17. Tag

Um 6 Uhr saßen wir in der kleinen Hotellobby und um kurz vor 7 Uhr wurden wir endlich von unserem „Gypsy“ zur Pirschfahrt im Ranthambore Nationalpark abgeholt. In dem kleinen Jeep mit zwei Sitzbänken für sechs Gäste saßen schon drei junge Inder. Einer von ihnen hatte eine Canon EOS 5D Mark III mit einem alten 500-er Teleobjektiv auf seinem Schoß. Wir preschten dann über holprige Straßen zur Einfahrt in die Zone 6. Im Nationalpark ging die Raserei auf staubigen Pisten gleich weiter. Im Sand waren frische Tigerspuren zu sehen und sowohl der Guide als auch der Fahrer waren total auf die Raubkatzen fixiert. Sie fuhren so schnell wie möglich alle denkbaren Beobachtungspunkte an, um das Tier zu finden. An allen anderen Parkbewohnern fuhren sie dabei achtlos vorbei. Dennoch war die Suche letztendlich nicht von Erfolg gekrönt.

Unterwegs wurde die eher karge Hügellandschaft von einem weiten, flach abfallenden Hang mit trockenem Gras abgelöst, so dass die Gegend an eine afrikanische Steppe erinnerte. Unten angekommen, fuhren wir durch einen dschungelähnlichen Wald, wobei die Piste einem trocken gefallenen Fluss folgte. Nach einem Stopp an einem Rastplatz mit Toiletten und einer Wasserstelle, an der sich ein Trupp Hanuman-Languren, ein paar Axis-Hirsche mit ihrem typischen weiß geflecktem Fell und ein Mungo aufhielten, begann die Rückfahrt.

Gegen 10 Uhr waren wir wieder im Hotel, wo wir erst mal frühstückten. Ich besuchte anschließend noch die kleine WWF-Station in der Nachbarschaft und erfuhr dort, dass derzeit 22 Jungtiere und insgesamt 65 Tiger in dem 1.300 km2 großen Park leben, davon 35 in den zehn besuchbaren Zonen, die nur etwa 20 Prozent der Parkfläche umfassen. Die Tiger von Ranthambore hätten sich dabei durch ein dünneres Fell besonders an das heiße und trockene Klima Rajasthans angepasst. Die beste Jahreszeit, um sie zu beobachten, sei der Mai, weil sie sich dann aufgrund der großen Hitze bevorzugt am und im Wasser aufhalten.

Insgesamt wachse die Tiger-Population und Wilderei gebe es aktuell nicht. So arbeite man derzeit schwerpunktmäßig daran den Park durch Korridore mit drei anderen Waldgebieten zu verbinden, denn die männlichen Tiger seien immer auf der Suche nach neuen Revieren. Daher drohten Konflikte mit den Bewohnern der umliegenden Dörfer. Die Leute dort würden deshalb darüber informiert, warum die Tiger wichtig für den Tourismus sind, und wie sie sich bei einer Begegnung mit ihnen verhalten sollen. Auch wenn es für ausländische Besucher nicht auf den ersten Blick ersichtlich wäre, hätte Indien eine reiche Natur, mit der zweitgrößten Biodiversität nach dem Amazonasgebiet. Wobei es im Süden des Subkontinents deutlich mehr und größere Schutzgebiete gebe als im Norden.

Am Nachmittag fuhren wir mit Gudi, einem erfahrenen Guide, der seit 30 Jahren im Park unterwegs ist, zum Fort Ranthambore, das im Bereich der Zonen 1-5 liegt und über eine Straße für alle Besucher jederzeit ohne gebuchte Tour zugänglich ist. Die zahlreichen, fast immer mit Indern total vollgestopften Autos, die dorthin unterwegs waren, waren schon von weitem nicht zu überhören und sie fuhren an allen Tieren einfach vorbei. Gudi fuhr dagegen ganz langsam und hielt vorausschauend an vielen guten Stellen an. Damit machte er seine Sache um ein Vielfaches besser als das Duo auf der morgendlichen Pirschfahrt.

Zudem konnte Gudi den kompletten Stammbaum aller Tiger im Park durchdeklinieren. In der Gegend rund um den See am alten Fort sei das Revier der berühmten Machli gewesen, berichtete er. Über sie hatte es auch in Deutschland eine TV-Doku gegeben, sie war aber 2016 mit 19 Jahren als am längsten überlebende Tigerin des Parks gestorben. Durchschnittlich würden Tiger 15-20 Jahre alt und am See lebe jetzt die Tigerin „Arrowhead“ oder T-84, Machlis Enkelin. Arrowsheads Mutter T19 wurde 2008 von Machli geboren und lebt bis heute auch im Park. Von ihren beiden Schwestern, wurde eine in den Sariska-Nationalpark gebracht und die dritte gilt als vermisst.

Gudi erzählte dann, er habe auch schon gesehen, wie ein Tiger über die Begrenzungsmauer auf die Straße nach Sawai Madhopur gesprungen sei und dort eine Kuh angegriffen habe. Das hätte einen Riesenstau ausgelöst, bis der Tiger schließlich wieder mit einem Satz über die Mauer verschwunden sei.

Die geübten Augen unseres alten Führers entdeckten unterwegs ohne Brille zwei Sumpfkrokodile, eine kleine Wasserschlange, die nur mit dem Kopf unter einem Stein hervorlugte, viele Vögel sowie einige Exemplare der kleineren Axis-Hirsche und auch ein paar große Sambar-Hirsche. Zudem sahen wir viele Pfauen, die 1963 zu Indiens Nationaltieren erklärt wurden. Die Männchen hatten zu dieser Jahreszeit jedoch keine imposanten Schwanzfedern, denn ihr Prachtgefieder tragen sie nur zur Regenzeit.

Am Fort, das in eindrucksvoller Lage auf einem Hügelkamm liegt und zum UNESCO-Weltkulturerbe zählt, gab es zudem Hunderte von Hanuman-Languren, die so an die Besucher gewöhnt waren, dass man sie sogar vorsichtig anstupsen konnte, was ihnen aber nicht sonderlich gefiel. An einem Futterplatz versammelten sich auch zahlreiche Halsbandsittiche und andere bunte Papageien. Wir besichtigten das ausgedehnte Gelände des Forts aber nur kurz, um auf der Rückfahrt noch die Chance auf einen Tiger im Abendlicht zu haben. Auf der Rückfahrt hielten wir daher in einer Senke an einem fast trockenen Fluss an, weil dort oft Tiere auf dem Weg zu einer Wasserstelle vorbeikommen und Gudi an dieser Stelle auch schon gelegentlich eine Raubkatze beobachtet hatte.

Als dann ein Jeep aus der benachbarten Zone 1 vorbei kam, saß ein Freund von Gudi am Steuer und berichtete sie hätten heute keinen Tiger entdecken können. Also lohnte es sich auch für uns nicht weiter zu warten und wir fuhren zurück zum Hotel, wo unser „Gamedrive“ nach drei Stunden in der Dämmerung endete.

Hanuman-Languren sind im Ranthambore-Nationalpark am alten Fort besonders häufig anzutreffen.

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