12. Tag

Um 4 Uhr klingelte wieder der Wecker und um 5 Uhr stand unser Gypsy als zweiter in der Schlange. Als sich um 5.30 Uhr die Schranke öffnete, fuhren wir in die Kernzone Mukki. Wir steuerten zuerst die „Kanha Meadows“ an, eine große Grasfläche, die auf den ehemaligen Äckern der Dörfer entstanden war, die es früher dort gegeben hatte. Unser Fahrer Digambar entdeckte noch vor unserem Guide den Tiger „Chhota Munna“ (T29), der am Ende der Wiese vor dem Waldrand lag. Mit 700 mm Brennweite war es aber möglich ihn in seinem natürlichen Habitat festzuhalten. Nachdem wir die Raubkatze einige Zeit betrachtet hatten, fuhren wir weiter in ein Waldstück, in dem eine Tigerin ihr Revier hat und postierten uns strategisch günstig an einer Piste, um auf sie zu warten. Sie erschien zwar nicht, doch dafür konnten wir einen Malabarhornvogel (Malabar Pied Hornbill) beobachten, der über uns eine gute Viertelstunde lang durch die Baumkronen hüpfte und Früchte naschte.

Als wir zur Wiese zurückkehrten, war „Chhota Munna“ weg. Er lag aber nur ein Stück weiter im Wald und wir konnten ihn durch die Stämme hindurch gut sehen. Das Frühstück wurde dann auf einem nahegelegenen Picknickplatz serviert, wo die Motorhaube erst mit einer Tischdecke verschönert und anschließend mit vielen Leckereien gedeckt wurde. Während wir speisten, inspizierten zwei Orangespechte (Black rumped flameback) die umliegenden Bäume.

Als wir zum Resort zurückkamen, saß Navneet am Durchgang zum Empfang und fotografierte Vögel an der Tränke. Zwischen 12 und 14 Uhr sei die beste Zeit dazu. Besonders stolz war er auf einen sehr seltenen Schwarzgenickschnäpper (Black-naped Monarch), der in seinem Garten lebte und gerade an der Tränke von einem Ast zum anderen flog. Navneet ließ mir sofort einen Stuhl bringen, damit ich die ornithologische Rarität ebenfalls fotografieren konnte, was ich auch gleich tat. Zudem entdeckte ich noch eine Eidechse (Garden Lizard), die sehr dekorativ auf einem Stamm saß.

Zur nachmittäglichen Jungle Safari in Mukki erschien ich dann versehentlich eine Viertelstunde zu spät, was mir gleich einen Rüffel von Guide Dinesh einbrachte, der schon ungeduldig am Tor auf uns wartete. Von dort fuhren wir in Windeseile wieder in die Kernzone Mukki, wo wir schon bald wieder auf „Chhota Munna“ trafen, der gerade das tat, was Tiger im Sommer am liebsten machen: Bis zum Kopf im Wasser liegen und entspannen. Da das Wasserloch recht weit von der Piste entfernt war und uns der Herr auch nur seinen Rücken zudrehte, war die Szenerie allerdings mehr zum Gucken und nicht zum Fotografieren. Wir fuhren deshalb bald weiter, um Tigerin „Dhawajhandi“ (T27) zu suchen.

Auf einer Wiese entdeckte Dinesh dann in der Ferne ein zotteliges, schwarzes Wesen, das er gleich als Lippenbär (Sloth Bear) identifizierte. Er fragte: Tiger oder Bär? Wir entschieden uns sofort für den Bären und hatten Glück. Eigentlich sind Lippenbären nachtaktiv und nur im Sommer gelegentlich zu sehen. Im Winter tauchen sie dagegen fast nie auf, obwohl sie keine Winterruhe halten. Unser Exemplar zog aber ganz unbeirrt seines Weges, so dass wir den Bären auf der Piste in einem weiten Bogen umrunden konnten und er dann geradewegs auf uns zukam.

Schließlich erreichte er nur 5 m vor uns die Piste und schubberte sich zu unserer Begeisterung auch noch kurz hoch aufgereckt an einem Baum, bevor er im Gebüsch verschwand. Dass er die ganze Zeit über nicht die geringste Notiz von uns genommen hatte, lag wahrscheinlich an seinem sehr schlechten Seh- und Hörvermögen. Näher kommende Menschen bemerken die Tiere so oft erst im letzten Moment, reagieren erschrocken und können dabei mit ihren langen scharfen Krallen, die an ein Faultier (engl. Sloth) erinnern, im ungünstigsten Fall zum Angriff übergehen.

Da unser Glück noch nicht aufgebraucht war, zeigte sich „Dhawajhandi“ schließlich auch noch und tat das, was Tiger am liebsten tun. Als wir ankamen, erhob sie sich aber gerade aus dem Wasser und verschwand im Gebüsch. Kurz darauf hörten wir dumpfes Tigergebrüll. Es seien zwei Tiere dort, meinte Dinesh. Schließlich kam T27 zurück und spazierte im schönsten Abendlicht die Böschung zum Wasser hinunter. Wenig später tauchte weiter oben ihre 27 Monate alte Tochter auf. Unsere spannenden Beobachtungen der beiden Damen aus nur etwa 20 Metern Entfernung endeten leider abrupt als der Guide auf die Uhr zeigte: 18.30 Uhr. Zeit zurück zum Tor zu fahren, was auch mit hohem Tempo geschah. Dort angekommen ermahnte er mich dann am nächsten Morgen pünktlich zu sein, zeigte vorwurfsvoll auf seine Uhr und lachte dabei. Wäre ich nicht zu spät gekommen, hätten wir jedoch den Lippenbären verpasst, dachte ich, sagte aber nichts.

Dieser sehr seltene Schwarzgenickschnäpper (Black-naped Monarch) lebt im Garten des Kanha Village Eco Resorts.

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