20. Tag

Um kurz nach drei in der Nacht wurden wir durch lauten Donner geweckt, mit dem Gewitter ging dann auch ein Wolkenbruch nieder. Laut indischem Wetterbericht sollte am 6. Juni zudem der Monsun beginnen. Als wir nach dem Frühstück loszogen, regnete es zwar nicht mehr, aber die Luft war mit Feuchtigkeit gesättigt, wie beim einem Aufguss in der Sauna, nur nicht so heiß. Beim Verlassen des klimatisierten Zimmers beschlug meine Brille sofort.

An der Hauptstraße nahmen wir wieder den Bus nach Margao und stiegen dort in den Bus zum 43 km entfernten Palolem Beach um. Die Fahrten mit den lokalen Bussen dauerten zwar ihre Zeit, waren aber immer ein ganz eigenes Erlebnis. Meist stiegen wir dabei an einer der ersten Stationen ein, so dass wir fast immer noch einen Sitzplatz bekamen. Im Laufe der Fahrt füllte sich aber der Bus, so dass die Leute zeitweilig zusammengequetscht im Mittelgang standen, wie die Sardinen in der Dose.

Im Bus nach Palolem entdeckten wir hinter dem Fahrer eine offizielle Entfernungstabelle mit dem dazugehörigen Tarifangaben vom 11. Januar 2019. Demnach sind 10 INR das Minimum für Strecken bis 4 km. Für weitere bis zu 8 km kommen dann immer je 5 INR dazu. In unserem Fall kostete die Fahrt vom KTC Busbahnhof zum 39 km entfernten Busbahnhof in Canacona und auch zum Strand 4 km weiter 35 INR. Der mürrische Kassierer verlangte aber stur 50 INR von uns, mit der Begründung, dass der Bus eigentlich nur bis Canacona fahre. Da half es auch nichts mit dem Finger auf die Tabelle zu zeigen und auf die 35 INR, die sowohl bei Canacona als auch bei Palolem Beach standen.

Letztendlich machte der Bus dann tatsächlich 10 Minuten Pause in Canacona, fuhr anschließend jedoch mit zusätzlichen Passagieren gut gefüllt weiter und hielt direkt an der Straße zum Strand. Diese war auf einer Länge von etwa 200 m gesäumt von einfachen Hotels und Geschäften mit Souvenirs und Himalaya-Kosmetikartikeln, die deutlich preisgünstiger waren als in Deutschland. Die Straße endete an einem kleinen Parkplatz mit einem Torbogen als Zugang zum Strand.

Früher hatte Palolem Beach zusammen mit dem im Norden angrenzenden Agonda Beach als Geheimtipp gegolten. Seit er Drehort des Hollywood-Thrillers „Die Bourne Verschwörung“ mit Matt Damon und Franka Potente gewesen war, ist er jedoch ein Touristenmagnet. Auch uns gefiel der von Palmen und bunten Fischbuden gesäumte Strand in einer halbmondförmigen Bucht recht gut. Wir setzen uns daher gleich im Restaurant „Silver Star – Cocktails and Dreams“ an einen frei gewordenen Tisch in der ersten Reihe schön im Schatten und schauten dem Treiben am Strand direkt davor zu.

Eine seichte Brise vom Indischen Ozean sorgte dabei für angenehme Temperaturen, ganz ohne Klimaanlage. Auch hier waren Rettungsschwimmer im Einsatz, die mit ihrer roten Kleidung und der Rettungsboje ein wenig an „Baywatch“ erinnerten, allerdings mit einem deutlich weniger imposanten Jeep als in der US-Fernsehserie über den Strand patrouillierten. Die Rettungsschwimmer pfiffen aber sofort, wenn jemand weiter als etwa 20 m ins Wasser ging, doch die Wellen waren auch ganz schöne Brecher.

Zudem sahen wir zwei ältere Damen, die den Müll am Strand aufsammelten und in große Säcke stopften. Den Unrat an der Böschung direkt hinter dem Sand beachten sie allerdings nicht. Auf der Böschung standen auch ein paar Strandpavillons mit Terrasse und Meerblick, die man mieten konnte. Die Lage war 1A, aber alles andere ganz und gar nicht. Da die kleinen Holzhütten unbewohnt und unverschlossen waren, warfen wir einen Blick hinein. Innen nahm ein einfaches Bettgestell mit fleckiger Matratze den größten Teil des Raumes ein, an der Wand hing eine etwas ramponiert aussehende Klimaanlage und hinten war ein kleines abgeteiltes Bad.

Eigentlich hatten wir über die Küstenstraße an den verschiedenen Stränden entlang zurück nach Varca fahren wollen, vorbei am Cabo de Rama mit der Ruine eines portugiesischen Forts mit tollem Ausblick auf die Küste. Aber es gab für diese Strecke nur lückenhafte Busverbindungen. Daher nahmen wir den Bus durchs Landesinnere zurück nach Margao. Dieses Mal war die Besatzung sehr nett und gut drauf. Passend dazu wurden die Fahrgäste über einen großen Lautsprecher mit indischer Popmusik unterhalten. Über der Sonnenblende im Fahrerhaus hing zudem ein Altar mit den drei großen indischen Götter: dem Schöpfer Brahma, dem Bewahrer Vishnu und dem Zerstörer Shiva, illuminiert von bunt blinkenden Leuchtdioden.

Von Margao zurück nach Varca fuhren wir dann mit einem Bus, der auf dem Armaturenbrett eine Marienstatue im durchsichtigen Kunststoffgehäuse und eine Holzfigur des gekreuzigten Jesus hatte, geschmückt mit einer Blütengirlande, wie man sie vor den meisten Tempeln kaufen konnte. Außerdem zündete der Fahrer vor dem Start noch zwei Räucherstäbchen an, deren Duft sich schnell im vorderen Busteil verbreitete. Unterwegs zogen mehrfach kleine Gruppen von Wasserbüffeln von ihren Weiden und Wasserlöchern ganz selbstbewusst über die Straße zu ihren Stallungen. Um kurz vor 20 Uhr kamen wir in der Dunkelheit wieder bei unserem Resort an. Der zweieinhalbstündige Strandbesuch war mit den öffentlichen Bussen also zu einem kompletten Tagesausflug geworden.

In den lokalen Bussen in Goa hängen oft offizielle Preislisten aus. Das heißt aber noch lange nicht, dass diese Preise auch gelten.

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