9. Tag

Wir verließen Svolvær auf der E10, der Hauptstraße der Inselgruppe, in Richtung Süden. Nach 5 km erreichten wir die alte Metropole Kabelvåg, deren Hafen längst versandet ist. Der Ort ist nicht mehr sonderlich sehenswert, seit die meisten alten Holzhäuser 1991/1992 verbrannt sind. Es gibt dort allerdings die schon von weitem sichtbare Vågan-Kirche. Die „Kathedrale der Lofoten“ von 1898 ist die größte Holzkirche nördlich von Trondheim. Sie war bei unserem Besuch wegen Restaurierungsarbeiten aber fast komplett von einem Gerüst umhüllt. Eine andere Sehenswürdigkeit ist das Lofoten-Museum, das mit alten Fischerhäusern und einem traditionellen Boot an die weltberühmte Fischereikultur der Lofoten erinnert. Kleine Fischerweiler, wie es sie an der gesamten norwegischen Küste gab, bildeten den Ursprung vieler Lofotendörfer. Die Weiler entstanden vermutlich schon in der Steinzeit an natürlichen Häfen. Den Trockenfisch produzierten bereits die Wikinger auf den noch heute gebräuchlichen Holzgestellen, die vielerorts aufgestellt sind. Der Fisch war sehr nahrhaft und nahezu unbegrenzt haltbar. Das machte die langen Fahrten der Wikinger bis nach Amerika, die sie schon 500 Jahre vor Kolumbus unternahmen, erst möglich.

Die „Nordmänner“ brachten den Trockenfisch auf ihren Raubzügen später auch mit nach Südeuropa. Im 12. Jahrhundert übernahmen dann die Kaufleute aus Bergen den Handel. Zur Hochzeit des Trockenfischhandels lebten bis zu 30.000 Fischer den Winter über in Rorbuern, verteilt auf 20-30 Siedlungen. Im 19. Jahrhundert lösten reiche Großhändler die Kaufleute ab, die sogenannten Dorfkönige oder Nessekonger, wie etwa J.M. Johansen aus Stamsund. Ihnen gehörten die Hütten, die Boote und die Fanggründe. Zudem diktierten sie den Fischern die Abnahmepreise, die sie am liebsten in Form von überteuerten Naturalien aus den eigenen Läden bezahlten. Ein ähnliches Konzept, wie früher in den Salpeterminen in Chiles Atacama-Wüste.

Erst Mitte der 1930-er Jahre drängten Gewerkschaften die Macht der Dorfkönige langsam zurück. Über Jahrhunderte trug der Dorsch bzw. Kabeljau zu 80% der Wirtschaftsleistung Norwegens bei. „Die Fischerei ist die größte Goldgrube Norwegens und wird es hoffentlich immer bleiben“, stellte das Parlament in Oslo 1816 fest. Inzwischen macht die Fischerei aber nur noch 1% der Wirtschaftsleistung aus und dabei ist die Lachszucht schon eingerechnet. Der getrocknete Dorsch, auch Klippfish genannt, ist jedoch bis heute das wichtigste Erzeugnis der Lofoten. Der größte Teil dieser „Delikatesse“ geht noch immer nach Italien. Dort ist er als Daccalà bekannt und in Spanien als Bacalao.

Auf der Weiterfahrt zeigten sich die Lofoten als grandiose Kulisse. Mit 10 °C war es zwar frisch, aber die Sonne schien und viele Norweger waren in Shorts und T-Shirt unterwegs. Zudem hatten sich einige Damen am heutigen Sonntag traditionell in Tracht gekleidet. 10 km hinter Kabelvåg machten wir einen 9 km Abstecher von der E10 über die R816 nach Henningsvær. Zum berühmtesten Fischerdorf der Lofoten mit 500 Einwohnern und bunten Trawlern im Hafen gelangt man, wenn man am fast 1.000 m hohen Vågakallen vorbei durch einen Tunnel nach Rørvika fährt. Dort lohnt der kleine, schneeweiße Halbmondstrand Rørvik White Sands Beach eine kurze Visite. Kurz darauf erreichten wir Henningsvær an der Südspitze von Austvågøy, verteilt auf mehrere kleine vorgelagerte Inseln, die über drei Bogenbrücken erreichbar sind.

Zurück auf der E10 passierten wir an der Fähranlegestelle Lyngvær ein Schild mit der Aufschrift „Skulpturlandskap“, einem Kunstprojekt in der Provinz Nordland mit mehreren Standorten. Wir hielten an und hatten einen tollen Blick auf die Bogenbrücke nach Vestvågøy, der zweitgrößten Insel des Archipels. Zudem besuchten wir die Skulptur von Dan Graham, eine Glaskonstruktion mit Holzrahmen und durchscheinenden, konvexen Spiegelwänden, die Aussicht auf die gegenüberliegenden Berge noch einmal ganz anders zeigten.

Dann fuhren wir auf der E10 weiter nach Vestvågøy. Dort folgten wir hinter der Brücke nicht weiter der E10 durch das Inland, sondern bogen nach links auf die Fv815 ab. Diese Küstenstraße bietet viele tolle Ausblicke und führt über Stamsund nach Leknes, dem sterilen Verwaltungszentrum der Insel. Dort trifft sie wieder auf die E10, der wir weiter nach Süden folgten. Durch den 1,8 km langen Nappstraumtunnel gelangten wir unter dem Meer auf die nächste Insel Flagstadøy. Unser Tagesziel war die südlichste Insel Moskenesøy, mit der eindrucksvollsten Gebirgskulisse der Lofoten. Die Straße führt dort über mehrere kleine Brücken und Inselchen.

Wir bezogen dann unser Rorbuer in Hamnøy, in schöner Lage am weit verzweigten Kirkefjord. Die Hütten, die es seit dem 12. Jahrhundert gibt, waren früher spartanisch eingerichtet, mit Plumpsklo und ohne fließendes Waser. In dem einzigen großen Raum lagerten die Netze und andere Ausrüstung. Hinter einem Vorhang befanden sich an der Seite die Schlafkojen für die 8-12 Ruderer der offenen Boote. Heute lässt die Ausstattung, bei entsprechenden Preisen, keine Wünsche offen.

Wir erkundeten auch gleich die überschaubare Halbinsel mit insgesamt renovierten 70 Fischerhütten und einem kleinen Hafen. Da wir uns nördlich des Polarkreises befanden, schauten wir am Abend natürlich nach Polarlichtern. Der Himmel war klar und es erschienen immer mehr Sterne. Richtig dunkel war es aber erst gegen 23 Uhr. Wir entdeckten keine Polarlichter. Am nächsten Morgen erfuhren wir aber an der Rezeption, dass um kurz nach Mitternacht welche über der Bucht geleuchtet hatten. Da hatten wir aber schon geschlafen.

Nordlichter, auch Aurora Borealis genannt, sind am zuverlässigsten in einem Radius von 2.500 Kilometern um den Nordpol herum zu sehen, dem sogenannten Aurora-Oval. Je weiter nördlich die Position, umso höher ist die Wahrscheinlichkeit, dass Polarlichter erscheinen. Daher gelten Norwegen jenseits des Polarkreises (66°33’N) und Spitzbergen als Toplocations. Es gibt die Nordlichter zwar ganzjährig, doch nur im arktischen Winter zwischen Ende September und Anfang April ist der Polarhimmel dunkel genug, um sie sehen zu können. Voraussetzungen sind auch ein wolkenfreier Himmel und ein möglichst kräftiger Sonnenwind.

Am aktivsten ist die Aurora um die Tagundnachtgleichen herum, im März und September. Die Beobachtungszeiten sind zwischen 17 Uhr und 2 Uhr morgens. Oft erscheinen die Nordlichter nur für ein paar Minuten, verschwinden und tauchen später wieder auf. Sie können aber auch länger zu sehen sein, im Glücksfällen sogar einige Stunden. Voraussagen basieren auf dem Kp-Index, der dem planetarischen magnetischen Index mit einer Skala von 1-9 entspricht. Gute Chancen bestehen ab 4-5. Unter https://www.gi.alaska.edu/monitors/aurora-forecast kann man beim Geophysikalischen Institut der University of Alaska alle vorhergesagten Aktivitäten in allen Aurora-Regionen abrufen.

Über die Lofoten verteilt sind die Standorte des Kunstprojekts „Skulpturlandskap“. Hier die Skulptur von Dan Graham.

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