16. Tag

Schon um 6 Uhr, kurz nach Sonnenaufgang, standen wir an der Promenade und sahen, dass es ein schöner Tag werden würde. Nach einem ungewohnt üppigen Frühstück im Hotel einigten wir uns daher anschließend mit Tino darauf, dass er mit uns für 475 Quetzales mit seinem Lancha eine Rundtour zu drei Dörfern machen würde. Zuerst fuhren wir quer über den See zum größten Tzutuhildorf Santiago Atitlán. Die indigenen Tzutuhil leben am gesamten Südufer. Am Nordufer sind dagegen die Cakchiqueles ansässig, die sich einst mit den Spaniern verbündet hatten. Beide Volkgruppen gehören zur den Maya, bleiben aber in der Regel auf ihrer Seeseite unter sich.

Die Prozession am Vortag mit dem „Maximón“ von Santiago Atitlán, einem auch San Simón genannten Volksheiligen, der im Hochland verehrt wird und den eine seltsame Zigarre rauchende Figur mit Hut und Sonnenbrille repräsentiert, hatten wir verpasst. Aber wir konnten durch einen bunten Markt hinauf zur großen Kolonialkirche von 1566 schlendern, die an die Ortsgründung durch die Franziskaner erinnert. In der Kirche stehen in farbenprächtige Trachten gehüllte Heiligenfiguren und eine Tafel, die an den während der Militärdiktatur 1981 ermordeten US-Pater Stanley Francisco Rother erinnert.

Auf der Plaza in der Nähe der Kirche saß eine alte Frau. Sie trug zwar nicht die typische Tracht des Ortes, einen weißen Huipil mit filigranen roten Mustern, der eine Mischung aus gewebter Bluse und Tunica ist, aber immerhin den traditionellen Haarschmuck Tocoyales. Dieser besteht aus einem meterlangen roten Webtuch, das um den Kopf gewickelt wird und dann an einen Heiligenschein erinnert. Ein solcher Tocoyales ist auch auf der guatemaltekischen 25 Centavo-Münze abgebildet. Auf den Stufen der Kirche erschien dann ein alter Mann, der die zum Huipil passende wadenlange Hose trug und uns neugierig musterte. Als wir ihm versichert hatten, dass wir keine Amerikaner wären, wollte er sich mit uns unterhalten. Später sahen wir noch zu, wie am Rand der Plaza ganze Berge von Avocados sortiert und verladen wurden. Ein Arbeiter erzählte dabei, dass ein voller Sack mit gut 100 Stück 50 Quetzales (= 5 Euro) kosten würde.

Mit dem Boot ging es dann weiter nach San Pedro La Laguna am Westufer. Der Ort hat sich zum Backpackertreff entwickelt, seit Panajachel vielen Globetrottern zu kommerziell geworden ist. Zudem gilt er als Partylocation und ist wegen der dort angebotenen leichten Drogen auch als „Little Amsterdam“ bekannt. Beim Rundgang durch das nette Dörfchen mit seinen verwinkelten Gassen bot uns jedoch niemand etwas an, dagegen war die Polizei überall sehr präsent. Die dritte und letzte Station war anschließend San Juan La Laguna ganz in der Nähe. Die vielen dort ansässigen Kooperativen halten ihr Dorf sehr sauber und zeigen den Besuchern gerne ihre Handwerkskünste. Im Verkaufsgeschäft einer Weberinnen-Kooperative, der 25 Frauen angehören, demonstrierte man uns sogleich, wie Baumwolle zuerst in eine Richtung gekämmt und gestreckt, dann verdreht und zu Garn gesponnen sowie mit Naturfarben koloriert wird. Beispielsweise mit Karmin aus getrockneten Cochenille-Schildläusen rot-violett, mit Holzkohle grau, mit Karotten orange oder mit Roter Beete pink. Auch einen Webrahmen konnte wir in Aktion sehen, auf dem gerade ein bunter Schal zum Verkaufspreis von 100 Quetzales entstand.

Ein paar Gassen weiter zeigt man uns in einer Schokoladenmanufaktur die Kakao-Verarbeitung. Zuerst röstete eine Mitarbeiterin die Kakaobohnen dazu zehn Minuten in einer flachen Pfanne über dem offenen Feuer. Anschließend schälte sie die Bohnen mit der Hand und verarbeitete sie auf einem Reibstein zu Kakaomasse. Die fertige Schokolade enthält letztendlich 70% Kakao, 20% Glukose und 10% Orangensaft, wahlweise verfeinert mit Kaffeebohnen oder Macadamia-Nüssen. Durch die handwerkliche Herstellung hat sie nicht den zarten Schmelz einer industriell produzierten, zwischen 12 Stunden und drei Tagen conchierten Schokolade, sondern erzeugt ein leicht raues Gefühl auf der Zunge.

Gegen 15.30 Uhr fuhren wir schon zurück nach Panajachel. Die Lanchas Públicos verkehren zwar täglich bis 17 Uhr, doch Tino wollte den nachmittäglichen Xocomil vermeiden. Einen gefährlichen Wind aus allen Richtungen, der auf dem See recht hohe Wellen erzeugen kann und jedes Jahr Todesopfer fordert. Die Indigenas essen dann tagelang keine Fische und Krebse, denn sie glauben, dass sich diese von den Ertrunkenen ernähren. Unsere Überfahrt verlief aber recht ruhig und so saßen wir noch bis zum Sonnenuntergang um 17.36 Uhr gemütlich auf der Terrasse eines Restaurants mit Seeblick und waren die einzigen Gäste. Am Himmel standen schon einige kleine Papierdrachen, die teilweise eine erstaunliche Höhe erreicht hatten. Ein erster Vorgeschmack auf das große Drachenfestival am 1. November.

In der Markthalle von San Pedro La Laguna am Westufer des Atitlán-Sees gibt es für jeden etwas.

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