4. Tag

Bei der Abreise aus Fécamp stoppten wir kurz vor der Klosterkirche „Abbatiale de la Sainte-Trinité“, die von 1175-1220 mit einem sehr langen Hauptschiff gebaut worden war. In der Marienkapelle wird dort die Reliquie des Heiligen Blutes aufbewahrt und nur einmal im Jahr herausgeholt. Diese Reliquie besteht aus einem Behältnis mit einem mit dem Blut Christi befleckten Feigenstamm darin. Der Stamm wurde der Legende nach angeschwemmt und schlug am Strand der heutigen Stadt wieder aus.

Wir fuhren dann weiter ins 70 km entfernte Rouen. Die Hauptstadt der Normandie liegt in einer weiten Seine-Schleife. Im Hundertjährigen Krieg belagerte sie Heinrich IV von England im Jahr 1418, um so seine Ansprüche auf die Normandie zu untermauern. Nach 6 Monaten ergaben sich schließlich die französischen Verteidiger, doch das Bauernmädchen Jeanne d’Arc machte den deprimierten Stadtbewohnern einige Jahre später wieder neue Hoffnung. Etwa ein Jahr lang motivierte sie die heimischen Truppen dazu die Engländer aus mehreren Städten zu vertreiben, weil der Legende nach eine Jungfrau das Land befreien sollte. 1430 wurde sie jedoch durch Verrat gefangen genommen und in einem weltberühmten Schauprozeß wegen Ketzerei und Hexerei verurteilt und schließlich in Rouen auf dem Scheiterhaufen verbrannt. Die Asche der 19-jährigen verstreute man dann in der Seine.

Unsere Stadtbesichtigung begannen wir auf dem Place du Vieux-Marché im historischen Zentrum, wo einst der Scheiterhaufen gestanden hatte. Rund um den Marktplatz und im historische Zentrum stehen noch viele restaurierte mittelalterliche Fachwerkhäuser. An Jeanne d’Arc erinnern ein Denkmal und die 1979 eingeweihte Église Sainte-Jeanne-d’Arc in Form eines umgedrehten Schiffsrumpfs.

Vom Marktplatz aus folgten wir der Rue du Gros-Horloge durch den namensgebenden Torbogenpavillon „Le Gros-Horloge“ von 1527 mit einer großen Uhr von 1389 zur gotischen Kathedrale. Diese zählt zu den schönsten Kirchen Frankreichs. Claude Monet hat sie auf mehreren seiner Gemälde verewigt. Während der deutschen Besatzung von 1940-1944 beschädigten alliierte Luftangriffe die Kathedrale, das Rathaus und viele weitere Gebäude schwer. Da man die historischen Glasfenster größtenteils rechtzeitig in Sicherheit gebracht hatte, konnte man sie nach dem Krieg schnell wieder einsetzen. Das Gotteshaus, dessen Bau 1170 begonnen worden war, war aber erst 1980 wieder weitgehend restauriert. Um 16 Uhr konnten wir sogar einem Konzert der Lübecker Knabenkantorei mit Orgelbegleitung lauschen. Der Chor war gerade auf einer Tournee durch Deutschland und Frankreich.

Nur einen Block hinter der Kathedrale steht am Place Barthélémy mit einem besonders schönes Fachwerk-Ensemble die im 15. Jahrhundert im Flamboyant-Stil erbaute Kirche Saint-Maclou. Auf dem Weg dorthin kamen wir am Bischofspalast vorbei, wo eine Tafel an die vollständige Rehabilitierung von Jeanne d’Arc durch Papst Callixtus III im Jahr 1456 hinweist. 1904 wurde das Mädchen zudem selig und 1920 heilig gesprochen.

Hinter der Kirche Saint-Maclou erreicht man durch eine Passage den Aître Saint-Maclou, den dazugehörigen Friedhof. Das altfranzösische Wort „Aître“ heißt Friedhof und ist von „Atrium“ abgeleitet, dem lateinischen Wort für den Innenhof vor dem Eingang einer römischen Villa. Der Friedhof ist einer von nur vier Ruhestätten in ganz Frankreich, die mit den dazugehörigen Beinhäusern erhalten geblieben sind. Die anderen drei befinden sich in Montvilliers, Blois und Montford-L’Amaury. Alle vier zeigen die Begräbnis-Sitten des Mittelalters. Damals wurde die Bevölkerung in der Regel in Massengräbern beerdigt und auf dem Friedhof ging man nicht nur spazieren, dort gab es auch Handel und Spiele.

Die Geschichte des Friedhofs in Rouen reicht zurück bis zur Pest-Epidemie von 1348-1351, die in Europa ein Drittel der Menschen tötete. Frankreich war zu dieser Zeit durch den Hundertjährigen Krieg und Hungersnöte ohnehin schon geschwächt. Nach diesem ersten Ausbruch des Schwarzen Todes mussten die Kapazitäten von Saint-Maclou schließlich von 1527-1533 um drei Gallerien rund um den Hof erweitert werden. Dort lagerte man dann die wieder ausgegrabenen Knochen der Verstorbenen. Die Holzbalken der Gebäude sind passend dazu mit dem Tanz des Todes, Schädeln, Knochen, Schaufeln und religiösen Emblemen verziert. Die Nutzung als Pestfriedhof endete erst am Ende des 18. Jahrhunderts.

Der Friedhof „Aître Saint-Maclou“ ist eine von nur vier Ruhestätten in ganz Frankreich, die mit den dazugehörigen Beinhäusern erhalten geblieben sind.

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