19. Tag

Als wir aufstanden, schlief der alte „Küchenchef“ des Hotels noch auf einer Pritsche unter einem Moskitonetz im Restaurant-Schuppen. Nach dem Frühstück liefen wir ein kleines Stück an der Straße entlang zum Keoladeo-Nationalpark. Dort mieteten wir für je 25 INR pro Tag zwei klapprige, verrostete Fahrräder, mit denen man aber immerhin schneller unterwegs war als zu Fuß. Üblicherweise strampelt man jedoch nicht selbst durch den Park, sondern mietet stundenweise eine Fahrradrikscha mit „Driverguide“, wie es eine englische Senioren-Reisegruppe gemacht hatte, bestens ausgerüstet mit Spektiven und großen Teleobjektiven.

Die künstlich angelegte Wasserlandschaft des 30 km2 kleinen Parks ist die Heimat von bis zu 270 Vogelarten und erinnerte mich an das Shark Valley Visitor Center der Everglades in Florida. Es gab einen asphaltierten Weg auf einem Damm, der schnurrgerade durch das überflutete Gelände mit vielen kleinen Bauminseln führte. Im und am Wasser tummelten sich viele Vögel, von Reihern und Gänsen über Eis- und Schlangenhalsvögel bis hin zu Halsbandsittichen, einem Schlangenadler und zwei kleinen Eulen, die dicht aneinander gekauert in einem Baum verborgen den Tag verschliefen. Zudem sahen wir auch hier in der Ferne Axishirsche, einige Sambar-Hirsche und die in Indien fast allgegenwärtigen Kühe. Über mehrere Minuten konnten wir sogar beobachten, wie sich ein Kormoran dabei abmühte einen gerade gefangenen Fisch zu schlucken, der ungefähr genau so groß war wie sein Kopf und Hals. Aber schließlich hatte er ihn so gedreht, dass der Fisch mit dem Kopf voran seine Kehle hinab glitt.

Die früher als „Bharatpur Bird Sanctuary“ bekannte natürliche Niederung wurde schon 1850 zu einem geschützten Jagdrevier für Rotwild. 1901 wurde das Gebiet dann das erste Mal geflutet. So entstand eine Sumpfvegetation, die schnell auch verschiedene Zugvögel anzog. Am 12. November 1938 fand dort eine heute glücklicherweise undenkbare Jagdparty statt, organisiert vom Indischen Vizekönig (Viceroy of India) Lord Linlithgow, der allein schon 4.273 Vögel schoss. 1956 wurde Keoladeo Ghana schließlich zum Vogelschutzgebiet, in dem der Maharadja von Bharatpur aber noch bis 1965 jagen durfte. In diesem Jahr wurde dort auch der letzte Leopard geschossen. Von 1977 bis 1981 wurde noch eine Mauer um den gesamten Park gezogen, der nach Abschluss der Bauarbeiten zum Nationalpark aufgewertet wurde. 1985 erhielt er zudem den Status „World Heritage Site“.

Gegen 15 Uhr waren wir zurück im Hotel und der Manager brachte uns und unser Gepäck persönlich zur nicht weit entfernten Bushaltestelle. Dort fuhr ungefähr alle zehn Minuten ein Bus über Fatehpur Sikri nach Agra ab. Die ersten beiden waren übervoll, aber im dritten fanden auch wir noch einen Sitzplatz für 72 INR pro Person. Der Boden war bedeckt mit einer dünnen Schicht aus Erdnussschalen, die bei Indern auf Reisen gerne als „Time-Killer“ geknabbert werden. Wollte jemand aussteigen, blies der Schaffner kurz in seine schrille Trillerpfeife, woraufhin der Fahrer sofort anhielt. Nach einer Stunde Fahrtzeit erreichten wir dann im leichten Regen die 1,5 Mio-Metropole Agra und erhaschten einen ersten Blick auf das entfernt im Dunst liegende Taj Mahal am Ufer des Yamuna.

Abends streifte ich noch kurz durch die Shops, die direkt vor unserem Hotel am East Gate des Taj Mahal recht hübsche Marmorarbeiten anboten. Ein etwa 20 cm großer und etwa 1,5 kg schwerer Ganesha sollte erst 6.800 INR kosten, nach zwei Minuten bot der Verkäufer aber schon 50% Rabatt an, ohne dass ich überhaupt begonnen hätte zu handeln. Ein etwa gleich großer, kunstvoll verzierter Elefant sollte erst 3.000 INR und am Ende 2.000 INR kosten.

Der Keoladeo-Ghana-Nationalpark beherbergt bis zu 370 Vogelarten. Sein sumpfiges, 30 Quadratkilometer großes Gelände ist durch Dammwege erschlossenen.

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