16. Tag

Heute war Samir unser Tuk Tuk-Fahrer. Der 20-jährige studierte auf Lehramt und verdiente sich als Fahrer etwas dazu. Als Extraservice hatte er über sein Smartphone WLAN an Bord und bat uns um eine Bewertung auf seinem Eintrag bei Tripadvisor. Dann würde die Fahrt zum „Palast der Winde“ auch nur 50 statt 100 INR kosten. Das fünfstöckige „Hawa Mahal“ ist das bekannteste Bauwerk von Jaipur, es steht aber recht schmucklos an einer belebten vierspurigen Hauptstraße. Von der Fassade mit 953 Fenstern konnten die Frauen und Freundinnen des Maharadjas früher ungesehen die prunkvollen Umzüge beobachten, für die die „Rosarote Stadt“ bis heute bekannt ist. Die Inhaber der Geschäfte direkt gegenüber verlangen kein Geld mehr dafür, dass man vom ersten oder zweiten Stock ihrer Häuser einen schöneren Blick auf die Sehenswürdigkeit bekommt, sondern laden zu kostenlosen Fotos ein. Dann versuchen sie aber nach wie vor die Touristen zum Kauf ihrer völlig überteuerten Souvenirs zu überreden. Ein kleiner Ganesha aus Holz sollte zum Beispiel 1.875 INR kosten, während die Hindugottheit mit dem Elefantenkopf anderswo in derselben Größe für etwa 200 INR zu haben gewesen wäre.

Auf dem Weg zum benachbarten Stadtpalast kamen wir an einem Platz vorbei, an dem ein Dutzend Händler kleine Stände mit verschiedenen Vogelfutter-Sorten aufgebaut hatten. Die zahlreichen Kunden erhielten ihre Portion dann frisch angemischt auf einem großen Blechteller, den sie nur ein paar Schritte dahinter in wenigen Sekunden auf den schon mit einer dicken Körnerschicht bedeckten Boden schütteten. Ein Händler erzählte uns, das Füttern der Tauben sei gut für das Karma, daher kämen einige Leute jeden Tag zu ihm.

Am Stadtpalast nahmen wir uns dann wieder einen Guide. Zuerst besuchten wir den Hof mit der Audienzhalle. Von dort hatte man einen guten Blick auf das Hauptgebäude „Chandra Mahal“, in dem der örtliche Maharadja bis heute residiert. Die doppelte fünffarbige Fahne auf dem Dach zeigte an, dass seine Hoheit, die eigentlich in England studiert, derzeit auch zu Hause war. Auf den exklusiven Besuch einiger seiner Prunkgemächer für 2.500 INR zusätzlich verzichteten wir aber trotzdem. Stattdessen bestaunten wir in der Diwan-i-Am, der Audienzhalle, die beiden größten Silbergefäße der Welt, in denen Maharadja Madho Singh II, der sehr gläubig gewesen war, 1902 Gangeswasser mit nach Europa genommen hatte, als er zur Krönung des englischen Königs Edward VII eingeladen war. Die beiden riesigen Gangajali stehen im Guinnessbuch der Rekorde. Sie wiegen leer je 345 kg und fassen je 900 britische Galonen oder 4.091 Liter. Ihre Herstellung aus über 14.000 Jhar Shadi, Silbermünzen aus dem Staatsschatz, die 1894 eingeschmolzen wurden, dauerte zwei Jahre. Madho Singh II trank aber auch zu Hause nur abgekochtes Wasser aus dem heiligen Fluss, das alle zwei Wochen von seinem Privatzug aus über 500 km Entfernung angeliefert wurde.

Beim Rundgang durchquerten wir dann das prächtige Rajendra Pol, das zwei große Marmorelefanten flankieren, die an die Geburt des Sohnes von Mahardja Man Singh II erinnern. Anschließend bewunderten wir die kunstvollen Tore des Pfauenhofs „Pritam Niwas Chowk“, die die vier Jahreszeiten symbolisieren, bevor man uns in der Art Gallery erklärte, woran man einen echten Pashmina-Schal erkennen kann. Pashmina ist dabei eine reine Handelsbezeichnung für bis zu 70 cm breite, traditionell gewebte Tücher aus verschiedenen Materialien, klassischerweise Kashmir-Wolle und Seide. Denn das persische Wort „pašm“ bedeutet „Wolle“ oder „aus Wolle gefertigter Schal“. Die feine und teure Wolle stammt jedoch von der Kashmir-Ziege (Capra Hircus Laniger), genauer gesagt ist es der Unterflaum an der Kehle, der pro Tier pro Schur nur 150 g Wolle bringt.

Der erste Echtheitstest besteht darin, das leichte Tuch durch einen Fingerring zu ziehen. Das ist inzwischen aber auch mit chemisch behandelten Imitaten aus China möglich. Als ergänzenden Test kann man deshalb eine Faser anzünden. Riecht sie wie menschliches Haar, so ist es echte Kashmir-Wolle.

Um 12.30 Uhr holten wir dann mit einem Tuk Tuk unser Gepäck im Hotel ab und erreichten um 13.25 Uhr den Bahnhof, wo der Zug pünktlich um 14 Uhr abfuhr. Unser Wagen war total ausgebucht und aus dem Fenster sahen wir am Stadtrand hinter dem bunt eingefärbten Bahndamm einige Färbereien, die auf hohen Gestellen meterlange Stoffbahnen aufgehängt hatten und bereits rot oder blau gefärbte Stücke auf dem Boden ausgebreitet in der Sonne trockneten. Vom für seine Stoffe berühmten Jaipur hatten wir dann nach zwei Stunden Fahrtzeit mit nur einem Zwischenstopp das knapp 170 km entfernte Sawai Madhopur erreicht, wo wir am Bahnhof abgeholt wurden. Vom Rooftop-Restaurant des Hotels sahen wir am Abend noch das Feuerwerk einer indischen Hochzeit, die mit lauter Musik und hunderten von Gästen in der Nachbarschaft gefeiert wurde.

Der Hawa Mahal oder der „Palast der Winde“ ist das bekannteste Bauwerk von Jaipur. Es steht ganz in der Nähe des Palastes.

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