12. Tag

Wir starteten um 8.30 Uhr in einem Komfortbus mit 32 Sitzen und etwa 20 Schlafkojen nach Udaipur. Die Stadt der Seen und Paläste empfing uns unter einer Dunstglocke. In den Vororten kamen wir an zahlreichen Marmor verarbeitenden Betrieben vorbei und an einem Wohnviertel mit Hochhäusern mit 10-15 Geschossen, einige davon noch im Rohbau. Wir sahen jedoch keinen einzigen Hebekran, nicht nur auf dem Bau ist in Indien noch heute fast alles Handarbeit.

Nachdem wir mit dem Tuk Tuk zum Guesthouse auf der Brahm Puri-Halbinsel gefahren waren, setzten wir uns für einen Mittagssnack auf die schöne Terrasse des Ambrai-Restaurants. Das Essen war teuer und nur von durchschnittlicher Qualität, der Blick auf den Pichola-See und das Lake Palace-Hotel, wo Roger Moore 1983 als 007 im James Bond-Film „Octopussy“ logierte, war jedoch sehr gut. Im Tempel an der kleinen benachbarten Promenade am Seeufer saßen ein älterer Priester im weißen Gewand und zwei jüngere Männer, die nur mit roten Lendenschurzen bekleidet waren. Wir erfuhren, dass einer der beiden seinen gerade verstorbenen Vater betrauerte. Als wir abends gegen 18.30 Uhr im Dunkeln wieder dort vorbei kamen, packte der Sohn gerade seine Sachen zusammen. Er hatte den ganzen Tag aus Blüten, zu kleinen Kugeln geformten Opfergaben, Blättern, Steinen und anderen Utensilien einen kleinen Altar aufgebaut. Zwischendurch hatte er immer wieder mit der hohlen Hand Wasser aus einer großen Schale geschöpft und in eine kleine Schale im Zentrum des Altars oder auch über den Altar selbst geträufelt. Dabei hatte er einen weißen Faden wie eine Schärpe über der Brust getragen und manchmal wie durch eine Schlaufe hindurch gegriffen, manchmal aber auch daran vorbei.

Beim Stadtrundgang wurden wir vor dem Bharti Massage Center von Ansh Sharma und seinem Sohn Raju angesprochen. Die beiden baten uns einen Eintrag in ihrem Gästebuch, der auf Deutsch verfasst war, für sie zu übersetzen. Darin lobte eine Dame Ansh in den höchsten Tönen und berichtete, dass ihre Rückenschmerzen nach einer Massage ganz verschwunden wären. Insgesamt stellte ich beim Durchblättern fest, dass die meisten Reviews von Damen stammten, von denen eine zum Beispiel auch Anshs sehr gute Kenntnis des weiblichen Körpers explizit erwähnte.

Der Chef bot uns dann eine kostenlose Schnell-Analyse unserer Leiden an. Dazu nahm er meine beiden Hände und drückte mit seinen Fingern an verschiedenen Punkten kräftig zu. Seine Aussagen zu den damit angeblich verbundenen Körperteilen waren erstaunlich zutreffend, vom Rücken über den Magen bis zum Hals mit leichter Erkältung. Vielleicht war es einfach das Ergebnis einer guten Beobachtungsgabe und jahrelanger Erfahrung, vielleicht hatte es auch wirklich etwas mit den Druckpunkten zu tun? Vielleicht wusste er auch längst ganz genau, was in seinem Gästebuch stand und die Frage nach der Übersetzung war seine besondere Form der Kundenwerbung? Jedenfalls machte Ansh einen seriösen Eindruck und erzählte uns, dass er auch jedes Jahr nach Köln fliege, um dort für einige Zeit Massagen anzubieten. Mit 1.000 INR also etwa 13 Euro für 15 Minuten waren diese für indische Verhältnisse allerdings sehr teuer. Obwohl sein Gästebuch nahe legte, dass er sein Geld wert ist, gingen wir weiter.

Am späteren Nachmittag kam ich noch am Geschäft von Devendra vorbei, der wie sein Vater und sein Großvater Maler ist. Gerade arbeitete er an der Kopie eines großen Bildes mit dem Titel „Maharana Sangram Sigh attending the Khejari Puja at Dassehra“ von 1720. Als Vorlage diente der Ausstellungskatalog des örtlichen City Palace Museums, wo das Original hängt. Er hatte mit dem Auftrag im Mai begonnen und würde noch 3-4 weitere Monate brauchen. Devendra malt nur mit Naturfarben, die er selbst anmischt, zum Beispiel aus gemahlenen Mineralien und Pflanzen, die auch in der ayurvedischen Medizin Verwendung finden. Einige der Texturen seien zudem aus Blattgold, das noch aufgetragen werden müsse.

Am Abend speisten wir dann in einem hübschen Restaurant mit kleinen Gästenischen direkt über dem See, die mit bequemen Liegen und niedrigen Tischen ausgestattet waren.

Im Picholasee liegt das teure Lake Palace Hotel bzw. Jag Niwas, in dem Roger Moore als 007 im Film „Octopussy“ logierte.

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