3. Tag

Wir fuhren noch einmal nach Flåm, dieses Mal aber mit unserem Mietwagen und auch gleich weiter nach Aurland, den Ort mit der Schuhfabrik. Dort bogen wir auf den 47 km langen und kurvenreichen Bjørgavegen bzw. Lærdalsvegen ab. Die „Traumstraße über das Aurlandsfjell“ ist nur in den Sommermonaten befahrbar. Die schmale Asphaltstraße windet sich auf den ersten 5 km in 12 Serpentinen zur ersten Anhöhe hinauf, mit tollen Ausblicken auf den Aurlandsfjord sowie die Orte Aurland und Flåm, die wir am Vortag schon vom Wasser aus gesehen hatten. Oben angekommen hat man auf 650 m Höhe vom Stegasteinen eine noch spektakulärere Aussicht. Am kleinen Parkplatz ragt dort seit Juni 2006 eine mit Lärchenholz verkleidete, 4 m breite Stahlrampe 30 m über die Baumwipfel in den Abgrund hinein. Vor der nach außen geneigten Glasscheibe am Ende hat man den Eindruck direkt über dem Fjord zu stehen. Da nur eine Handvoll Besucher dort war, hätte man sich auch ganz allein auf dem Steg in Szene setzen können. Die Fotos wären dann perfekt „instagrammable“ gewesen.

Wir fuhren weiter und es folgte eine wilde Hochgebirgslandschaft. Oberhalb der Baumgrenze wuchsen auf der steinigen Ebene stellenweise nur noch Flechten und Moose. Bei frischen 6 °C hatten sich auch ein paar größere Schneefelder erhalten. Zudem gab es dort ein paar schmale Bäche mit sumpfigen Ufern und viele Seen. Im Verlauf der Fahrt zog leichter Nebel auf und als es zu regnen begann, war dieser mit Schneeflöckchen durchmischt.

Wir hielten dann am Rastplatz Flotane mit WC. Von dort starteten viele Wanderwege. Wir liefen aber nur kurz zu einem malerischen See mit Schneefeld und Wasserfall. Ein paar Kilometer weiter war schon der Vedahaugane erreicht, mit 1.306 m der höchste Punkt der Strecke. Am Parkplatz dort führt ein Betonsteg an einer Infinity-Bank entlang, von der man das imposante Panorama genießen kann, das unter anderem den Gletscher Jostedalsbreen im Norden und die imposanten Gipfel des Jotunheimen im Nordosten umfasst. Das „Heim der Riesen“ ist das höchste Gebirge Norwegens und Skandinaviens. Der Steg endet am Kunstwerk „Hiet På Vedahaugane“, einer kleinen begehbaren Höhle vom Architekten Lars Berge und dem Künstler Mark Dion. Darin liegt ein Bär im Winterschlaf auf einem Berg von Gegenständen, die man auch als Wohlstandsmüll interpretieren könnte. Die Installation soll die Besucher inmitten der beeindruckenden Natur zum Nachdenken anregen.

Dann ging es mit 9% Gefälle abwärts, durch grüne Wiesen an einem Bach entlang in den benachbarten Lærdalsfjord. Unten im Ort Lærdalsøyri angekommen, machten wir einen Rundgang durch das alte Viertel „Gamleøyri“ bzw. Gamle Lærdalsøyri, auf deutsch „Altes Lærdalsøyri“. Dort stehen noch 170 und damit ungewöhnlich viele, denkmalgeschützte Holzhäuser aus dem 18. und 19. Jh., wie etwa das hübsche Lindstrøm-Hotel von 1901. In Lærdalsøyri mit seinem sicheren Hafen laufen einige Hauptstraßen zusammen, die Ost- und Westnorwegen verbinden. Deshalb entstand dort schon im Mittelalter der berühmte Lærdalsmarkt.

Nach einer kalten Lachsplatte mit Kartoffelsalat als kleiner Stärkung, machten wir uns auf den Rückweg. Während wir am Morgen die obere Route über das Hochgebirge gewählt hatten, folgte nun die untere Route, mit einem Tunnel der Superlative. Der Aurlandsvangen-Tunnel ist mit 24,3 km der längste Straßentunnel der Welt. Am 29.11.2000 eröffnet, umfasst er drei bläulich beleuchtete Hallen, damit die Fahrer auf der langen Strecke in der Dunkelheit nicht einschlafen. Dann fuhren wir zum zweiten Mal an diesem Tag durch den mickrige 11 km langen Gudvanga-Tunnel zurück nach Gudvangen.

Über diese beiden hinaus gibt es in der Gegend noch viele weitere Tunnel, so dass wir insgesamt mehr als 50 km der 140 km langen Rundfahrt unterirdisch zurücklegten. Dabei fiel uns auf, dass fast alle Wohnmobile, denen wir begegneten, deutsche Nummernschilder hatten. Zudem scheinen die Norweger besonders große Tesla-Fans zu sein.

Nach diesem schönen Urlaubstag öffnete ich dann am Abend mein Mailpostfach. Ich hatte eine Nachricht von Hurtigruten bekommen: Knapp drei Tage vor der geplanten Abfahrt informierte uns die Reederei, dass die Kong Harald nicht auslaufen würde, weil coronabedingt weitere Postschifffahrten gestrichen worden seien. Die kurzfristige Absage war echt ärgerlich, denn vor lediglich einer Woche hatte man noch per Mail wissen wollen, ob wir wirklich kommen würden, was wir bestätigt hatten. Auf der Hurtigruten-Webseite stellte sich schnell heraus, dass das einzige Schiff, das in den nächsten Tagen fahren sollte, die Trollfjord war, einen Tag vor unserem geplanten Termin. Mit einem Anruf konnten wir noch umbuchen und die Dame im Callcenter bot uns als kleine Entschädigung noch 20% des Reisepreises als Bordguthaben an. Sie wollte sich sogar erkundigen, ob man uns dieses auszahlen könnte. Schließlich hatten wir ohnehin Vollpension gebucht, wollten keine Ausflüge machen und in nur drei Tagen auch keine fast 500 € in Getränke investieren. Zudem hätten wir noch 10% Rabatt auf die nächste Hurtigruten-Reise bekommen, die wir in absehbarer Zeit aber nicht planten. Ich rief also unsere private Vermieterin in Bergen an und bat sie unsere Buchung von 2 auf 1 Nacht zu verkürzen. Wir einigten uns schnell auf einen kleinen Aufpreis und Elisabeth erzählte, dass sie sich schon gewundert habe, weil die Kong Harald bereits seit Tagen im Hafen liege, aber nicht am Hurtigruten-Kai.

Der Ärger über die Reederei sei ohnehin groß, denn diese habe für ihr Expeditionsschiff Roald Amundsen, auf dem dann das Coronavirus ausgebrochen sei, einfach 30 Filipinos einfliegen lassen, die ohne Quarantäne gleich ihren Dienst begonnen hätten. Das Ergebnis waren drei Wochen Quarantäne für alle Besatzungsmitglieder in Tromsø und die Absage aller Expeditionen bis auf Weiteres. Generell würde Hurtigruten zuerst immer alles abstreiten und stecke in großen Schwierigkeiten. Dabei wären die Postschiffe doch eine von allen Norwegern geliebte und traditionsreiche Institution. Zudem sei ihr Vater für die Inneneinrichtung vieler älterer Hurtigruten-Schiffe verantwortlich gewesen. Zum Schluss erklärte sie, sie sei während unseres Aufenthalts nicht zu Hause. Den Schlüssel fänden wir in einem Kasten mit Codeschloss neben der Tür und das Geld sollten wir bei der Abreise einfach auf dem Wohnzimmertisch deponieren. Dann wünschte sie uns trotz allem eine wunderschöne Reise und meinte wir müssten nicht bis 12 Uhr auschecken, sondern könnten am Abreisetag bleiben, solange wir wollten. Das war praktisch, denn das Schiff sollte erst am Abend ablegen.

Mit gut 24 km ist der Aurlandsvangen-Tunnel der längste Straßentunnel der Welt. Er führt auch durch drei beleuchtete Hallen.

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