9. Tag:

Nur wenige Minuten nach der offziellen Öffnungszeit um 8 Uhr standen wir am Tor von Kolmanskop, der Geisterstadt 12,5 km vor Lüderitz direkt an der B4. Wir hatten Glück das Gelände an einem windstillen Tag zu besuchen, denn oft stürmt es dort stark. Im Oktober finden deshalb an der Küste regelmäßig Geschwindigkeits-Wettbewerbe im Wind- und Kitesurfen statt, der derzeitige Rekord liegt bei 112,5 km/h. Bis zur deutschsprachigen Führung um 9.30 Uhr verschafften wir uns einen ersten Eindruck der Häuser und besichtigten die renovierten Gebäude des Minenarchitekten Herrn Kirchhoff und des Betriebsleiters Herrn Kolle. Später erläuterte dann unser Tourguide William der Ort sei nach dem Lastwagenfahrer John Coleman benannt und in nur zwei Jahren errichtet worden. Von 1908 bis 1914 wurden dort 5 Mio. Karat Diamanten gefördert. Da ein Karat 0,2 g entspricht, sind das 1.000 kg Edelsteine. Davon waren 90% Schmuckdiamanten, die beim Schleifen jedoch noch einmal 10-15% ihres Gewichts verloren. In dieser Zeit war Lüderitz, auch dank des Guanos, die reichste Stadt Afrikas. Im benachbarten Kolmanskop lebten 300 Deutsche und 800 namibische Kontraktarbeiter in separaten Baracken. Eine Woche vor dem Ende ihres zweijährigen Arbeitsvertrages kamen diese in Quarantäne und ihnen wurde Rizinusöl verabreicht, um sicherzustellen, dass sie keine Diamanten verschluckt hatten. Die Deutschen bekamen dagegen kostenlos täglich 20l Trinkwasser und eine halbe Stange Eis aus der örtlichen Fabrik. Dafür mussten zuerst pro Monat 1.000 Tonnen Frischwasser aus dem 1.000 km entfernten Kapstadt importiert werden. Später gab es dann eine Meerwasser-Entsalzungsanlage, doch die Technik war so teuer, dass der Preis für Wasser und Bier gleich hoch war. Jedes Haus hatte deshalb auch einen Hahn für Meerwasser, das über eine Pipeline aus der 35 km entfernten Elisabeth-Bucht her gepumpt wurde. Die Wäsche wurde dann z.B. mit Meerwasser gewaschen und nur mit Frischwasser ausgespült.

Eine Kirche gab es in Kolmanskop nicht, dafür kam jedes zweite Wochenende der Pastor der Felsenkirche aus Lüderitz vorbei, wo sich auch der Friedhof und das Gefängnis befanden. 1957 zogen die letzten fünf Familien aus Kolmanskop weg, die benachbarte Elisabeth Bay Mine ist aber bis heute in Betrieb. Da das Klima in der Geisterstadt sehr trocken ist, gibt es zwar kaum Verwitterung, die Kombination aus heftigem Wind und harten Glimmerpartikeln „sandstrahlt“ die Gebäude jedoch regelrecht.

Eine halbe Stunde nach Ende der offiziellen Öffnungszeit um 13 Uhr verließen wir Kolmanskop und stoppten beim Avis-Büro in Lüderitz, weil unser Toyota Fortuner seit ein paar Tagen anzeigte, dass der Dieselfilter nass war und getauscht werden musste. Der Avis-Repräsentant erklärte, das Problem sei durch unsauberen Diesel oder die Fahrt über die staubigen Schotterpisten verursacht worden. Der Austausch sei eine kurze Routinearbeit, aber in der Werkstatt von Schwab Motors direkt gegenüber nicht möglich, sondern nur beim Avis-Servicepartner im knapp 1.000 km entfernten Swakopmund. Bis dorthin könnten wir jedoch problemlos weiter fahren. Er würde eine Mail schreiben, so dass dort dann der bei 20.000 km fällige Service-Check durchgeführt und uns ein Ersatzfahrzeug zur Verfügung gestellt werden würde.

Den restlichen Nachmittag nutzten wir für eine kleine Rundfahrt durch die mondlandschaftsähnlichen Swartberge auf der Lüderitz-Halbinsel. In der Radford Bay, benannt nach dem ersten weißen Siedler David Radford, sahen wir eine kleine Gruppe Flamingos und am Diaz Point besichtigten wir die Kopie des Kreuzes, die Bartolomeu Diaz in der Angra Pequeña (portugiesisch: Kleine Bucht) aufgestellt hatte. Es steht auf einem windgepeitschten Felsen über der stürmischen Brandung und die Besucher dort werden ordentlich durchgepustet. Der Holzsteg hinüber zum Felsen war den Wellen schon bis auf die beiden Endstücke zum Opfer gefallen. Vorbei an Halifax Island mit einer nicht besuchbaren Pinguin-Kolonie fuhren wir dann zur großen Bucht, wo man im 16 °C kalten Wasser des Atlantiks baden konnte, was ein Flamingo am seichten Sandstrand auch tat. Von dort kehrten wir nach Lüderitz zurück und machten noch einen kurzen, nicht wirklich lohnenden Abstecher nach Shark Island, wo sich die reicheren Stadtbewohner allerdings einige schmucke Häuser mit Meerblick gebaut hatten.

Versandetes Haus in der Geisterstadt Keetmanshoop.
Versandetes Haus in der Geisterstadt Keetmanshoop.

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