18. Tag

Wir starteten um 6.45 Uhr in Zone 5 des Nationalparks. Dazu folgten wir zunächst der Straße in Richtung Fort. Die beiden Sumpfkrokodile waren nicht zu sehen, Gudi hatte uns aber auch erklärt, dass sie zwar gerne in der Sonne liegen, um auf „Betriebstemperatur“ zu kommen, sich aber insbesondere nachts im Wasser sicherer fühlen. Stattdessen sahen wir für einige Sekunden einen Leoparden, der eine kleine Senke direkt neben der Straße durchquerte.

Dass es heute leicht regnete hatte den Vorteil, dass es im Gegensatz zum Vortag auf den Pisten im Park nicht staubte. Zudem lag durch die Feuchtigkeit ein angenehm würziger Geruch nach Wald und Wildnis in der Luft. Wir fuhren zuerst einen steilen Hang hinauf und dann ein Stück durch ein sehr breites Tal mit fast senkrechten Felswänden zu beiden Seiten. Es folgte ein Wald mit einigen mehrstämmigen und Jahrhunderte alten Banyan-Bäumen. Die epiphytisch wachsenden Banyan-Feigen erdrücken ihren Wirtsbaum im Laufe der Zeit und bilden dann selbst imposante baumähnliche Gewächse. Im lichten Unterholz sahen wir Hunderte von Axis-Hirschen mit vielen Kitzen, einige größere Sambar-Hirsche und zwei noch imposantere Nilgau-Antilopen. Eine Sambar-Kuh hatte erst in der vergangenen Nacht ihr Kitz geboren, das noch ganz wackelig auf den Beinen stand, uns aber schon neugierig und ausgiebig musterte. Die bunte Vogelwelt repräsentierten unter anderem weitere Pfauen mit Küken, zwei Spechte und ein Eisvogel.

Unser Guide erfuhr dann von einem anderen Gypsy, der uns entgegen kam, dass der Guide des Wagens die Tigerin „Sunehari“ mit ihren beiden Jungtieren, deren Revier sich über Zone 5 erstreckte, vor einer halben Stunde direkt an der Piste in der Nähe der Nilgau-Antilopen aufgespürt hatte. Wir fuhren dort dann langsam die ganze Gegend ab, aber die Raubkatze war natürlich längst verschwunden.

Nach der Rückkehr zum Hotel brachte uns Gudi zum Bahnhof. Den ursprünglich gebuchten Zug um 7.05 Uhr hatten wir ausfallen lassen und kauften daher neue Tickets für 85 INR pro Person. Auf dem Bahnsteig gab es dann eine Durchsage in Hindi und Englisch, dass unser Zug eine gute Stunde Verspätung habe und erst um 13.30 Uhr am Bahnsteig direkt gegenüber eintreffen würde, mit einem abschließenden „Sorry for any inconvenience“. Das Ganze erinnerte mich an die gute alte Deutsche Bahn. Diese ließ ihre durchfahrenden Züge jedoch nicht wie die Indian Railway mit lautem Dauerhupen durch die Bahnhöfe rasen. Allerdings überquerten in Deutschland die Fahrgäste auch nicht nach Belieben die Gleise, um so den Weg zu den Bahnsteigen abzukürzen.

Der in 17 Stunden von Mumbai nach Dehli fahrende Zug war dann so voll, dass in die Wagen der zweiten Klasse gar keine Leute mehr einsteigen konnten und sich schon Schlangen vor den Türen bildeten. Wir bestiegen daher einen der Schlafwagen, wo die Fahrgäste auch bereits im Gang standen, und eroberten uns zunächst nur ein kleines Eckchen direkt vor den Latrinen, durch deren schräge Abflussrohre man die Gleise unter sich sehen konnte. Kurze Zeit später sprach uns dann Bhagwan an. Der 26-jährige reiste die gesamte Strecke und brauchte von Dehli aus noch drei weitere Stunden bis ins Dorf seiner Eltern, die dort Landwirtschaft betrieben. Er bot uns einen Platz auf seiner Pritsche an und erzählte, dass er für einen indischen Hersteller von automatischen Webstühlen arbeite und dass seine Eltern ihn mit 21 Jahren gedrängt hätten zu heiraten, er eine Tochter habe, aber häufig ohne seine Frau unterwegs sei. Nach der Arbeit gehe er gern ins Fitnessstudio und sei ein großer Fan eines US-Wrestlingstars, von dem er uns auch gleich einen Kampf auf YouTube zeigte.

Der erste Schaffner, der durch den Wagen lief, war der TTE oder Travel Ticket Examiner. Er warf nur einen kurzen Blick auf unser Ticket und gab es uns dann kommentarlos zurück. Dagegen diskutierte er nachdrücklich mit anderen Fahrgästen, die mit dem gleichen Ticket im Gang standen, und versuchte wohl sie zu einem Wagonwechsel am nächsten Bahnhof zu bewegen. Der nächste Schaffner, der einige Zeit später kam, war dann der CTE, der Chief Ticket Examiner. Er erklärte uns sofort in sehr gutem Englisch, dass wir gerade illegal in diesem Zug fahren würden und uns strafbar gemacht hätten. Wir zeigten ihm dann zusätzlich zu unserem Ticket für die zweite Klasse das Online-Ticket mit den Sitzplätzen für den Morgenzug, und erklärten wir hätten diesen leider verpasst und darum den nächsten, also seinen Zug nehmen müssen. Nachdem er die Fahrkarten angeschaut hatte, war er milde gestimmt und erklärte wir sollten nur für eine Person 320 INR nachzahlen, dann sei alles in Ordnung. Wir bezahlten also und bekamen eine Quittung. Normalerweise kostet ein falsches Ticket nicht nur den Aufpreis für die anderen Wagenklasse, sondern auch 250 INR Strafe.

Nach zweieinhalb Stunden Fahrt kamen wir schließlich im 240 km entfernten Bharatpur an. Dort regnete es etwas kräftiger, als wir mit dem Tuk Tuk zum kleinen Hotel mit vier Zimmern fuhren, das wir vorgebucht hatten. Am Tor begrüßte uns der Manager und sagte, dass er schon auf uns gewartet habe. Als wir nach WLAN fragten, legte er kurzerhand sein Smartphone als mobilen Hotspot auf den Tisch der Rezeption vor unserer Zimmertür. Zum Abendessen bat er uns ins hauseigene Restaurant, einen offenen Schuppen im Garten mit Bambuswänden und einem Wellblechdach, in dem zwei Tische standen. Als wir bestellt hatten, wurde ein Mitarbeiter zum Einkaufen losgeschickt und kam bald darauf mit zwei vollen Tüten und einer Lage Eier zurück. Da es im Schuppen recht kalt war und Mücken darin herumschwirrten, fragten wir nach einem anderen Raum zum Essen. Daraufhin bot der Manager an unsere Bestellung vom Zimmerservice bringen und die dafür üblichen 20 Prozent Aufschlag entfallen zu lassen. Er war wirklich sehr um seine Gäste bemüht und wir waren einverstanden.

Im Ranthambore-Nationalpark leben derzeit 65 Tiger sowie Tausende von Axis-Hirschen und anderes Wild.

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