3. Tag

Heute waren wir in Richtung Westen unterwegs und folgten dem schönsten Küstenabschnitt bis Étretat. Das einstige Fischerdorf ist heute ein beliebter Badeort. Étretat ist deutlich kleiner als Fécamp und viel mehr auf Touristen eingestellt, wie die vielen Geschäfte und Restaurants an der Hauptstraße und der Promenade unübersehbar zeigen. Doch auch dort gibt es noch schöne alte Häuser, und der Kieselstrand der kleinen Bucht ist von imposanten Klippen „malerisch“ eingerahmt. Früher hatte diese Szenerie viele Künstler angezogen, wie etwa den Komponisten Jacques Offenbach, der gern den Wellen lauschte, den Schriftsteller Guy de Maupassant, der seine Jugend im Ort verbracht hatte, oder auch Claude Monet. Dieser hatte von 1883 bis 1886 einen Bilderzyklus der Bucht mit den damals noch täglich anlandenden bunten Fischerbooten gemalt.

Im Osten der Bucht erhebt sich die Klippe „Falaise d’Amont“ mit der Seefahrerkapelle „Notre-Dame de la Garde“ darauf, die über 180 Stufen in zehn Minuten von der Promenade aus erreichbar ist. Im Westen steht die Falaise d’Aval mit der 70 m hohen Felsnadel Aiguillet und dem gewaltigen Felsbogen Manneporte. Auch dorthin führt ein kleiner Pfad hinauf. Allerdings ist das frei zugängliche Gelände auf die Klippe selbst beschränkt, gleich dahinter beginnt ein von Stacheldraht umzäunter Golfplatz. Und der Atlantikwall hat ebenfalls seine Spuren hinterlassen. Die 1.500 Minen und die Panzersperren sind zwar längst entfernt, aber die Reste von 19 Bunkern stehen noch. Außerdem gab Generalfeldmarschall Rommel 1944 höchstpersönlich den Befehl die Villen und das Hotel Roches Blanches an der Promenade abzureißen, um freies Schussfeld für ein dort aufgestelltes Geschütz zu haben.

Nachdem wir den Blick nacheinander von den beiden gegenüberliegenden Klippen hatten schweifen lassen, schlenderten wir noch ein wenig durch die Straßen, vorbei auch am altehrwürdigen Edel-Hotel „La Résidence Manoir De La Salamandre“. Dann wollten wir im schönen Panorama-Restaurant des auf den Klippen gelegenen Dormy House-Hotels zu Mittag essen. Am Sonntag waren allerdings viele andere auf dieselbe Idee gekommen und es war kein Tisch mehr frei. In der Sonne war es zwar auf der Gartenterrasse warm genug, aber dort war es viel zu windig. Die freundliche Rezeptionisten empfahl uns daher einfach noch ein Stück weiter hinauf zum Golfclub zu fahren, aber dort bekamen wir ebenfalls keinen Tisch mehr.

Auf dem Weg hinunter sammelten wir noch ein paar Esskastanien und fuhren dann auf der Küstenstraße D940 in Richtung Le Havre weiter. Bei Saint-Jouin-Bruneval folgten wir spontan einem Schild zum Restaurant „Le Belvédère“. Dort war der Name Programm, denn es liegt direkt auf der Klippenkante und die Panoramafenster eröffnen einen weiten Blick auf das Meer. Zu unseren Füßen lag dabei jedoch der Port d’Antifer. Der Industrie-Hafen mit einer 3,5 km langen Mole und großen Tanks wurde 1975 für die immer größer werdenden Supertanker gebaut, um 20 km nördlich von Le Havre eine Anlegemöglichkeit für Schiffe mit 500.000 Tonnen Ladevolumen und 30 m Tiefgang zu schaffen.

Der Guide Michelin 2019 hatte für das Restaurant einen Teller vergeben: Eine Küche mit guter Qualität. Wir wollten uns selbst davon überzeugen und entschieden uns für das Menü „Haut Normand“ für 36 €. Die Vorspeise waren sechs gratinierte Austern mit Lauch und Fenchel-Confit. Die weiteren Gänge waren Kabeljau mit Normandie-Kartoffeln und Rosenkohl sowie ein Croustillant, eine dünne, fritierte Teigröhre, gefüllt mit Camembert, karamelisierten Äpfeln und Salatbouquet. Zum Dessert gab es ein Meringue mit Himbeer-Sorbet und Sahne. Eine für uns neue Entdeckung auf der Getränkekarte war dabei der Poiré, das Birnen-Schaumwein-Pendant zum Cidre.

Erst etwa 2 Stunden später fuhren wir satt und zufrieden weiter nach Le Havre. Die Hafenstadt war im Zweiten Weltkrieg 1944 durch alliierte Luftangriffe fast völlig zerstört und in den 1950-er Jahren vom belgischen Architekten August Perret als seinerzeit ultramoderne Modellstadt im Stahlbetonstil wieder aufgebaut worden. Das Baumaterial gewann man aus den Bergen von Ziegelschutt. Der 107 m hohe Glockenturm der Kirche Saint-Joseph, der an einen Leuchtturm erinnert, wurde schnell zum markanten Wahrzeichen. Trotzdem galt das neue Stadtzentrum lange als Bausünde. Es zählt aber seit 2005 neben Oskar Niemeyers Brasília zum UNESCO-Welterbe, als eines von zwei charakteristischen Stadtensemblen des 20. Jahrhunderts.

Den Panoramablick auf Stadt, Hafen und die Seine-Mündung von den „Jardins Suspendus“, den 17 Hektar großen Botanischen Gärten auf dem Gelände der alten Zitadelle, konnten wir allerdings nicht mehr genießen, da dieser in der Nebensaison schon um 17 Uhr schließt. Daher fuhren wir hinunter zum Strand mit einer breiten Promenade und langen Reihen von bunten zerlegbaren Badehäuschen. Über die Kiesel liefen wir bis zur Kaimauer des Yachthafens, wo der Wind den Wellen soviel Kraft verlieh, dass sie beim Auftreffen auf die Spitze des Kais krachend meterhoch in die Luft spritzten. Ein beeindruckendes Schauspiel, bei dem mich der schlanke Mast mit Positionslichtern an der Spitze der Mole an die Fotoserie „Leuchttürme im Sturm“ erinnerte. Der Franzose Jean Guichard hat sie aus dem Hubschrauber heraus in seiner Heimat gemacht. Am berühmtesten ist die Bildfolge „La Jument“ des gleichnamigen Leuchtturms vor der Küste der Bretagne.

Abends fuhren wir dann zurück ins knapp 50 km entfernte Fécamp.

Die stürmische See schlägt gegen die Kaimauer des Yachthafens von Le Havre, dabei entstehen imposante Wasserberge.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

Autor *:

Webseite: