13. Tag

In der Innenstadt machte uns laute Musik neugierig und zog uns zum Jagdish-Tempel, einem Vishnu-Heiligtum aus dem 17. Jahrhundert. Im Vorhof hatten sich einige Bedürftige auf einer großen Matte versammelt und wurden dort verköstigt. Um den Tempel herum saßen weitere Bettler und hatten vor sich auf einem Tuch einige Münzen und einen mehr oder weniger großen Haufen Weizenkörner liegen, die die Gläubigen an sie verteilten. Die Körner wurden dann später in der Tempelküche vermahlen und zu Fladenbroten verarbeitet. Der Tempel selbst war mit sehr detailliert gestalteten Figurenfriesen verziert und in seinem Inneren saßen die Leute dicht gedrängt auf dem Boden und sangen laut. Im Wechsel warfen sie Blüten ins Allerheiligste und die Priester warfen Weizenkörner in die Menge.

Vom Tempel aus gingen wir weiter zum nahen City Palace. Einer der Händler davor hatte auch Briefmarken im Sortiment. Auf meine Frage nach dem nächsten Postamt deutete er hinter sich auf die Galerie, wo sich auch der Schalter für die Eintrittskarten zum Palast befand. Ich gab ihm also meine vier Postkarten und er sagte die Briefmarken würden 120 INR kosten. Dann begann er 20 INR Marken auf die Karten zu kleben. Als ich fragte, ob er noch jeweils eine 10 INR Marke hinzufügen würde, meinte er trocken „No, that’s my profit. Ok?“ Es war wohl eine rein rhetorische Frage, daher nahm ich meine Karten und gab sie in der 50 m entfernten Poststelle ab. Nach gut zwei Wochen kamen sie dann in Deutschland an.

Der Zugang zum Palast erfolgte über das Hathi Pol, das Elefantentor, und das Tripolia-Tor mit drei großen Bögen und zwei Kanonen davor. Der Gebäudekomplex dahinter ist über die Jahrhunderte immer wieder erweitert worden. Eine besondere Sehenswürdigkeit im palasteigenen Museum ist seit 2013 die Brille, die Ben Kingsley 1982 im Hollywood-Film „Ghandi“ trug. Sie war dem Museumsleiter bei einer Charity-Gala in London zu Ehren des Ghandi-Regisseurs Lord Richard Attenborough übergeben worden, als Dank für die Unterstützung des Maharadjas von Udaipur bei den Dreharbeiten.

In einer separaten Ausstellung gab es auch Silbergegenstände aller Art zu sehen, vom Löffel über Waffen und Rüstungen bis hin zur kompletten Kutsche. Da es in Indien kaum Silbervorkommen gibt, gilt das Edelmetall dort als besonders wertvoll und wird im Land seit 2.000 Jahren gehandelt. Zudem ist Silber nach traditionellem Hindu-Glauben heilig, denn das schöne weiße Metall gilt als Symbol des Mondes. Daher umgab sich der Adel gern mit Silber, nicht zuletzt, weil es im Gegensatz zu Gold recht formstabil und daher sehr vielseitig einsetzbar ist, wie auch die Ausstellung zeigte.

Nach einer langen Mittagspause im Rooftop-Restaurant eines Haveli-Hotels kamen wir an einem Laden vorbei, wo uns ein Junge hereinbat, um sein Englisch ein wenig zu trainieren. Er erzählte, seine Großmutter habe gerade eine Ausstellung mit ihren Stickereien in Paris im Louvre gehabt und sein Bruder sei nach Deutschland eingeladen. Dann präsentierte er uns Tücher aus feinster Kaschmir-Wolle, die man an Hermes und andere Edel-Designer liefere. Passend dazu zeigte er uns eine britische Zeitschrift mit einer ganzseitigen Hermes-Anzeige, auf der ein Tuch mit buntem Blumendesign abgebildet war, das er anschließend auch auf den Tisch legte. In Europa werde das Stück für über 1.000 Euro verkauft, uns könne er es aber für 85 Euro überlassen. Die Story kam uns bekannt vor und wir gingen weiter, um mit einem kleinen Boot eine 45-minütige „Sunset Cruise“ über den See zu machen, vorbei am Palast, einer Insel des Maharadjas und dem Lake Palace Hotel.

Der prunkvolle City Palace von Udaipur war früher der größte Palastkomplex in ganz Rajasthan.

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