1. Tag

Pünktlich um 7 Uhr saßen wir beim Frühstück, sahen uns danach aber aufgrund heftigen Dauerregens bis kurz vor 11 Uhr im Fernsehen eine Diskussion über die bevorstehende Präsidentenwahl an. Über das erste TV-Duell von Barack Obama und Mitt Romney hieß es, dass der republikanische Herausforderer in den vergangenen fünf Jahren viel gelernt habe und beide wohl versuchen würden, den anderen so lange zu provozieren, bis dieser wütend werde und die Beherrschung verliere. Außerdem wurde eine Psychologin zur wachsenden Vereinsamung der Amerikaner interviewt, ausgelöst durch das ständige Online sein. Sie berichtete von einem Versuch bei dem Studenten lediglich 24 Stunden auf das Internet verzichten sollten, bei dem aber 70% der Probanden vorzeitig abgebrochen hätten.

Schließlich machten wir uns dann endlich auf den Weg zum Boston Common und folgten der dort beginnenden, drei Meilen langen roten Linie des Freedom Trails. Gleich oberhalb des 1634 von Siedlern eingerichteten und damit ältesten, öffentlichen Parks der USA steht das von Charles Bulfinch entworfene neue Massachusetts State House von 1798. 1763 in Boston zur Welt gekommen, gilt Bulfinch als der erste in den USA geborene Mensch, der die Architektur zu seinem Beruf machte. Den Grundstein des Gebäudes mit einer 46 m hohen vergoldeten Kuppel legten 1795 Samuel Adams, einer der Gründerväter der Vereinigten Staaten und spätere Gouverneur von Massachusetts, und der Freiheitskämpfer Paul Revere. Ein kleines Stück daneben befindet sich die Park Street Church von 1809. Dort wurde die Hymne „America“ erstmalig gesungen und 1829 hielt dort William Lloyd Garrison seine erste Rede gegen die Sklaverei in den Südstaaten. Der streitbare Aktivist und Schriftsteller, der sich auch für die Gleichberechtigung der Frauen einsetzte, verärgerte die Leute einmal derart, dass ihn der Mob mit dem Strick um den Hals durch die Straßen trieb. Auf dem 1660 eingeweihten Granary Burying Ground direkt hinter der Kirche sind mit John Hancock, Paul Revere, James Otis, Samuel Adams und Robert Treat Paine einige der Anführer der Unabhängigkeitsbewegung begraben. Die nächste Station war Kings Chapel, die 1749 errichtete erste steinerne anglikanische Kirche in der Hochburg der Puritaner, die einen älteren Holzbau der Church of England ersetzte. Weil die Gemeinde ein Treffpunkt der Loyalisten war, flohen die meisten Mitglieder 1776 nach England oder Nova Scotia. Gleich neben der Kirche liegt der gleichnamige kleine Friedhof von 1631. Er ist der älteste von ganz Boston und die letzte Ruhestätte von John Winthrop, dem ersten Gouverneur der Kolonie.

Während der Regen langsam weniger wurde, erreichten wir dann das Old South Meeting House im Financial District. Im Versammlungsraum dieser ehemaligen Kirche, der damals der größte von Boston war, hielt Samuel Adams am 16. Dezember 1773 seine Rede gegen die neue Teesteuer, bevor er mit 5.000 wütenden Bürgern zum Hafen lief und dort die Boston Tea Party „feierte“. Nur zwei Blocks weiter steht das 1713 erbaute Old State House im Schatten einiger Bürotürme. Vom seinem Balkon wurde 1776 die Unabhängigkeitserklärung verlesen. In Sichtweite befindet sich schon die nächste Station des Freedom Trails, die Fanueil Hall, die „Wiege der Unabhängigkeit“. In dem alten Marktgebäude fanden 1764-1774 die Stadtversammlungen statt. Gegenüber steht die seit den 1970-er Jahren meistbesuchte Touristenattraktion Bostons, der 1825 wie ein griechischer Tempel erbaute Quincy Market mit einem großen Angebot der verschiedensten Speisen. Vorbei an einigen irischen Pubs gelangten wir dann durch einen kleinen Grünstreifen ins North End. Dort wurde in der Green Street Rose Kennedy geboren, die Mutter von John F. Kennedy und seinen Brüdern Robert und Edward. Seit den 1970-er Jahren ist das Viertel fest in italienischer Hand. Von 1630 bis zur Unabhängigkeit war es Bostons Wohnviertel, davon zeugt noch heute das Paul Revere House von 1680. In diesem ältesten Gebäude von Downtown lebte der Rebellenführer und Silberschmied von 1770 bis 1800 mit seiner Familie. Am 18. April 1775 warnte Revere zusammen mit zwei anderen Boten durch einen nächtlichen Ritt die anderen Rebellenführer in Lexington vor den anrückenden britischen Truppen. Wir gingen dann weiter zur Old North Church von 1723, der ältesten Kirche der Stadt, die bis heute in Benutzung ist. Davor steht ein Denkmal von Revere auf einem Pferd, der vor seinem Ritt im 58 m hohen Kirchturm für eine Minute zwei Laternen aufhängen ließ. Dieses vereinbarte Zeichen signalisierte den Rebellen in Charlestown am anderen Ufer, dass die Briten mit Booten über den Charles River kommen würden. Vorbei am Copp’s Hill Burying Ground, der soviele Gebeine enthält, dass er deutlich höher liegt als der Bürgersteig, gingen wir dann über eine Brücke hinüber nach Charlestown zum Bunker Hill Monument. Der 67 m hohe Obelisk lässt sich über 294 Stufen erklimmen und erinnert an die Schlacht vom 17. Juni 1775. In diesem ersten großen Gefecht der Revolution konnte die britische Armee den von den schlecht bewaffneten Kolonisten gehaltenen Hügel erst im dritten Anlauf einnehmen. Dabei kamen 500 Kolonisten aber 1.000 Rotröcke um und das lädierte den Ruf der als unbesiegbar geltenden, gut gedrillten königlichen Soldaten schwer. 22 Jahre nach dem Kampf baute der junge amerikanische Staat die USS Constitution. Die schnelle Fregatte aus hartem Eichenholz lief 1797 mit 54 Kanonen bewaffnet als modernstes Kriegsschiff seiner Zeit im Charleston Navy Yard vom Stapel. Sie ging aus 42 Seegefechten als Sieger hervor und ist heute das älteste, noch schwimmende Marineschiff der Welt. Die USS Constitution ist kostenlos zu besichtigen, weil sie aber auf dem Gelände der US Navy vor Anker liegt, gelten Sicherheitsbestimmungen wie auf einer Marinebasis, mit Passkontrolle und Sicherheitsschleuse. Dabei fiel den wachhabenden Soldaten auf, dass wir ein kleines Klappmesser dabei hatten. Wir hatten dann die Wahl gleich zum Ausgang zu gehen, oder das Messer unwiederbringlich konfiszieren zu lassen, weil es illegal sei. Wir entschieden uns für die Erkundung des Schiffs und fuhren dann bei blauem Himmel mit der Hafenfähre zurück nach Downtown und gingen am Boston Common vorbei zurück zum Hostel. Abends besuchte ich dann zum Fotografieren noch die Christian Science Plaza mit dem 220 m langen Reflecting Pool.

Das Old State House als Station des Freedom Trails in Boston.
Das Old State House als Station des Freedom Trails in Boston.

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