5. Tag

Die Seine von Rouen bis zur Mündung bei Le Havre war früher das Zentrum des fränkischen Merowinger-Reichs. Als diese zum Christentum konvertierten, entstanden dort die ersten Klöster und Abteien entlang des Flusses, denn die Seine war der wichtigste Verkehrsweg, seit die römischen Straßen nicht länger instand gesetzt wurden. Nachdem die Normannen das Gebiet übernommen hatten und die räuberischen Wikinger befriedet waren, blühten die Ordenshäuser erst richtig auf. Auf ihren Spuren folgten wir der „Straße der Abteien“, die größtenteils der D982 flussaufwärts entspricht.

Erste Station war die Abbaye Saint-Georges in Saint-Martin de Boscherville, 10 km hinter Rouen. Dort kauften wir Kombitickets für 9,50 Euro, die gleich den Besuch einer zweiten Abtei einschlossen. Für den Rundgang durch die Benediktiner-Abtei von Boscherville bekamen wir zudem noch Audioguides auf deutsch. Wir erfuhren, dass die Abtei 1113 gegründet und die rein romanische Abteikirche ebenfalls schon im 12. Jahrhundert gebaut worden war. Die Französische Revolution überstand sie unzerstört, weil sie zu dieser Zeit schon die Pfarrkirche des Ortes gewesen war. Die schlichte Architektur aus weichem weißen Kalkstein mit harten schwarzen Feuerstein-Einschlüssen fängt durch vorgesetzte Bögen das Gewicht der mächtigen Gewölbe geschickt ab, so dass große Fenster den Innenraum sehr gut erhellen. Einziger Schmuck sind innen und auch außen zahlreiche Kapitelle mit Figuren, wie etwa der berühmte Münzpräger auf der Rückseite der Kirche. Die Figur blickt auf den im Stil der französischen Gartenarchitektur restaurierten Klostergarten. Dieser symbolisierte früher den Sieg über die Natur und sollte das Paradies darstellen.

Wir machten dann einen kurzen Abstecher zum 5 km entfernten märchenhaften Herrenhaus Manoir de Villers in Saint-Pierre-de-Manneville. Da es in der Nachsaison nur an den Wochenende geöffnet ist, konnten wir lediglich einen Blick durch das Gartentor werfen.

So ging es schon bald weiter über die D982 zur Abbaye de Jumièges. Für Victor Hugo war sie die schönste Ruine Frankreichs. Die erhalten gebliebenen Reste sind noch immer imposant, aber doch nur ein Bruchteil des ursprünglichen Gebäude-Ensembles. Denn zwischenzeitlich hatte ein Holzhändler das ganze Gelände gekauft und 30 Jahre lang als Steinbruch genutzt. Die Abtei wurde bereits 654 gegründet und zwischen 1040 und 1066 in deutlich vergrößerter Version neu errichtet. Heute kann man noch die Ruine der Abteikirche mit ihren beiden mächtigen Türmen und dem Langschiff mit 30 m hohen Wänden sowie das feudale Haus des Abtes und die Gartenanlage aus dem 17. Jahrhundert besichtigen.

Nach noch einmal 5 km stoppten wir abschließend an der bis heute bewirtschafteten Benediktiner-Abtei „Abbaye de Saint-Wandrille“. Sie geht auf die Gründung durch den Heiligen Wandrille im 7. Jahrhundert zurück, wurde später von den Wikingern zerstört und im 10. Jahrhundert wieder aufgebaut. Im Zuge der Französischen Revolution musste der Orden das Kloster aufgeben, kehrte aber 1894 dorthin zurück. Hinter dem neoklassizistischen Torbogen der Grundstücksmauer stehen die Ruine der Abtei, die heutigen Klostergebäude, ein großer Shop, der unter anderem selbst gebrautes Bier anbietet, und eine kleine Kirche. Diese wurde 1969 aus den Balken einer alten Scheune gebaut. Auf dem kleinen Friedhof am Hang daneben fanden sich auch zwei neue Gräber aus dem Jahr 2019. In Frankreich scheinen die Klöster genau wie in Deutschland langsam auszusterben. Im Spiegel war passend dazu unter der Überschrift „Zu Besuch bei den letzten Mönchen“ ein Artikel über die Benediktiner-Abtei Beuron bei Tübingen erschienen.

In Saint-Wandrille sollten die Messen morgens und abends von gregorianischen Gesängen begleitet werden. Wir konnten in der Holzkirche immerhin ein paar Orgelstücken lauschen, zusammen mit einer älteren Dame, die außer uns als einzige in den Holzbänken saß.

Auf der Weiterfahrt nach Honfleur überquerten wir später noch die Seine auf der mautfreien Brotonne-Brücke mit einer lichten Höhe von 50 m, damit auch größere Schiffe hindurch fahren können.

Die Reste der Abbaye de Jumièges mit einer Gartenanlage aus dem 17. Jahrhundert waren für Victor Hugo die schönste Ruine Frankreichs.

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