären ebenfalls um, ausnahmslos Schwarzbären. Da ein durchschnittlicher, erwachsener Schwarzbär pro Tag 8.000 Kalorien benötigt, vor dem Winterschlaf auch mehr, klingt die Beeren-, Sprossen- und Blätterkost jedoch mehr nach Atkins-diet als nach fat-skins diet.

Athabasca Glacier am Icefields Parkway.

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